Jahrgang 
1857
Seite
640
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ſpruchsloſer Leinentracht. Ach.... à Petite-Pierre? Das verläuft ſich nach allen Seiten in pure Holzwege, und immer dichter wird der Wald. Da, zur Linken nein, der Pfad verſchwindet. Hier rechts ſachte, das geht rückwärts. Am Betretenſten ſcheint der Weg in der Mitte, alſo ihm nach! Gut gewählt, da kommt ein Wieſenthalkeſſel, an der Mühle darin ſollten wir fragen. Sehen Sie die Mühle? Pas du tout! Thut nichts, es geht ja nur ein Weg das Thal hinunter. Aber nehmen Sie's mir nicht übel, der iſt verteufelt lang. Endlich ein Meierhof, eine Mühle, doch die liegen drüben, weit ab, jen⸗ ſeit des Waſſers. Gottlob, ein Schäfer am Wege. Wo ſind wir?N'comprehds pas. Est-ce la route de Petite-Pierre?Comment? Es gelingt, uns ver⸗ ſtändlich zu machen, und was thut der verflammte Kerl? Mit einemPetite-Pierre? Laà! zeigt er beinahe in die Richtung hinein, aus der wir ſo eben kommen. Da ſchwebt Einem denn doch der Refrain von Beranger's bon Dieu auf der Zunge, d. h. wenn man nicht ſo geſcheidt iſt, aus voller Kehle zu lachen.

Was hilft's? Der Bach da iſt die Zinſel, in der Nähe liegt Doſſenheim; irren wir durch. Zu ſehen giebt's nichts mehr, als ein paar Holzfuhren und eine Gänſeheerde, bei der man nun einmal, ſeit Kortüm's Jobſiade geſchrieben und illuſtrirt worden, nur an Frau Baſen denken kann. Gang, Haltung, Bewegungen und Zuſammenſtecken der Köpfe, die einzelnen Gruppen, das gleichzeitige Schwatzen der ganzen Geſellſchaft: Alles mahnt an Kaffee ⸗Viſiten, und ſelbſt das unermüdliche Stehen auf Einem Beine erinnert an die ſich empfehlendeFrau Nichte, die, nur noch mit Einem Fuß in der Stube ſtehend, Stoff zu einem ſteno⸗ graphiſchen Berichte giebt, der ſelbſt nach dem alten preußi⸗ ſchen Preßgeſetze cenſurfrei wäre. Was Wunder auch? Solche Aehnlichkeiten finden ſich überall, und Thiere ſind überhaupt nichts als ſomnambüle Menſchen.

Nehmen wir in Doſſenheim, wo uns Wein, Brod und der hierzulande ſo beliebtewiſſe Käs erquickt, einen Wagen, denn die heiße Straße nach Neuweiler kann man nicht gehen. Für einpaar Groſchen Trinkgeld fährt unſer jugendlicher Kutſcher poſtmäßig, zeigt uns links den Herrenſtein und das kecke Forſthaus drauf, rechts den durch ſeine Braunkohlen⸗ gruben bekannten Baſtberg, an deſſen Fuß ein Zipfel von Buchsweiler ſichtbar wird. Die unregelmäßig gebaute Stadt, die einſt wegen ihrer Bildung und WohlhabenheitKlein⸗ Straßburg genannt wurde und vor der Revolution die Hauptſtadt der 1735 an Heſſen⸗Darmſtadt fallenden hanau⸗

lichtenbergiſchen Beſitzungen war, hat viele alte Häuſer, ein

weſentliches Intereſſe aber wohl nur für den Induſtriellen. Laſſen wir ſie; ſchon naht Neuweiler, ein, wie es von draußen ſcheint, reicher und prächtiger Ort, der aber, ſo wie man hineinkommt, ein höchſt armſeliges Anſehen gewinnt. Triſte Prahlerei! Nur ſind mit nichten armſelig die beiden Kirchen: die eine ſpätromaniſch, mit Roſe und Rundbogen⸗ frieſen, einem zwei kleinere, cylindriſche Thürmchen mächtig überragenden, aus dem Viereck in's Achteck übergehenden, Hauptthurme über der Vierung und dem, zwar die reine Symmetrie des Bau's, nicht aber den ſinnigen Betrachter ſtörenden großen Storchneſt auf dem Querſchiffe; die andere, die Sie nebenan abgebildet ſehen, vereinigt in möglichſt brillanter Weiſe alle vier Style. Sind Quer⸗ und Neben⸗ ſchiffe romaniſch, ſo hat das Mittelſchiff gothiſchen Anſtrich, die Thurmkuppel auf dem Kreuzmittel erinnert an Byzanz und die Hauptfagade mit ihren Engelgruppen auf den vier Ecken des horizontal abgeſchnittenen Thurms, den vorwitzige

