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jung, aber nicht beſonders ſchön. Ihr ſtark bräunlicher Teint verrieth die ezechiſche Abkunft, die Schaumünze auf der Bruſt, daß ſie katholiſch ſeien. 4
Sie ſpielten erträglich und ſangen nicht übel. Beide hatten gute Stimmen, denen nur die Ausbildung fehlte. Mich erquickten dennoch Spiel und Geſang, und ich fühlte mich meiner Prinzipalin beinahe zu Dank verpflichtet, daß ſie mich auf ſo unzarte Weiſe in meinen eigenen Muſik⸗ übungen unterbrochen hatte.
Die Jüngſte der Harfeniſtinnen ging mit zuſammen gedrücktem Notenblatte herum, um freiwillige Gaben ein zuſammeln. Die Meiſten legten nur einen halben Böh men auf, ich gab der jugendlichen Sammlerin einen ganzen. Dafür erhielt ich einen Knix und einen freund⸗ lichen Blick aus des Mädchens braunen Augen. Ich erſtaunte über mich ſelbſt, daß ich das Herz hatte, die kleine Harfnerin nach ihrem Namen zu fragen.
„Th'reſe,“ ſagte ſie, nochmals mir freundlich zunickend und weiter gehend. Ich folgte ihr beobachtend mit den Augen, nicht weil ich Gefallen an ihr fand, ſondern weil ſie das erſte erwachſene Mädchen war, das ich aus freien Stücken anzureden wagte.
Ich blieb, bis man bunte Laternen anzündete. Mir war zu Muthe, als ſei ich zum erſten Male in's Leben getreten und habe jetzt einen Vorſchmack bekommen von der Welt und ihrem Treiben. Um nicht zu ſpät das Haus meines Prinzipals zu betreten, verließ ich den Garten nach einer Stunde, indem ich mir ſelbſt das Verſprechen gab, dieſen angenehmen Ort recht bald wieder zu beſuchen.
Am nächſten Morgen war der Gruß Herrn Boller's noch ernſter als gewöhnlich. Er durchlas die eingelau fenen Briefe und rief mich dann zu ſich.
„Man hat mir geſagt,“ ſprach er, ſeine kalte Ge ſchäftsmiene unmerklich belebend,„daß Sie ungehörige Dinge treiben. Laſſen Sie das, es ſchickt ſich nicht für einen ſoliden Geſchäftsmann, wenigſtens nicht ſo lange man unſelbſtſtändig iſt.“
„Ich pflegte bisher nur zu meiner Erholung etwas Muſik zu treiben,“ erlaubte ich mir auf dieſe Ermahnung zu erwiedern,„wie man ja auch zur Erholung ſpazieren geht oder plaudert.“
„Es paßt ſich aber nicht,“ wiederholte Herr Boller ſehr beſtimmt,„und überdies ſind wir Alle keine Verehrer nutzloſer Künſte. Ein ſolider Geſchäftsmann muß immer nur das Geſchäft im Auge haben. Wer das unterläßt, iſt ein leichtſinniger Patron. Lieben Sie Muſik und ſolchen Firlefanz, ſo hätten Sie Stadtmuſikus werden ſollen.“.
Ich ſah ein, daß jedes weitere Wort nur nachtheilige Folgen für mich haben konnte, verbeugte mich und ging ſchweigend an meine Arbeit. Wie es aber faſt immer geſchieht, daß uns etwas ſtreng Unterſagtes fort und fort von Neuem in's Gedächtniß kommt, ja nicht ſelten uns ganz gefangen nimmt, ſo ging es mir nach dieſem kurzen Zwiegeſpräch mit meinem Prinzipal. Die Geige tanzte auf den Zahlenreihen meines Buches herum, und der kleinen braunen Thereſe klare Altſtimme klang fort und fort in meinem Ohr. Ich verzählte mich regelmäßig, verlor Zeit, ward verdrießlich und konnte mich doch der ſtörenden Gedanken nicht entſchlagen. Mit wahrer Sehn ſucht erwartete ich den Schluß der Geſchäftsſtunde, über gab das Buch Herrn Boller und eilte in mein Zimmer, diesmal nicht, um die Geige wieder hervorzuſuchen, ſon dern um geſchwind etwas Toilette zu machen und nach
dem ſpärlich beſuchten Garten unfern der Oderbrücke zu gehen.
