Jahrgang 
1857
Seite
628
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man faſt überall, wo nur irgend ein ſolches vermuthet wird. Da aber, wo die Braunkohlenlager bereits aufgefunden und in Angriff genommen worden ſind, ſieht man Schachte ſchla⸗ gen oder zu Tage abbauen. Bergleute und ſonſtige Arbeiter ſteigen auf und nieder, um die unterirdiſchen Schätze zu Tage zu fördern und Geſchirre aller Art, durch Menſchen, Thiere oder Dampf in Bewegung geſetzt, bringen die der Dunkelheit entnommenen Braunkohlen nach den Lagerplätzen der Fabriken und von da in dieſe ſelbſt, um wieder dem Licht entzogen(in Retorten gebracht), aber der Hitze aus⸗ geſetzt zuwerden. Die Geruchsorgane empfinden die Pro⸗ dukte der Erhitzung der Braunkohlen ſchon aus einer ziemlichen Entfernung und bei und in den Fabriken ſelbſt ſieht man eine Menge Arbeiter, welche auf die mannigfaltigſte Weiſe beſchäftigt werden, um die Erzeugniſſe von der Er⸗ hitzung der Braunkohlen weiter zu bearbeiten, zu verpacken und wegzuſchaffen. Sehen dieſe Arbeiter in der Regel auch rußig aus, ſo erſcheinen ſie doch in Folge eines guten Lohnes heiter und trotz des unangenehmen Geruches und der Dämpfe, die ſie fortwährend einathmen, geſund.

Betritt man das ſogenannte Retortenhaus einer derar⸗ tigen Fabrik, ſo erblickt man hier lang geſtreckte Oefen, aus welchen an der dem Feuerraum entgegengeſetzten Seite eine oder zwei übereinander befindliche Reihen eiſerner Röhren hervorragen, die mit einem weiten langen Rohr oder langen Kaſten von Eiſen in Verbindung ſtehen. Die erſteren Röh⸗ ren ſind die ſog. Hälſe der eingemauerten, mannigfaltig ge⸗ ſtalteten und verſchieden großen eiſernen Retorten, welche in den Oefen ſo eingemauert ſind, daß je drei oder fünf durch ein und dieſelbe Feuerung erhitzt werden können. Das ſtärkere Rohr oder der längliche Kaſten dient zur erſten Ver⸗ dichtung der Braunkohlendämpfe; um ſie aber möglichſt voll⸗ ſtändig zu verdichten, werden ſie entweder noch durch eine Reihe untereinander verbundener Fäſſer oder nach einem großen theilweiſe mit Waſſer umgebenen Reſervoir geleitet.

Zur Verſtändigung der ſämmtlichen Operationen iſt aber Folgendes vorauszuſchicken. Das Kohlenöl, Mineralöl oder wie überhaupt einer dieſer aus den Theerarten gewon⸗ nenen flüſſigen Leuchtſtoffe genannt werden mag, und das Paraffin, überhaupt alle Beſtandtheile eines Theers, er mag aus Steinkohlen, Braunkohlen, Torf, Holz oder irgend einer andern Subſtanz erhalten worden ſein, ſind nicht Beſtand⸗ theile dieſer genannten Körper, ſondern Erzeugniſſe in Folge der Einwirkung einer über den Siedpunkt des Waſſers bedeu⸗ tend geſteigerten Erhitzung. Alle der genannten theerge⸗ benden Körper, auch die Braunkohlen, enthalten Kohlenſtoff, Waſſerſtoff und Sauerſtoff. Durch den Einfluß der Hitze wird in dieſen Beſtandtheilen die ihnen innewohnende chemiſche Kraft weſentlich in ihrer Thätigkeit modificirt, ſo daß ſie ſelbſt nicht in der alten Verbindung zuſammengehal⸗ ten werden, ſondern ſich anders gruppiren und zu neuen Verbindungen zuſammentreten. Erhitzt man das Holz unter dem Zutritt der atmoſphäriſchen Luft, ſo ſieht man es in Flamme ausbrechen und nach und nach mit Rücklaſſung von Aſche verſchwinden, indem theils durch den in dem Holz ſelbſt enthaltenen, theils aber und insbeſondere durch den Sauerſtoff der zutretenden atmoſphäriſchen Luft der Kohlen⸗ ſtoff und Waſſerſtoff zu unſichtbarem Kohlenſäuregas und Waſſerdampf zuſammentritt. Anders ſind aber die Erſchei⸗ nungen, wenn das Holz in verſchloſſenen Gefäßen, alſo bei Abſchluß des atmoſphäriſchen Sauerſtoffgaſes erhitzt wird. Der in dem Holz enthaltene Sauerſtoff iſt dann nicht hin⸗ reichend, um ſeine Nebenbeſtandtheile vollſtändig zu ſättigen und der Ueberſchuß dieſer muß zu anderen Verbindungen

