Jahrgang 
1857
Seite
630
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ſie faſt ſtets Anomalien im weitern Krankheitsverlauf. Oft geſellen ſich auch ſchon in dieſem Stadium Nebenkrankheiten zu den Maſern, welche deren regelmäßigen Fortgang ſtets modificiren. Das reine Scharlach kündigt ſich allerdings auch durch fieberhafte Gereiztheit an, doch keineswegs ſofort durch entſchiedenes Fieber. Dabei heftiger Kopfſchmerz und namentlich charakteriſtiſche Halsſymptome, wie Stechen in den Mandeln, Angine, erſchwertes Schlingen u. dergl. Erſt dann folgt ein meiſtens erſtaunlich ſtarkes Fieber, nach deſſen 24 48ſtündiger Dauer der Ausſchlag erſcheint. Aber wir müſſen ſofort hinzufügen, daß ſchon in dieſer erſten Periode Alles auch ganz anders ſein kann. Ja, man darf beinahe ſagen, daß ſolche normale, mit mäßigen Affec⸗ tionen der Schlingorgane beginnende Scharlachfieber die ſelteneren ſind, wie denn überhaupt die Inconſtanz der Symptome geradezu charakteriſtiſch für dieſe Krankheit ge⸗ nannt werden muß. Man iſt von ihrem Anfange bis zu ihrem Ende keinen Augenblick vor plötzlicher und tödtender Gefahr ſicher. Tückiſch im höchſten Grade iſt ſie in jedem Stadium; und da dieſe Zufälle meiſtens weder durch die Conſtitution des Kranken, noch durch andere Umſtände er⸗ klärbar ſind, ſo muß jedes ungewöhnliche Symptom auch ſofort als bedenklich aufgefaßt werden.

Wenden wir uns nun zu dem Ausſchlage der Maſern und des Scharlachs. Bei den Maſern zeigt er ſich nach den ſkizzirten Vorläufern als rothe, unter dem Fingerdrucke zwar verſchwindende, doch ſofort wiederkehrende linſengroße Flecken, Flohſtichen ähnlich, doch ohne den dunkleren Punkt, welchen dieſe in ihrer Mitte tragen. Gewöhnlich tritt er zuerſt am Munde, Kinn, an der Gaumenſchleimhaut, Wange oder Stirn auf, von wo er ſich mit Raſchheit über Hals, Bruſt, Leib und Gliedmaßen ausbreitet. Im Geſicht ſtehen die Maſernflecke faſt immer am gedrängteſten, aber hier, wie am ganzen Körper in unregelmäßiger Vertheilung, nur aus⸗ nahmsweiſe wohl auch in Gruppen, Kreiſen, Ringen u. ſ. w. Meiſtens ſind ſie etwas derb, flach hervorragend und erreichen ihre vollſtändige Entwickelung binnen 24 48 Stunden unter nur geringem Beißen oder Brennen und bei einer nicht allzu erhöhten Hauttemperatur. vollkommen gebildet iſt, laſſen auch die katarrhaliſchen und fieberhaften Einleitungsſymptome nach, und ſchon 24 Stun⸗ den ſpäter färben ſich die urſprünglich rein rothen Maſern⸗ flecke, beſonders an der Hinterſeite des Körpers, etwas bräun⸗ lich oder bläulich, worauf ihr allmähliges Erbleichen folgt. Man ſieht es nicht gern, wenn dieſes Verſchwinden raſcher eintritt, wie es auch kein gutes Zeichen iſt, wenn ſich die Maſernflecke zuerſt am Körper entwickelt und von da aus zögernd ausgebreitet haben. Noch verdächtiger wird es, wenn der Ausſchlag ſchon ſehr blaß aufgetreten iſt; eine ganz beſtimmte Anomalie bedingt es aber, und zwar eine meiſtens gefahrdrohende, wenn er ſehr raſch eine violette, oder livide Färbung annahm, weil dieſe ſtets von Blutaustretungen in die Flecken zeugt(ſchwarze Maſern). Auch zeigen ſich dann zwiſchen dieſen noch Petechien oder Blutbläschen.

Aehnlich wie bei den Maſern entſteht auch der Schar⸗ lachausſchlag gern zuerſt am Geſicht und Hals, doch noch gewöhnlicher an der Bruſt, und zwar in Form von großen, rothen Flecken, welche ſich bei ihrem anfänglichen Erſchei⸗ nen von der(ſchon vorhandenen) Fieberröthe nur durch etwas ſchärfere Begrenzung und intenſivere Färbung unterſcheiden. Man wird in den erſten Momenten um ſo leichter getäuſcht, als die Hautt dabei ganz glatt bleibt. Erſt bei genauer Be⸗ ſichtigung erlkennt man dieſe Scharlachdecke, welche bisweilen

