aſiatiſchen Oſten, der endliche Entſchluß zu energiſchen Schritten in der deutſchen Herzogthümerfrage aus dem Centrum des euro⸗ päiſchen Continents faſt in gleichen Stunden dem ganzen Rund der Kulturwelt bekannt ward. Hier eine Geſchäftsentſcheidung, deren Conſequenzen möglicherweiſe auf eine Umgeſtaltung des ganzen Lebensverkehrs zwiſchen der alten und neuen Welt hin⸗ führen. In Aſien ein Ereigniß, welches, ob auch als That faſt verſchwindend gering, doch ſofort die Lähmung hebt, unter deren
Drucke Großbritaniens Kraft aus der politiſchen Aera Europas
gewichen ſchien. In Mitteleuropa ein Entſchluß, welcher eine der tiefſten Verletzungen des nationalen Gefühls zu heilen wenigſtens verſpricht. Dies die nächſten Erwartungen, die un⸗ mittelbaren Conſequenzen. aus ſolchen Quellen ſchon in dem Momente ermeſſen, da ihr Hervorſchäumen uns aus der mismuthigen, nahezu verzweifeln⸗ den Verdumpfung einer überlang hingehaltenen Erwartung weckt? Amerika kann nicht ohne Europa leben, und dennoch lebte es bisher, als ſei ſeine Art faſt ein Gnadengeſchenk für den„ab⸗ gelebten“ Welttheil. Dieſer accommodirte ſich ihm, das be⸗ dächtige Alter tauſendjähriger Geſtaltung dem ſchäumenden Jugenddrang einer überall neuen Welt. Wird jetzt nach ſolchen Erfahrungen das amerikaniſche Leben nicht manche unſerer Ge⸗ ſtaltungen hinübernehmen, ſich uns zunächſt geſchäftlich verähn⸗ lichen und durch dieſe größere Aehnlichkeit auch zu ſtärkeren Rückwirkungen auf das Mutterland gelangen? Sie brauchen die Alterserfahrungen unſeres materiellen Lebens, wie den friſchen Jugendmuth ihrer ſchaffenden Kraft. Delhi's Fall wei⸗ ter iſt nicht blos der Sieg Englands über eine rebelliſche Pro⸗ vinz. Er iſt vielmehr zugleich eine Wiedereroberung europäi⸗ ſcher Geſittung und Kultur auf jener Kampfbreite des Orients, welche ihr der ſlaviſche Cäſaropapismus zu entringen trachtet, um dann Aſiens europäiſche Pforten deſto ſicherer zu umklam⸗ mern. Und wie mächtig auch dieſe Erkenntniß ſelbſt in jener haltloſen Pforte, welche man die„hohe“ nennt— möchte man daran zweifeln, da ſie ſich in demſelben Momente überraſchend jener Staatslenker wieder entledigt, welche ihr ruſſiſch⸗franzöſi⸗ ſche Vergewaltigung aufgedrungen, damit unter deren Herrſchaft ihre Zerbröckelung vollendet werde? Wer aber vermag endlich die Entwickelungen unſerer eigenen nationalen Zukunft vorher⸗ zuſagen, wenn Deutſchland wirklich entſchieden und entſchei⸗ dend einſteht für ſeine Nordmarken? Es tritt zunächſt wieder mit gehobenem Selbſtbewußtſein ſeines Volkes und verſtärktem Vertrauen zu ſeinen Herrſchern in die That der Weltgeſchichte. Der weſtliche Abſolutismus, emporgeſchwellt durch die regungs⸗ loſe Apathie Mitteleuropas, wird verlernen, ſich als oberſten, inappellabeln Gerichtshof nicht blos betrachten, ſondern auch⸗ geltend machen zu dürfen. Denn das gehobene nationale Be⸗ wußtſein Deutſchlands kann nicht bei jener Nordmarkenfrage ſtehen bleiben; es wird fürderhin keinen Kampf, keine materielle Gefahr ſcheuen, um ſeine Rechte an allen Grenzen geltend zu machen. Und iſt eine Nationalentwicklung an den Grenzen denk⸗ bar, die nicht zugleich eine kernhafte Geſtaltung ihres Innern erkämpft? Man konnte beide niederdrücken, doch erdrücken nicht. Und wenn wir trotzdem an den Börſenplätzen Deutſchlands im erſten Momente die Nachricht von Preußen⸗Oeſterreichs lang erſehntem, lange gefordertem Vorſchritte gegen Dänemark mit einem erſchrockenen Ausgebote der Werthpapiere beider Staaten aufgenommen ſahen, weil ſie möglicherweiſe eine momentane Beeinträchtigung der Agiotage erwarteten— wem käme nicht der Gedanke, daß auch auf ſolche Kurzſichtigkeit egoiſtiſchen Kleinmuths das Wort Schillers aus jener Rede paßt:„Von jedem Geräuſch aufgeſcheucht, reckt der Wilde ſein ſcheues Ohr in die Wüſte; Feind heißt ihm Alles, was neu iſt; in ſeinen Göttern malt ſich der Menſch!“
Der Münchener Aſtrolog und Prophet, deſſen ſinnverwirrte Geſtalt ſchon in der Deutſchen Allg. Ztg. aufſtieg, iſt nun unter der Aegide ſeines gläubigen Jüngers ſogar in das Feuilleton der Hamburger Nachrichten vorgedrungen und breitet ſich dort mit ſeinen Orakelſprüchen noch anmaßlicher aus, als weiland der „daitſcheſten daitſcheſter daitſcher“ Barde von Pfaffenhofen mit ſeinem Gallimathias. Was dieſer bairiſche Mummenſchanz ſoll, iſt ſchwer zu begreifen; noch ſchwerer jedoch, daß die deutſche Preſſe ſich überhaupt dazu hergiebt. Freilich, die Zeiten ſind gewaltig dürr für die Bedürfniſſe eines pikanten Feuilletons.
