Jahrgang 
1857
Seite
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wehr gegen ein offiziöſes pariſer gewendet hatte; und das offi⸗ zielle Blatt mußte wirklich eine Art von Abbitte dafür leiſten, daß es der Revue contemporaine entgegen getreten war, weil dieſe Deutſchland wie eine franzöſiſch⸗ruſſiſche Provinz tractirt hatte. Eben ſo unerhört, wie etwa die kurheſſiſche Treſorſchein⸗ verbrennung, würde es freilich ſein, wenn der deutſche Bund in Paris eine Erklärung über ſolche Beleidigungen Deutſchlands in der napoleoniſchen Revue forderte. Doch kann man ruhig ſein er wird es nicht thun. Auch lägen andere Dinge noch näher. Da wird z. B. in Luxemburg, einem Bundeslande, deſſen Ver⸗ faſſung vom Bunde garantirt iſt, jeder conſtitutionelle Beſtand der Dinge durch Ordonnanzen beſeitigt, gegen welche die Haſſen⸗ pflugſchen und hannoverſchen Octroyirungen wahrhafte Kleinig⸗ keiten waren. Aber freilich hat der Bundestag ſchon 1855 bei Gelegenheit der hannoverſchen Frage beſchloſſen: daß den Regierungen bei Abänderung der Verfaſſungenkeine beſtimmten Grenzen vorgezeichnet ſeien; und in Bezug auf die luxemburger Angelegenheit erklärte er ſogar noch zu Anfang des laufenden Jahres(29. Jan.), er habemit Befriedigung erſehen, daß die

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Mundarten ſchwerlich enträthſeln wird,

ſchloß dagegen dieſe Möglichkeit von vornherein aus, und nahm den deutſch⸗däniſchen Streit ohne Weiteres in jenem unſelig be⸗ engenden Maße, wie es unter den Händen der deutſchen Diplo⸗ matie in den letzten Jahren dafür zugeſchnitten worden iſt. Mag man es nun unſeren Poeten, welche doch eben in der Atmoſphäre der Gegenwart leben, wirklich verdenken, wenn ſie ihre Gebilde wieder ganz ins Reich der Sage oder der bloßen Naturempfindelei übertragen? Da hat ſich gleich eine ganze Ver⸗ wandtſchaft zu einem Mythen⸗,Sagen⸗ und Legendenbuch zu⸗ ſammengethan,Mythoterpe genannt, herausgegeben von Amara George(Kaufmann's Gattin), G. F. Daumer(ihr Onkel), und Alex. Kaufmann. O. Ludwig ſchriebThüringer Naturen, deren Natur zwar wenig thüringiſch iſt, doch deſto mehr der Jargon, welchen man ohne Firmenichs Gloſſarium deutſcher Auch Adalbert Stifter

taucht mit einemNachſommer auf, deſſen Wald, Wieſen,

Regierung den Bundesbeſchluß vom 23. Aug. 1851 zur Geltung

gebracht habe. Für deſſen Ueberſchreitung hat aber das ſchwan⸗

kende Bundesrechtkeine beſtimmten Grenzen. Selbſt der kurze

erquickende Lichtblick, welcher der patriotiſchen Hoffnung geſtattet

war, als am 29. Okt. Preußen und Oeſterreich die Holſtein-

lauenburger Schmerzensfrage vor den Bund brachten und Han⸗ nover ſogar einen präciſeren Antrag zu ſtellen ſchien, umdüſtert ſich wieder mit grauen, ſchweren Novembernebeln. Denn die preußiſch ⸗öſterreichiſche Vorlage verbürgte zwar nicht, aber ge⸗ währte die Möglichkeit, die Frage im ſchleswig⸗holſteiniſchen

Sinne aufzufaſſen und zu erledigen; der hannoverſche Antrag

Fernſichten u. ſ. w. in altgewohnter Gefühlsüberſchwenglichkeit gemalt ſind, worin jedoch die Menſchen wie in einer opaliſiren⸗ den Flüſſigkeit unkenntlich zerfließen. Und konnte Julie Burow, die eigentlich Fr. Pfannenſchmidt heißt, einen novelliſtiſchen Glücksſtern entdecken, indem ſie die Judenemanzipation zum Vorwurf, Preußens Erniedrigung in der napoleoniſchen Zeit zum Hintergrund nahm? Freilich fehlen auch die Lobſänger des Moments nicht. Neulich wurde in dieſen Blättern beiläufig der 32. und 33. Vers im 4. Kapitel des Buches Jeſus Sirach ange⸗ zogen. Wie oft kann man ihn anwenden! Er lautet:Diene einem Narren in ſeiner Sache nicht und ſiehe ſeine Gewalt nicht an; ſondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod, ſo wird Gott der Herr für Dich ſtreiten.