aber wo iſt denn die Route

Schlingpflanzen glücklich erklettert haben, gehört der Renaiſ⸗ ſance oder vielmehr dem Rococo. Die Einzelheiten ſind äußerſt intereſſant, und ſelbſt die Kirche als Ganzes wird einen bedeutenderen Eindruck machen, ſobald die Ergänzungs⸗ arbeiten, die eben unter der Leitung des erprobten Architekten Böswillwald beginnen, am Ziele ſind. Auf dem Friedhofe von Neuweiler ſieht man das marmorne Denkmal des General Clarke, ſeiner Zeit Gouverneur von Berlin, der das Herrenwechſeln ſo vortrefflich verſtand, daß ihn, den gebor⸗ nen Irländer, Napoleon zum Herzog von Feltre und Lud⸗ wig XVIII. zum Reichsmarſchall ernannte! Durch das Thal hier umgingen die Alliirten 1812 Phalsburg. Behalten wir unſern Wagen noch weiter, denn nun geht's bergauf und ab, zwiſchen Feld und Weinberg, Wald und

Wieſſe durch, was ſich Alles viel gemächlicher von oben herab

betrachtet. Ein friſches, heiteres, reiches Land mit Wäldern von Obſtbäumen; die Dörfer klettern an den Hügeln, hohe Treppen an den Häuschen umher. Pocetiſch iſt der neue Kirchthurm, der dort durch's Dickicht ſchimmert, poetiſch die duftige Fernſicht an Lichtenberg vorbei auf die Pfälzerberge, poetiſch jede baarfüßige Frau, die uns begegnet, und ſelbſt das eichenlaubbegrenzte Ochſenpaar, das ſchlendernd ſeinen

Karren zieht, hat etwas Feſttägliches. Den Gaul um⸗

ſchwärmen Wespen, wie Höflinge den Fürſten, und vor ihm ſchießen Bachſtelzen, die ſich ſetzen, ihn erwarten und wieder vorausſchießen: ein ſtolzes Spiel mit dem Bewußtſein ihrer überlegenen Elaſtizität. Der Kutſcher biegt weſtlich ein, fährt pfeifend an der rechten Seite des Querthals hinauf in den Wald. Dem kräftigen Geſellen leuchtet die Gutherzig⸗ keit aus den Augen; er ſieht ein Mädchen ſich vorwärts ſchleppen, bittet um Erlaubniß, ruft ſie zu ſich auf den Bock und meint, wenn er unſer Notizenheft ſieht, die ſchöne Mamſell ſei ein Ereigniß, das auch aufgeſchrieben werden müſſe. Warum auch nicht? Sie iſt ſchlank und blond und blauäugig und ſitzt ſo ſtrack neben dem knallenden Kutſcher, wie neben Hermann ſeine Dorothea. Das plaudert und neckt ſich mit mehr oder minder zarten Anzüglichkeiten, das ent⸗ zweit und verſöhnt ſich wieder mit Lachen, ringsum rauſcht des Waldes Meer, jede Buche eine ſchwellende Welle, und aus dem Meere ſtreckt ſich ein ſteinernerFroſchkopf von täuſchender Lebenswahrheit und glotzt gar verwundert in die liebe Gotteswelt.Wie iſt doch die Erde ſo ſchön, ſo ſchön!

Leider hat Alles hienieden ein Ende, auch unſere Fahrt. Der Wald wird lichter, ſchwindet; links öffnet ſich ein tiefes Wieſenthal, in der Runde von hohen Bergen umſtanden, zwiſchen deren Schlagſchatten zauberiſche Lichter tanzen. Um den oberen Rand der ſteil anſteigenden, durch Obſtbäume belebten und oben überbrückten Schlucht liegen im Halbkreiſe altfränkiſche Häuſer, deren zwei Reihen ſich von der Mitte aus in der Weiſe nach hinten fortſetzen, daß das Ganze die Form eines verbogenen Rechenſtiels hat. Hernieder ſchaut auf die Häuſergruppe ernſt, verdrießlich faſt ein raſenbe⸗ decktes, viereckiges Fort, und wenn es Ihnen geht, wie mir, ſo ſchwebt Ihnen die Bemerkung auf den Lippen, den Weg habe man ſparen können. Iſt das Lützelſtein? fragen Sie den Fuhrmann.Freilich, antwortet er und hält vor den drei Roſen. Gott ſegne unſre Studien!

Etwas verſtimmt treten wir ein; man führt uns höflich in's Hinterſtübchen. Was iſt denn das? rufen wir wie elektriſirt, ſobald die Blicke Zeit gefunden, über das zierliche Gärtchen hinauszuſchweifen.Lützelſtein. Und hier, wo wir ſtehen?Die Vorſtadt erwiedert ruhig der Wirth und geht lächelnd hinaus. Er weiß wohl, der Schelm,