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daß wir in der erſten Viertelſtunde kein Wort mehr ſagen werden.
Nicht wahr, das ſieht man nicht alle Tage? Es iſt mehr als kühn, es iſt verwegen, ſo eine ganze Stadt auf die Plattform eines 1400 Fuß hohen, nach drei Seiten ſchroff abfallenden Felsrieſen zu werfen und ihn auf der vierten noch abzugraben, daß ſie, ſobald die Zugbrücken auf⸗ gehen, geradezu in der Luft ſchwebt. Dieſe ſchießſchartigen Mauern rings mit den runden und eckigen, einander über⸗ ragenden Vorſprüngen; dieſe nach der Seite des zu hüten⸗ den Thales förmlich in's Blaue hinausſpringende Citadelle, die durch Gräben und eherne Mauern wieder von der Stadt abgeſchloſſen iſt; die roſtigen Häuſer drinnen, die ſich wie Schafe im Pferch um die uralte Kirche drängen: wunderliche Wirthſchaft, vielleicht einzig in ihrer Art! Und doch iſt der Eindruck noch eigenthümlicher, wenn wir hinaustreten, zwiſchen der„Gendarmerie Impériale“ und einer ſchauer⸗ lichen Baracke von„Café“ durch nach dem erwähnten Fort ſteigen, das die Landſeite deckt, und uns dicht hinter dem— ſelben in's Gras legen. Da ſieht man von oben herab auf das Adlerneſt, und wenn man ſo liegt und läßt den Vor⸗ ſtellungslauf durch den Sehnerv bedingen, da hört man bald den Thorwart in's Horn blaſen, ſieht, den Falken auf der Hand, das Edelfräulein von Lützelſtein auf weißem Zelter hervorreiten, umflogen von Windſpielen und von lockigen Pagen gefolgt, auf deren blauſammtenen Baretten die lichten Federn wallen. Und von der andern Seite kommt der finſtere Graf, an der Spitze von Rittern und Reiſigen, heimkehrend vom wilden Raubzug; ſtark angetrunken toben und ſchwadron⸗ niren ſie und ſchmieden neue Gewaltpläne, und der Huf— ſchlag klingt, und die Schwerter raſſeln— ſo deutlich, ſo dicht vor unſerm Ohr, daß wir aufſpringen, herumfahren, und ſiehe, es ſind wirklich Gewappnete, die auf uns zukom— men, luſtwandelnde Soldaten von der hier ſtationirten Com— pagnie. Kommen Sie, da wir doch einmal geweckt ſind, einen Gang durch die kerkerhafte, bruſtbeklemmende Stadt zu machen und dann durch Schaaren von Spaziergängern beiderlei Geſchlechts, unter denen ſich die zwei oder drei Offiziere wie verlorne Poſten ausnehmen, zurück zu den idylliſchen„drei Roſen“”.„Komm her, mein Schatz, gieb mir ein'n Kuß“ ſchallt es mit dem herzigen Tralala, tralala dahinter von den Feſtungsmauern her, und ſo können wir ruhig ſein— wir ſind nicht in der Fremde.
Che wir unſern Weg nach Lichtenberg fortſetzen, muß ich Sie anderthalb Stunden weit links abführen, nur um Ihnen das pittoreske Graufthal zu zeigen, deſſen Hütten zum Theil wie Schwalbenneſter unter die Felsvorſprünge
geklebt ſind(ſ. d. Abbild.) Lange halten wir uns nicht auf,
denn wer könnte reine Freude haben an einem Schauſpiele, das uns menſchliches Elend verſchafft. Blutarme Leute, die vom Schaffen im Walde, vom Sockenſtricken und der Arbeit, die eine Zündhölzchenfabrik zu geben vermag, dürftiglich vegetiren! Kehren wir um und ſteigen von Lützelſtein rechts den wohlbebauten Abhang herunter. Drunten ſchlendern wir am Saume des gutgepflegten Waldes unter königlichen Bäumen daher, leicht und ſorglos, wie Eichendorff's Tauge⸗ nichts, denn vor uns ſchreitet der ſichere Führer, der, an's Tragen gewöhut, der Reiſetäſchlein Laſt kaum gewahrt. Wie das duftet, unten grünt und oben blaut! Es ſingt und klingt, pfeift und zwitſchert an allen Ecken und Enden; die Amſel lockt, kollernd koſen die Waldtauben und das eitle „Kuckuk, kuckuk“ verhöhnen ſchreiend die Häher und Raben. So geht's fort, bald auf ſandigem Fahrwege, bald auf luſtigem Fußpfad, über Berg und Thal. Grüß euch Gott,