Nachdem das Exanthem

ſogar den ganzen Körper gleichförmig überzieht, aus lauter während andere wahrhaft peſtartig wüthen. Aber auch in

kleinen, kaum nadelſtichgroßen Pünktchen zuſammengeſetzt,

aus denen manchmal auch kleine, enggeſäete Knötchen her⸗

vorſchießen(Scharlachfrieſel). An den Gliedmaßen iſt aber

die Röthe gewöhnlich fleckig, in der Mitte am intenſivſten,

nach außen hin verblaſſend. Kurz nach ihrem Hervortreten

ſchwindet ſie überall unter dem Fingerdruck, wenn ſie aber

ſchon 24 Stunden beſtanden hat, ſo zeigt die Druckſtelle eine

unreine, gelbliche Haut. Während nun bei den Maſern

die katarrhaliſchen und fieberhaften Vorläufer mit dem Aus⸗

bruche des Exanthems ſich verſchwächen, dauert im Schar⸗ lach das Fieber mit großem Durſte, Appetitloſigkeit, ſpar⸗

ſamem Urin und beträchtlicher Unruhe unverändert fort bis

zur vollen Entwickelung des Ausſchlags, und kaum etwas

milder auch während deſſen zwei⸗ bis dreitägiger Blüthe,

unter welcher die geſammte Hautdecke anzuſchwellen pflegt.

Während aber dann die Scharlachröthe allmählig verblaßt,

läßt Fieber, Unruhe und Angine unter Schweißen und

breiigen oder wäſſerigen Ausleerungen nach. Hierauf folgt

ſofort am 5. bis 8. Krankheitstage die erſt kleien⸗

förmige Abſchuppung, dann lappenförmige Abſchälung der Oberhaut, wobei die blosgelegte junge Haut ſanft duftet und äußerſt empfindlich iſt. Ein ſo normaler Verlauf des Scharlachausſchlags i*ſt jedoch keineswegs conſtant. Er kann vielmehr auch urplötzlich, ohne äußere Veranlaſſung unter⸗

brochen werden, oder überhaupt nur rudimentär vorhanden ſein. Und dies im guten, wie im ſchlimmen, leider viel häufigeren Sinne. Dann erſcheinen nämlich mit der un⸗ vollkommenen Entwickelung der Scharlachröthe plötzliche Con⸗ vulſionen, Starrkrampf, Raſerei oder Torpor, Erſtickungs⸗ zufälle u. dgl. Manchmal heben ſie ſich, indem das Schar⸗

lach in volle Blüthe kommt; häufiger aber führen ſie durch ihre Heftigkeit den Tod des Kranken noch vor ihrer Ent⸗ wickelung herbei. Im Ganzen ſeltener als bei Maſern iſt nun zwar jene Anomalie des Scharlachs, welche von Blut⸗ zerſetzung zeugt; aber auch ſie fehlt nicht und droht immer mit der höchſten Lebensgefahr.

Maſern wie Scharlach verbinden ſich leider nur allzu⸗ gern mit andern Krankheiten. Darin ſind ſie einander gleich. Bei den Maſern droht aber der Einbruch neuer, namentlich entzündlicher Affectionen der Bruſt- und Unter⸗ leibsorgane ganz beſonders während der Eruption des Exanthems; und faſt noch häufiger beobachtete man zur Zeit der Abnahme die Entſtehung oder ein rapides Vorſchreiten der Lungentuberkuloſe. Ja, die Nachkrankheiten der Maſern ſind faſt unbeſtimmbar. In dieſem einzigen

Puntte erweiſt ſich das Scharlach einigermaßen günſtiger;

es wird nicht allzuhäufig von Nachkrankheiten gefolgt. Da⸗ gegen verbindet es ſich in allen ſeinen Stadien entweder ſehr plötzlich und unvorbereitet, oder allmählig, aber meiſtens unaufhaltſam mit örtlichen und faſt immer entzündlichen oder allgemeinen und conſtitutionellen Leiden. Von jenen ſind Entzündungen der Hirnhäute, Augen, Ohren, auch der Bruſt⸗ und Bauchorgane die gewöhnlichſten, von dieſen all⸗ gemeine Entkräftung(Marasmus) und Waſſerſucht. Ein⸗ zelne ödematöſe Hautanſchwellungen ſind ſogar faſt conſtante Begleiter des Scharlachs, verſchwinden aber meiſtens in der Reconvalescenz von ſelber, während die andern Compli⸗ cationen nur ſelten einen günſtigen Ausgang hoffen laſſen. Was nun, abgeſehen von dieſen Neben⸗ und Nachkrank⸗ heiten die Prognoſe der Maſern und des Scharlachs anbe⸗ langt, ſo wird ſie zumeiſt durch den Charakter der Epidemie bedingt. Es giebt Scharlachepidemien, welche ſo leicht ſind, daß man die einzelnen Fälle kaum Krankheiten nennen kann,