den mildeſten Epidemien kann man ſich bei keinem Fall auf
ſeine Gutartigkeit verlaſſen, denn es giebt kaum eine launen⸗
haftere und in allen Stadien heimtückiſchere Krankheit. Vor dem Ablaufe von mindeſtens drei Wochen darf man nicht einen Augenblick in der alleräußerſten Aufmerkſamkeit nach⸗ laſſen, und ſelbſt nach gänzlicher Vollendung der Hautſchälung muß die Zurückführung des Reconvalescenten zur gewohnten Lebensweiſe eben ſo allmählig, als vorſichtig geſchehen.— In den Maſernepidemien ſind die reinen und normal ver⸗ laufenden Fälle faſt niemals tödtlich, dagegen abnorme, an andere Krankheiten ſich anſchließende oder mit ſolchen ver⸗ bundene in der Regel.
Die Behandlung beider Krankheiten iſt, ſoweit ſie der häuslichen Pflege zufällt, ziemlich gleich; und ſoweit ſie eben die ſpezifiſche Maſern⸗ oder Scharlachſeuche betrifft, daß wir es offen geſtehen, auch von Seiten des Arztes. Ihren ſpe⸗ zifiſchen Prozeß kann und darf er nicht bekämpfen. Er hat nur Wache zu halten gegen plötzliche Zufälle und gegen den Eintritt von Complicationen.
631
Kalomel, Belladonna gegen Scharlach ſichern oder es mil⸗ dern können, glaubt heute wohl kein Arzt mehr. Für die häusliche Pflege beider Krankheiten gilt aber, was ſo ziemlich in allen fieberhaften und anſteckenden Leiden: Fieberdiät, milde, kühlende Getränke, mäßig warme, gleichmäßige Tem⸗ peratur des Krankenzimmers, reine Luft, Abhaltung von grellem Licht und Lärmen. Eine nicht zu vernachläſſigende Vorſichtsmaßregel iſt auch, daß ſelbſt der leichteſte Maſern⸗ oder Scharlachkranke das Bett hüte, bis die letzte Spur des Ausſchlages verſchwunden iſt. Dabei möglichſt wenig
Waſchungen des Körpers, aber ſorgſamſte Reinlichkeit durch
Daß z. B. Brechmittel,
ſanftes, trocknes Abwiſchen; knappe Diät und namentlich während der Reconvalescenz eine genaue Sorgfalt für Regel⸗ mäßigkeit der Ausleerungen. Bei complizirten oder ſonſt normalen Fällen hängt natürlich die häusliche Pflege aus⸗ ſchließlich von den Anordnungen des Arztes ab, während man bei regelmäßigem Verlaufe beider Krankheiten meiſtens alle medicamentöſen Kunſtmittel, nicht aber die Beob⸗ achtungskunſt des Arztes entbehren kann.
Aus dem Weltleben.
irgend Eines, ein gewaltig geſtaltendes Moment zum Allgemein⸗
„Unſer menſchliches Jahrhundert herbeizuführen, haben ſich — ohne es zu wiſſen oder zu erzielen— alle vorhergehenden Zeitalter angeſtrengt.... Und welcher unter Ihnen, bei dem ſich ein heller Geiſt mit einem empfindenden Herzen gattet, könnte
dieſer hohen Verpflichtung eingedenk ſein, ohne daß ſich ein ſtiller
Wunſch in ihm regte, an das kommende Geſchlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Ver⸗ mächtniß von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müſſen, auch aus unſeren Mitteln einen Bei⸗
trag zu legen, und an dieſer unvergänglichen Kette, die durch
alle Menſchengeſchlechter ſich windet, unſer fliehendes Daſein zu befeſtigen.