Er war heute belebter, nur vermißte ich die Harfe niſtinnen und meinen Cimbalſpieler. Die Gänge durch wandernd, um einen unbeſetzten Tiſch zu entdecken, höre ich mich rufen. Zwei Bekannte, die oft mit meinen Col⸗ legen verkehrten und dieſe zu Ausflügen abholten, ſaßen neben andern jungen Leuten und zwei hübſchen, einfach gekleideten Mädchen in einer der größten Lauben. Sie boten mir bereitwillig einen Platz an, und ich hätte über⸗ trieben unhöflich ſein müſſen, hätte ich dieſes Anerbieten unberückſichtigt gelaſſen.
„Alſo gehen Sie doch aus,“ ſprach Einer der jungen Männer,„nur wollen Sie es nicht wiſſen laſſen. Gut, daß wir Sie endlich ertappt haben, Sie ſollen uns künftig nicht wieder entgehen.“
Dieſe Worte beunruhigten mich, und drückte mich ſchon die ganze fremde Umgebung, ſo machte mich die Furcht, man könne mich künftig in meiner Einſamkeit ſtören, vollends ſtumm. Ich begreife ſehr wohl, daß ich eine recht traurige Figur ſpielen mochte. Leider hielt man meine Blödigkeit für Eingebildetheit und Stolz, und es verging keine Viertelſtunde, ſo war ich das Stichblatt der ganzen Geſellſchaft. Nur eines der jungen Mädchen, das nicht mehr blühend ausſah und jedenfalls ſchon Vieles im Leben erfahren hatte, betheiligte ſich nicht an dieſen Neckereien. Einige Male ſuchte ſie ſogar dem Uebermuth der jungen Leute zu ſteuern. Da ich aber bereits aus meiner Gleichgiltigkeit herausgehetzt war und heftige, er zürnte Antworten gab, fruchtete das abrathende Zureden meiner Beſchützerin nichts. Es verging keine Stunde, und der Scherz artete in bittern Ernſt aus. Beleidigende Worte, die von beiden Seiten fielen, hatten zur Folge, daß gerade die beiden Bekannten, die mich angerufen, jetzt in ſehr deutlichen Worten mir zu verſtehen gaben, ich ſolle ihre Geſellſchaft verlaſſen, ſonſt würden ſie mir den Weg zeigen.
Dieſe ſchimpfliche Ausweiſung entflammte meinen Zorn.
„Seht den Truthahn!“ rief der Heftigſte meiner Gegner, die Haltung eines Verwachſenen zum Vergnügen der Andern nachahmend. Mich verließ die Beſinnung; ich ſtürzte mich auf den Beleidiger, packte ihn an der Kehle und riß ihn zu Boden. Unſer Kampf dauerte nur kurze Zeit. Man trennte uns ſchnell und leicht. Aber wir hatten ein Zuſammenlaufen ſämmtlicher Gartenbeſucher veranlaßt, und da ängſtlich gewordene Frauen um Hilfe riefen, ſo fand ſich ſehr zu ungelegener Zeit ein Polizei mann ein, der mich als den von Allen bezeichneten Ruhe ſtörer ohne Weiteres verhaftete.
Meinen Vorſtellungen, mehr wohl noch dem Anſehen Boller's, der unverzüglich von dem Vorgefallenen unter richtet ward, gelang es nun zwar, mich bald wieder zu befreien, allein der Ernſt der Situation für mich ſelbſt war damit keineswegs beſeitigt.
Die Zurechtweiſungen des ſoliden Prinzipals wären noch am erſten zu ertragen geweſen, denn ſie hielten ſich in maßvoller Form. Auch konnte ich darüber hinweg⸗ ſehen, weil ich mich ſchuldlos wußte. Nicht ſo leicht da gegen ließen ſich die Bemerkungen und das Naſerümpfen meiner Collegen ignoriren. Dieſe hatte ich durch meinen Hang zum einſamen Leben, der wieder eine nothwendige Folge meiner Verſchüchterung und Furcht vor den hämi ſchen Neckereien der Menſchen war, ohne Wiſſen noch
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