ihr ſoliden, ſauber gekleideten Häuschen von Ergottsweiler, auch euch, ihr Veitshöhlen in Miniatur, die ihr dem Wan⸗ derer Schutz gegen Sonne und Wetter bietet, und vor Allem Dich, Du Förſterhäuschen dort hinten, ſo weiß und roth, wie Milch und Blut. Nur ausnahmsweiſe von einem harm⸗ loſen Hündlein angebellt, wandert man quer durch einen fruchtreichen Rieſenkeſſel nach Wimmenau, der Heimath des glücklichen Hirtenbuben, der in Oſtindien reich wurde und als Gouverneur von Breda ſtarb, und im Orte ein Stücklein der Straße nach, die von der lothringiſchen Bergfeſtung Bitſch nach Buchsweiler führt. Die Leute ziehn höflich die Hüte, als wären wir Prinzen, und an den letzten Häuschen, wo wir links abbiegen, verräth ſich in rührender Weiſe ihr kei⸗ mender Schönheitsſinn, in den viereckigen Winkeln zwiſchen Thüren und Fenſtern: grauer Grund und Rahmen für künftige Fresken. Daß in dem benachbarten Stift Kahlenburg, zu dem aus der Kloſterkirche von Wingen ein dreißig Minuten langer, unterirdiſcher Gang führen ſoll, Nonnen gewohnt haben, halten wir für maliciöſen Scherz; wahr iſt aber, daß ſich in der gran⸗ dioſen Wildniß, die wir nun betreten und in der ſich Wälder auf Wälder ſchichten, ſelbſt ein Führer verirren und dahin kommen kann, mit wahrem Schafsgeſicht einzugeſtehen, man müſſe, den abgewetterten Bäumen dort folgend, die Höhe erklettern, um zu ſehen, wo man ſei. Zum Glück trifft man jedenfalls auf eine Landſtraße, von der man mehr
nie ſah— das erſehnte Lichtenberg erblickt. Die Feſtung liegt auf einem faſt bis obenhin bewaldeten, abgeſtumpften Bergkegel, an dem ſich links hinauf, heiterer als Litzelſtein, der offene Flecken zieht. Keck und hochfahrend, wie ſeine wegen beiſpielloſer Liederlichkeit und Grauſamkeit übelberüch⸗ tigten Herren von weiland, ſpreizt ſich der altersgraue Bau mit verwitterter, dunkelrother Bedachung auf dem geräumi⸗ gen Hochplateau, auf der einen Seite von einem iſolirten Thurm als Schildwache flankirt, den— ein wallender Feder⸗ buſch— die obligate Schloßlinde überragt. Einem finſtern Tyrannen gleich,„wie blut'ger Nordlichtſchein“ beherrſcht er die ganze Gegend, und wenn Bitſch, was nach Goethe's Schilderung wohl zu glauben iſt, ebenſo gebieteriſch daliegt, wie Lützelſtein und Lichtenberg, ſo ſollte man durch dieſe drei einzig übrigen Veſten den Durchzug durch den nördlichen Theil des Wasgau hinlänglich verwehrt glauben. Freilich
Nehmen wir unſer Bild von der erwähnten Bergſtraße nach Bärenthal ohne Bären auf und folgen ihr dann in ent⸗ gegengeſetzter Richtung den Berg hinab, gen Jagweiler. Das Dorf muß wohlhabend ſein, nicht weil in der Ebene drunten ſo jammervolle Pappeln am Wege ſeufzen, ſondern weil manche der Viergeſpanne, die von dorther zu Walde tra⸗ ben, ohne Aergerniß vor Kaleſchen gelegt werden könnten. Da iſt's ja! Auch das Eingangsthor zum„lieu de repos“ mit ſeinem mehr koſtſpieligen, als äſthetiſchen gemauerten Drillingsgiebel, dem eiſernen Gitterwerk drunter und der ſteifen Platanenreihe davor deutet Wohlſtand an und die mitunter luxuriöſen Häuſer, an deren Fenſtern vorzugsweiſe Feuerlilien prangen, beſtätigen ihn. Gut ſcheinen die Leute nicht minder; wenigſtens dürfen wir uns über den Wirth des„Hotel zum Schwanen,“ wo Wirthsſtube und Bäckerladen noch paradieſiſch Eins ſind, nicht beklagen. Bereitwillig hilft er uns zu einer billigen Chaiſe, und während der Gaul zwiſchen Pfaffenhofen(einſt das Hauptlager der aufſtändiſchen Bauern) dem Hagenauer Forſt und dem Gebirge durch— klimmt, können wir mit gutem Gewiſſen ſchlafen. Ueber⸗ hängende Dächer und Schieferſchirme ob Thüren und Fenſtern,
oder minder links oder rechts— ſtaunend, wenn man's
pflegen unſere Zweiunddreißigpfünder nicht eben zu ſcherzen.


