erfolgte der Beſcheid, daß Wedell nicht als Kriegsgefangener, ſondern als Landfriedensbrecher zu behandeln undan das Bagno in Breſt abzuliefern ſei. So wurde der Sproſſe eines deutſchen Geſchlechts, der Kämpfer für die Unab⸗ hängigkeit ſeines Vaterlandes, als Galeerenſträfling mit den ge⸗ meinſten Verbrechern an eine Kette geſchmiedet, mußte die gröb⸗ ſten, entehrendſten Arbeiten verrichten und wurde mit dem ver⸗ hängnißvollen T. F.(travaux forcés) auf der linken Schulter gebrandmarkt, bis die vordringenden verbündeten Heere ihn 1814 befreiten. Das war die Gnade des franzöſiſchen Civili⸗ ſationsbeförderers auf deutſchem Boden.
Unter dem Titel einer National⸗Aſſociation zur Beförderung
ſocialer Wiſſenſchaft iſt in Birmingham am 12. Oct. eine Ge⸗
ſellſchaft unter dem Vorſitz des Lord Brougham geſtiftet worden, welche Notabilitäten des hohen Adels und der Gelehrtenwelt unter ihren Mitgliedern zählt und einen ähnlichen, wenn auch viel weiter gehenden Plan verfolgt, wie die in Angriff genom⸗ mene Agitation zur Gründung volkswirthſchaftlicher Vereine und zu Verbreitung volkswirthſchafftlicher Bildung. Man ſieht aus dem gleichzeitigen Auftreten ähnlicher Tendenzen in den beiden ſtammverwandten Ländern, daß die Bewegung erſtlich zeitgemäß und gemeinnützig iſt.
Wie undankbar die Menſchen im Ganzen ſind, zeigt ſich wie— der beim Tode des Marquis von Cuſtine. Dieſer Mann hatte einſt durch ſein Buch über Rußland einen großen, be⸗ deutungsvollen Wendepunkt in der öffentlichen Meinung Euro⸗ pa's bezeichnet und theilweiſe herbeigeführt. Bis dahin hatten nur Wenige die Gefahren erkannt, welche ſich in dem Syſtem des Zaren Nikolaus für ganz Europa bargen. Durch Cuſtine's Buch wurde die große Maſſe mit Mißtrauen gegen Rußland erfüllt und was das Schlimmſte, das Buch war ſo treu und durch den Namen ſeines Verfaſſers ſo gut empfohlen, daß es auf tauſend verbotenen Wegen nach Rußland ſelbſt drang und dort ver⸗ ſchlungen wurde. Vergebens bot Nikolaus Alles auf, um dem Eindruck des Buchs ſteuern, vergebens gab Hr. von Cotta die allgemeine Zeitung für die ſalzloſen Widerlegungen des Staatsraths Gretſch her: es wollte Alles nicht flecken, der Eindruck blieb und er iſt nicht ohne Antheil an den Ereigniſſen von 1854 und 1855 geweſen. Der Verfaſſer aber iſt noch bei Lebzeiten verſchollen und kaum daß die Zeitungen kurze Notiz davon nahmen, als er dieſer Tage auf ſeinem Schloſſe bei Pau ſtarb, und ſie thaten es nur, um den alten Mann lächerlich zu machen, indem ſie an ſeine ſchwache Seite erinnerten, für einen Dramatiker gelten zu wollen. Aber ſein Buch über Ruß⸗ land wird in einer Geſchichte unſerer Zeit ſtets als ein Ereigniß von den unbefangenen Hiſtorikern gewürdigt werden müſſen, und die pietätloſe Art, wie der Tod dieſes Mannes, der freilich ein Ariſtokrat und noch überdieß ein Katholik war, von der fran⸗ zöſiſchen Preſſe ignorirt wurde, iſt wenigſtens zur Nachahmung in Deutſchland gewiß nicht zu empfehlen.