“ Dieſe Mahnungen rief Friedrich Schiller ſei⸗ nen jugendlichen Zuhörern in jener Rede zu, mit welcher er vor nun 66 Jahren, wenige Monate nach dem Beginne der erſten franzöſiſchen Revolution, ſeine geſchichtlichen Vorleſungen zu Jena eröffnete. Es war eine große von den reichſten Hoffnungen ge⸗ ſchwellte Zeit, Hoffnungen, an denen die edelſten Geiſter Europas ſich um ſo gluͤhender begeiſterten, je umfaſſender ihre Anſchauungen der Weltlage, je klarer ihre Erkenntniß war vom unergründlich klaffenden Widerſpruche der Zeitbezwingung durch die Mächtigen der Erde mit den geiſtigen und ſittlichen Zeitgeſtaltungen in den beherrſchten Völkern. Nur zwei Menſchenalter ſind ſeit jenem Momente dahingefloſſen— und welche unermeßliche Fülle der Gebilde in allen, allen Richtungen menſchlichen Strebens und Ringens hoben dieſe kurzen Zeitwellen auf ihrem Rücken aus der Tiefe! Wer denkt daran, daß ſie uns eine abgethane, abſolute Vergangenheit ſein könnten?„Indem die Geſchichte den Men⸗ ſchen gewöhnt, ſich mit der ganzen Vergangenheit zuſammenzu⸗ faſſen, und mit ſeinen Schlüſſen in die ferne Zukunft voraus zu eilen, ſo verbirgt ſie die Grenzen von Geburt und Tod, welche des Menſchen Leben ſo eng und drückend umſchließen, ſo breitet ſie ſein kurzes Daſein in einen unendlichen Raum aus und führt das Individuum unvermerkt in die Gattung hinüber.“ Vor den Illuſionen jener werdeluſtigen Zeit bis heute— wie viel Hoff⸗ nungen, Beſtrebungen, ſcheinbare Errungenſchaften ſind wieder ſpurlos im Wellenſchlage der Zeitläufe verſunken!
Aber wenn
gut der Kulturmenſchheit wurde, ſo iſt es jene hiſtoriſche Gewöh⸗ nung des Einzelnen, ſich mit der ganzen Vergangenheit zuſam⸗ menzufaſſen und die Individualität in den Gattungsbegriff hin⸗ überzuführen. Man wirft unſerer Gegenwart vor, ſie ſchaffe keine eigenthümlich geartete Menſchen, keine ſubjectiven Cha⸗ raktere mehr. Nehmen wir an, dieſer Vorwurf wäre eine Wahr⸗ heit— wäre dieſe Wahrheit auch ein gerechter Vorwurf? Oder hätten wir es vermocht, eine Epoche zu erſchaffen, in welcher Zeit und Raum dem Träger des Gedankens, dem Wort, ſchon faſt verſchwunden ſind, und ſelbſt der Fortbewegung des Einzelnen innerhalb der räumlichen Grenzen des Weltlebens, auf ein ver⸗ ſchwindend kleines Maß zuſammenſchrumpften? Es hat etwas grauenhaft ſtolzes, das Bewußtſein, daß der Menſch auf den Flügeln des Dampfes raſcher dahinrauſcht, als auf ſeinen Aether⸗ bahnen der ſtille Begleiter der Erde, der Mond; ja, daß des Lichtes Raſchheit überholt wird vom Laufe des Wortes am Tele⸗ graphengeflecht, um die„verſtrickende Allianz“ aller Völker der Erde zu weben. Und hätte gerad das weſentlich Auszeichnende unſerer Gegenwart entſtehen können, jener hiſtoriſche Sinn, wel⸗ chen Schiller vom Weltbürger fordert? Wo bliebe, wenn die Individualität ſich ſelber und ausſchließlich geltend machen möchte im Entwicklungsgange unſerer raſtlos gebärenden Zeit, die Möglichkeit, das Gewaltige durch die Aſſociation ins Leben zu rufen, und der Zukunft nicht bloß verſchwindende Thaten Ein⸗ zelner, ſondern eine große geſchichtliche Grundlage zu hinter⸗ laſſen.„Der Menſch verwandelt ſich und flieht von der Bühne, ſeine Meinungen fliehen und verwandeln ſich mit ihm: die Ge⸗ ſchichte allein bleibt unausgeſetzt auf dem Schauplatz, eine un⸗ ſterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten.“
Mitunter drängt es ſich auf wenige Tage zuſammen, was in den entfernteſten Weltgegenden die Welt hiſtoriſch, geſtaltend oder zerſtörend belebt, als ob es uns ſo recht fühlbar gemacht werden ſollte, wie unermeßlich weit nicht bloß die geiſtigen und mittelbaren Intereſſen, ſondern die perſönlichen und unmittel⸗ baren Berührungen jedes Einzelnen ſich heute ausdehnen. Solche Tage erlebten wir, als der Ausbruch der Handelskriſis aus dem transatlantiſchen Weſten, Delhi's Fall aus dem fernen
Q————