Was beliebt.

In den Briefen an Körner aus dem Jahr 1787 findet ſich folgende Aeußerung Schillers bei Gelegenheit einer Predigt von Herder:Ich muß Dir aufrichtig geſtehen, daß mir überhaupt keine Predigt gefällt. Das Publikum, zu welchem ein Prediger ſpricht, iſt viel zu bunt und zu ungleich, als daß ſeine Manier eine allgemein befriedigende Einheit haben könnte, und er darf den ſchwächlichen Theil nicht ignoriren, wie der Schriftſteller. Was kommt alſo heraus? Entweder er gibt dem Menſchen von Sinn Alltagswahrheiten oder Myſtik zu hören, weiler dem Blöd⸗ ſinnigen opfern muß oder er muß dieſen ſkandaliſiren und verwirren, um den erſten zu unterhalten. Eine Predigt iſt für den gemeinen Mann der Mann von Geiſt, der ihr das Wort ſpricht, iſt ein beſchränkter Kopf, ein Phantaſt oder ein Heuchler. Eine ſehr beachtenswerthe Aeußerung, deren Wahrheit ſchwer zu beſtreiten wäre.

Die heutige Crinolinenmode wird von einem franzöſiſchen Schriftſteller ironiſch damit entſchuldigt, daß ſie noch lange nicht ſo ſchlimm ſei, als die ſogenannten paniers(Körbe) der Damen im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Er tiſcht dabei folgendes Geſchichtchen auf:Die Königin Margaretha trug ein ausgeſtopftes Kiſſen rings um die Hüften, worin ſich große Taſchen befanden. In jeder ſteckte eine Schachtel, welche das Herz eines ihrer gemordeten Liebhaber enthielt. Denn ſie ſorgte ſtets dafür, daß ihre Herzen gleich nach dem Tode einbal⸗ ſamirt wurden. Die Königin wurde täglich dicker und ließ des⸗ halb ihre Röcke immer weiter machen, ebenſo die Aermel. Um ihre Taille dünner erſcheinen zu laſſen, befahl ſie, daß man dün⸗

nes Eiſenblech in die Röcke nähe.

neral von Wedell, widerfahren ließ.

Es gab wenig Thüren, durch welche ſie eingehen konnte. An dieſem Geſchichtchen iſt jeden⸗ falls mehr Wahrheit, als an folgender Verſicherung deſſelben Verfaſſers(Baron Mortemart): Alle Schriftſteller hätten Paris als Hauptſtadt der Welt anerkannt, nur nicht Schiller, deſſen génie naif et hyperbolique Wien höher geſtellt durch die von ihm herrührenden Verſe:'s gibt nur a Kaiſerſtadt,'s gibt nur a Wien. Die franzöſiſchen Schriftſteller, das muß man geſtehen, beſitzen eine bewunderungswürdige Naivetät der Un⸗ wiſſenheit und Kritikloſigkeit.

Denen, welche heute noch in Deutſchland den erſten Napo⸗ leon als einen großen Mann nicht bloß großen Feldherrn und als Beförderer der Civiliſation verehren, denen, welche ihre Hände nach der Helenamedaille ausſtrecken, oder wenigſtens diejenigen, die dieß thun, zu vertheidigen die Stirn haben, braucht man nur die Behandlung entgegenzuhalten, die jener Eroberer einem Deutſchen, dem jetzigen Gouverneur von Luxemburg, Ge⸗ Der junge Lieutenant von Wedell war Mitglied des Schill'ſchen Corps, wurde gefan⸗ gen und ſammt den übrigen Officieren nach Weſel gebracht und zum Tode des Erſchießens verurtheilt. Am Tage vor der Exe⸗ kution erkrankte er an einem Fieberanfall, der ſein Hinausfüh⸗ ren zum Richtplatz unmöglich machte. Seine Cameraden fanden den Tod durch franzöſiſche Kugeln. Als Hr. v. Wedell wieder hergeſtellt war, fragte der franzöſiſche Befehlshaber bei Napoleon an, ob die Exekution an ihm noch zu vollſtrecken ſei. Darauf