nun ſie eine Gelegenheit gefunden hatten, auf mich zu ſticheln, mit giftigen Bemerkungen mich zu prickeln, griffen ſſie dieſe mit Eifer auf. So erwies ſich denn all meine Vorſicht, all mein ängſtliches Taſten und Fühlen als überflüſſig. Ich war wweiie früher auf der Schule des Fleckens der mitleidslos Gefoppte, das Stichblatt aller Witzlinge und jedes plum⸗ pen und rohen Geſellen. Mein körperliches Gebrechen warf mir ein Jeder vor. Geſchah etwas nicht zu rechter Zeit oder war durch Nachläſſigkeit etwas verſäumt wor⸗ den, ſo wurde es dem Höcker des Rothen aufgebürdet.
Meine hohe Schulter war der Sündenbock für das ganze DHaus. Wäre es zufällig eingefallen, ſo bin ich feſt über⸗ eugt, die verpönte hohe Schulter hätte es umgeriſſen haben müſſen.
Damals ſchon und ſpäter noch oft machte ich eine recht niederſchlagende Erfahrung. Sie trug nur dazu bei, mich den Menſchen immer mehr zu entfremden, denn ſie erſchienen mir als Maſſe gar ſo kleinlich, gar ſo urtheilslos. Es geſellten ſich nämlich meinen Peinigern in gar nicht langer Zeit auch diejenigen bei, denen es urſprünglich nicht darum zu thun war, mich zu verletzen. Geringſchätzige Behandlung ward mir nach Ablauf eini⸗ ger Wochen von Allen zu Theil, mit denen ich in Berüh⸗ rung kam. Es hatte im Hauſe Boller's vom Schuhputzer bis zu den in Stramin arbeitenden Töchtern deſſelben keine Seele ein Wort der Milde oder Freundlichkeit für mich. Selbſt der Prinzipal gewöhnte ſich mit daran, mich jegliches Ungehörige entgelten zu laſſen. Ich war und blieb der Blitzableiter für die üble Laune Aller im ganzen Hauſe.
Daß ich mich ſehnte, eine Familie zu verlaſſen, in welcher ich noch ſchlechter behandelt wurde, als das Aſchenbrödel in der Fabel, wird Jeder begreiflich finden. Und doch drückte mich kein wirkliches Unglück zu Boden. Es waren lauter unbedeutende Kleinigkeiten, Quängeleien, über die zu ſprechen kaum der Mühe verlohnt, aber ſie lähmten die ganze Kraft meiner Seele, ſie brachen mei nen Muth, verbitterten mir jede Stunde des Tages, und ließen mir ſelbſt des Nachts im Traume keine Ruhe.
„Es möchte kein Hund ſo länger leben!“ rief ich wiederholt mit Fauſt aus, ballte in ohnmächtigem Grimme die Hand und ſchlug fragend mein kummervolles Auge zum geſtirnten Himmel auf, wenn ich mich Abends in die Einſamkeit meines Stübchens zurückzog. Dieſes Stübchen war das einzige Aſyl, wohin die prickelnde Er bärmlichkeit der Welt mir nicht folgte.
Hier fühlte ich mich wohl, wenn ein Menſch ohne Freund, von Jedermann mit Mißtrauen betrachtet, ſich überhaupt wohl fühlen kann. Selbſt bis zu einem ge wiſſen Grade glücklich würde ich geweſen ſein, hätte ich mmeein Leid in Tönen klagen oder aus den bebenden Saiten Troſt ſchöpfen können.„
Einige Male war ich nahe daran, die verpönte Geige aus ihrem pappenen Gefängniß zu befreien, immer aber ſchob ich den Kaſten wieder uneröffnet unter meine Bett
Wollen, beleidigt. Sie waren mir Alle aufſäſſig, und Eines Abends indeß übermannte mich die Traurigkeit ſo
ganz, daß ich nicht länger der Sehnſucht widerſtehen konnte, den Saiten meiner Violine ein paar Akkorde zu entlocken. Mochte geſchehen, was da wollte, ich beſchloß, ſelbſtſtändig zu handeln.
Mit vor Freude und Bangigkeit zitternder Hand öffnete ich den Kaſten. Wie aber ſoll ich meinen Schreck, mein Entſetzen, meine Wehmuth ſchildern, als ich zwar meine ſo theuer erworbene Violine, aber zerbrochen, mit eingedrücktem Stege, abgedrehten Wirbeln, gänzlich zer riſſenen Saiten wiederfinde!
Das konnte nicht von ungefähr geſchehen ſein! Das war das Werk einer boshaften oder doch grenzenlos pro ſaiſchen Seele! Der Gedanke, Niemand anders als die Prinzipalin önne dies gethan haben, drängte ſich mir unwiderſtefllich auf. Mein Schmerz ging in gerechten Zorn über, Gleichviel, was Dir geſchieht, rief ich mir zu, gieb Deinen Gefühlen Worte, ſetze die fühlloſe Dame zur Rede!
Ich nahm das zerbrochene Inſtrument unter den Arm und eilte hinab zu den arbeitenden Damen. Der Zorn gab mir Muth. Ohne mich anmelden zu laſſen, trat ich in's Zimmer. So fährt ein Flug Tauben auf, wenn ein Habicht auf ſie ſtößt, wie Mutter und Töchter von ihren Sitzen in die Höhe ſchnellten, als ſie mich erblickten.
„Himmel, der Buckelige iſt betrunken!“ ſtieß die älteſte Tochter hervor, mein zornglühendes Geſicht für von Spi rituoſen geröthet haltend.
„Unverſchämter, wer giebt Ihnen das Recht, ohne Er laubniß ſich bei uns einzuführen! Raufbolde will mein Mann nicht um ſich haben!“ ſchrie die entrüſtete Prinzi palin.
„Ich werde Sie gar nicht lange beläſtigen, meine Gnädige,“ verſetzte ich höhniſch,„ich wollte nur Erkun digungen bei Ihnen einziehen, ob Sie vielleicht die ſtraf baren Finger kennen, die ſich an meiner Geige verſündigt haben?“
„An der dummen Fiedel?“ rief die Prinzipalin.„Ich glaube gar, Rieke hat den albernen Kaſten zu verbrennen vergeſſen, obwohl ich's ihr ſtreng anbefahl. Dafür will ich ihr den Kopf tüchtig waſchen!“
„Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Madame, für dies freiwillig abgelegte Bekenntniß Ihrer Nichtswürdigkeit,“ erwiederte ich.„Ich bedauere in dieſem Augenblicke nur, daß Sie kein Mann ſind. Sie haben, als Sie dies Inſtru ment zerſtörten, mein Herz mit Füßen getreten. Wundern Sie ſich nicht, Madame, daß es jetzt daͤrüber empört iſt. Ich verachte Sie, Madame, ich verfluche Sie, und nun möge Gott mir einen Weg zeigen in ſeiner Barmherzig keit, der, wie es im Volksliede heißt,„hinaus führet aus der Welt!“
So ſprechend, ſchleuderte ich die zerbrochene Geige der vor Entſetzen ſprachlos gewordenen Frau vor die Füße, verließ das Zimmer, und befand mich bereits auf der Straße, als das Zetergeſchrei von Mutter und Töchtern
die übrigen Inſaſſen des Hauſes zuſammenrief. ſtelle, wo ich das Inſtrument am ſicherſten geborgen wußte.
(Schluß folgt.)