zuſammentreten, oder zum Theil, wie der Kohlenſtoff, unge⸗ bunden, alſo, da er feuerbeſtändig iſt, zurückbleiben. Der Sauerſtoff und Waſſerſtoff des Holzes treten demnach theils zu Waſſer, theils mit einer Portion Kohlenſtoff zu Kohlen⸗ ſäure und Kohlenoxyd und zu reich und arm gekohltem Waſ⸗ ſerſtoff, theils aber auch gleichzeitig mit Kohlenſtoff zu Kohlenwaſſerſtoffoxyd zuſammen. Das Waſſer entſteht als Dampf, der ſich gelegentlich verdichtet und die Kohlenſäure, das Kohlenoxyd und zwei Arten von Kohlenwaſſerſtoff ent⸗ weichen als luftartige Körper. Es entſtehen aber auch

Kohlenwaſſerſtoffe von flüſſiger oder feſter Beſchaffenheit(ſo⸗

das Euxion und das Paraffin), welche mit den flüſſigen oder feſten Kohlenwaſſerſtoffoxyden theils zu einem Gemiſche zu⸗ ſammentreten, das den Theer darſtellt, theils von dem ver⸗ dichteten Waſſer gelöſt werden, das den leichteren Theer ſchwimmend erhält. Die entweichenden luftartigen Körper und die unverdichteten Waſſerdämpfe ſchließen aber einen ge⸗ ringen Theil der verdichtbaren Verkohlungsprodukte ſo feſt ein, daß ihre Verdichtung bei der ſorgfältigſten Abkühlung nicht vollſtändig ausführbar iſt, weshalb auch ſtets jene Gas⸗ arten den eigenthümlichen unangenehmen Geruch beſitzen und beim Anzünden eine zwar leuchtende, aber rußende Flamme geben.

Bei der Erhitzung der Braunkohlen, Steinkohlen, des Torfes u. ſ. w. finden ganz dieſelben Erſcheinungen wie beim Holz ſtatt; unter dem Zutritt der atmoſphäriſchen Luft ver⸗ brennen ſie mit Hinterlaſſung ihrer mineraliſchen Beſtandtheile (der ſog. Aſche) zu Kohlenſaure und Waſſer, beim Erhitzen unter Abſchluß der Luft hingegen geben ſie brennbare Gasarten, Theer und eine wäſſerige Flüſſigkeit, welche letztere ſich ge⸗ wöhnlich von der aus Holz erzeugten dadurch unterſcheidet, daß ſie keine oder wenigſtens keine ungebundene Eſſigſäure ent⸗ hält. Der Theer hingegen enthält dieſelben Beſtandtheile, wie der Holztheer, nur in abweichenden Gewichtsverhältniſſen.

Gehen wir nun zu der Bearbeitung der Braunkohlen auf Leuchtöl und Paraffin zurück. Dieſe ſelbſt werden in dem⸗ ſelben Feuchtigkeitszuſtand, wie ſie aus den Gruben kommen, in die Retorten gebracht; früherhin glaubte man, daß eine Austrocknung der Braunkohlen zweckmäßiger ſei und hatte deßhalb die Retortenöfen ſo eingerichtet, daß ihre Oberfläche zum Austrocknen darauf geworfener Kohlen dienen könnte. Man fand jedoch hierbei keinen weſentlichen Vortheil, und es zeigte ſich vielmehr, daß die feuchte Kohle verhälthniß⸗ mäßig eine größere Theerausbeute gewähre. Die Speiſung der Retorten geſchieht auf der Seite des Ofens, wo ſich der Feuerraum befindet. Die Retorten ſind hier mit einer ihren Durchmeſſer erfüllenden Oeffnung verſehen, welche nach der Füllung, die aber nur bis zur Hälfte oder zu Zweidrittel des Inhalts ſtattfinden darf, durch einen eiſernen Deckel, unter Mithülfe von Lehm und Schrauben, dicht verſchloſſen wird.

Nachdem alle Retorten über einer und derſelben Feuerung mit Braunkohlen geſpeiſt und gehörig verſchloſſen worden ſind, wird die Feuerung begonnen oder, wenn die Ver⸗ kohlungsarbeit in denſelben Retorten bereits im Gange ge⸗ weſen iſt, wieder auf den Hitzgrad gebracht, bei welchem die Bildung der flüſſigen und feſten Verkohlungsprodukte in dem reichlichſten Maße ſtattfindet. Dieſe Operation iſt eine der wichtigſten, indem die Maſſe der Theerbeſtandtheile von dem Grad der Hitze abhängig iſt. Im Allgemeinen wird um ſo mehr Theer gewonnen, jemehr ſich der Hitzgrad dem begin⸗ nenden Glühen der Retortenwände nähert, und es wird um ſo weniger von dieſen, aber eine größere Menge der luft⸗ artigen Verkohlungsprodukte erhalten, je mehr jener Hitz⸗ grad überſtiegen wird. Nur ſehr geübte Arbeiter wiſſen