Aber wenn denn Baiern einmal in den Mund der Leute gebracht werden ſoll, wäre es doch beſſer, man meldete Thatſachen, an⸗
Wer aber mag die weitern Ströme
ſtatt kneipenduftiger Träume eines Münchener Haus⸗, Hof⸗ und Gartenbeſitzers. Freilich von olympiſchen Geiſtesſpielen
der Kleindichterzunft verlautet gar nichts Thatſächliches. Selbſt
Hr. Prof. Riehls„Pfälzer“ wollten, trotz correſpondenzlicher Be⸗ wundrungsſeufzer, inſpirirtem Enthuſiasmus und Gutfreunds⸗ applaus die nüchterne Welt durchaus nicht wie eine große That kulturgeſchichtlicher Offenbarung erfüllen. Vielleicht thut's aber der„Schäfflertanz,“ welcher zu Anfang des Jahres 1858 durch Münchens Straßen ziehen wird. Damit er deſto volksthümlicher werde, exerciren ihn jetzt ſchon die Schäfflergeſellen unter Lei⸗ tung des— Balletmeiſters vom k. baier. Hof⸗ und National⸗ theater. Warum auch nicht? Lernen ſie die wahnſinnigen Be⸗ wegungen dieſes Tanzes regelrecht, ſo ſtirbt vielleicht keiner da⸗ ran, während vor ſieben Jahren plötzlicher Tod und ſchleichende Schwindſucht die Tänzer decimirte. Volksthümliche Tracht iſt auch etwas werth, und es iſt eine alte kulturgeſchichtliche Er⸗ fahrung, daß ſie ſich dort am reinſten erhält, wo die wirkliche Weltkultur am wenigſten hindringt. In Baiern ſind nun könig⸗ liche Preiſe für diejenigen Kreiſe und Ortſchaften ausgeſetzt, welche ihre ſogenannnte„Nationalkraft“ am ſtrengſten bewahren; und für die liebe Schuljugend werden davon einzelne Theile zwar nicht zur Anbetung, doch aber zur Nachachtung und Nachahmung in den Lehrzimmern ausgeſtellt. Warum alſo nicht den Schäff⸗ lertanz durch einen Balletmeiſter einſtudiren? Er iſt ja auch ein Reſt jener alten und darum guten Zeit, in welcher die Geisler⸗ fahrten, die Adamitentänze u. dgl. Wahnſinnsepidemieen durch Europa toſten. Damals war das Regieren ſo leicht. Sind erſt Tracht und Sitten dieſer Zeit wieder hergeſtellt, dann kann die oberbairiſche„Jäger⸗ und Hirtennatur“ihre freiwüchſige Liebens⸗ würdigkeit auch mit vollem Rechte durch Mord, Raub, Unzucht, Diebſtahl u. dgl. kundgeben, ohne daß Kladderadatſch ſich dar⸗ über luſtig machen darf, wenn daneben die Wallfahrten zum ſchwarzen Marienbilde v. Altötting nach Hunderttauſenden zählt— wie er es doch neulich gethan hat.—
Uebrigens zeigt unſere Gegenwart auch ſonſt wahrhaft herz⸗ erhebende Beiſpiele von„Umkehr.“ Während der Münchener Aſtrolog die Zukunft enthüllt, blickt die gedrückte Börſenwelt abergläubigrückwärts und läßt es ſelbſt in Handelszeitungen abdrucken:„Jede mit 7 endende Jahreszahl war ſeit 60 Jahren für Handel und Finanzen verhängnißvoll,“ ſo 1797, 1807, 1817 1827, 1837, 1847— nun 1857. Als ob König Jerome noch heute regierte, confiscirte man in Kurheſſen eine harmloſe, ſogar lokalpatriotiſche„Geſchichte der Inſurrection wider das weſt⸗ phäliſche Gouvernement“ von Lyncker und gab ſie erſt wieder frei, als der Unwillensſchrei darüber doch gar zu laut ertönte. Faſt gleichzeitig that man freilich etwas, wovon behauptet wird, es ſei vollkommen neu in der kurheſſiſchen Landesgeſchichte— man verbrannte nämlich für 500,000 Thlr. Kaſſenſcheine, ohne ſie ſo⸗ fort zu erſetzen. Anderwärts ſcheinen dagegen die Agenten der franzöſiſchen Diplomatie Deutſchlands Staaten wirklich noch wie napoleoniſche Präfecturen terroriſiren zu wollen. Sie for⸗ derten Genugthuung dafür, daß ein offizielles Blatt ſeine Ab⸗