Eine neue Schrift von David Friedrich Strauß, und zwar über Ulrich von Hutten, wird in Deutſchland mit Freude und Dank aufgenommen werden. Dr. Strauß iſt nicht blos ein fleißiger, ſondern auch ein geſchmackvoller Gelehrter, und Ulrich von Hutten iſt eine ſo ächt deutſche Geſtalt, die in ſo denkwürdi⸗
ger Zeit eine ſo bedeutſame Rolle geſpielt, er hat durch ſeine
tragiſchen Schickſale das Intereſſe ſeiner Zeitgenoſſen wie der ſpäteren Geſchlechter ſo lebhaft in Anſpruch genommen und ſeine Lebensgeſchichte iſt gleichwohl bis heute ſo ſchmählich vernachläſſigt worden, daß ſowohl der Hiſtoriker wie das gebildete Publikum Urſache hat ſich zu freuen, daß endlich einmal ein befähigter
Mann der lang verſäumten Aufgabe ſich unterzogen hat. Es bedarf kaum erſt der Bemerkung, daß Strauß dieſer Aufgabe ge⸗ wachſen iſt. Er ſcheint, ſeit ſeinem theologiſchen Schiffbruch, es als ſeine Beſtimmung zu betrachten, die Biographie hiſtoriſch bedeutſamer und mehr oder weniger vernachläſſigter Perſönlich⸗ keiten zu ſchreiben. Er verſteht es mit Pietät und ohne Scheu vor Mühe und Anſtrengungen alle Spuren ihres Daſeins auf⸗ zuſuchen, als der Meiſter hiſtoriſcher Kritik weiß er ſie zu ſichten und das Zuverläſſige zu einem hübſchen Lebensbild geſchmackvoll zu verbinden. Nur darf man nicht von Strauß verlangen, daß er zugleich die Geſchichte der Zeit, des Ganzen, von welchem ſein Held ein Theil war, ſchildern ſolle. Strauß hat es immer nur mit dem Individuellen zu thun; in den Geiſt des Ganzen ſich zu verſenken und von hier aus das Einzelne darzuſtellen, dieſes Talent geht ihm vöͤllig ab, die Weltgeſchichte zerfällt ihm gleich⸗ ſam in ein Chaos von Individuen, von denen das eine oder andre ſein Intereſſe erregt und ihn zum Aufſuchen aller auf ihn bezüglichen Einzelnheiten anſpornt: dem Ganzen trägt er keine Rechnung. So iſt denn auch ſein Ulrich Hutten vollſtändig wohl in dem Sinn, als er Alles auf den Mann bezügliche geſammelt hat; aber ihn aus ſeiner Zeit heraus zu begreifen, hat er auch nicht einmal den Verſuch gemacht. Es fragt ſich nun doch, ob unſre Zeit, die dem Organiſchen in der Geſchichte und Geſchichts⸗
ſchreibung wieder günſtiger zu werden anfängt, dieſen Mangel
an Strauß' Arbeit nicht ſehr vermiſſen wird. Dabei kommt noch der Umſtand in Betracht, daß Strauß, der überhaupt für ſeine biographiſchen Arbeiten mit Vorliebe ſolche Individuen wählt, die mit der beſtehenden Ordnung in Conflikt lebten, bei den gegenwärtigen ganz beſonders den Helden als ſeinen Helden betrachtet wiſſen will, und in dem Vorwort den frommen Wunſch ausſpricht:„Möchte doch meine Schrift alle diejenigen herzlich ärgern, die ihr Held, wenn er heute lebte, ärgern würde.“ Aus⸗ drücklich gegen die katholiſche Kirche ſoll das Buch eine Art Demonſtration ſein; er meint„in der Zeit der Concordate“ komme eines ſolchen Mannes Bild wie gerufen. Wir hätten darüber manches zu ſagen, was ſich wider mit wenigen Worten nicht ſagen läßt. Nur den ſonderbaren Contraſt zwiſchen ſolchen Worten und dem politiſchen Benehmen des antikatholiſchen Autors müſſen wir doch notiren. Wir ſind ebenfalls der Meinung, daß die„Zeit der Concordate“ nicht die ruhmvollſte iſt. Aber wenn die Re⸗ gierungen ſich heute genöthigt ſehen, Concordate zu ſchließen, ſo thun ſie nichts anderes, als was Hr. Strauß und ſeine poli⸗ tiſchen Freude in der Bewegungszeit ebenfalls thaten. Wir er⸗ innern uns, daß Hr. Strauß in der württemb. Deputirtenkammer mit einem ultramontanen Profeſſor von Tübingen und mit Wolfgang Menzel, den er kurz zuvor öffentlich auf das Hef⸗ tigſte angelaſſen hatte, ſich gegen die„Demokraten“ vereinigte. Solche Leute haben dann kein Recht, über die„Concordate“ zu eifern. Ueberhaupt war das ganze politiſche Benehmen des Hr. Strauß von der Art, daß ihm jede Berechtigung abgeht, Hutten als ſeinen Helden darzuſtellen. Hätte Strauß zur Zeit Huttens gelebt, er würde denſelben noch härter behan⸗ delt haben als Erasmus. Wir wollen recht gern die literariſche Fähigkeit des Hr. Strauß anerkennen; doch können wir nicht umhin, ſeine Sympathie für Männer wie Hutten und ähnliche von anderem Geſichtspunkte aus zu betrachten. Es iſt indeß dieß der allgemeine Charakterzug des gothaiſirenden Profeſſoren⸗ thums, daß man gar für hiſtoriſche Perſönlichkeit ſchwärmt, ohne doch in der eignen Praxis ſich zu dem Muthe aufſchwingen zu können, den man in der geſchichtlichen Darſtellung bewundert. Dieſer Contraſt zwiſchen den Worten und der That iſt es, was dieſe Herrn einer Verachtung überantwortet hat, die vielleicht beklagenswerth, aber in keinem Fall unverdient iſt.
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke& Deorient in Leipzig.
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