Jahrgang 
1857
Seite
613
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ſchluß gefaßt werden konnte, erhielt ich die Nachricht, daß die Stadt Weimar dieſes Kleinod wirklich eigenthümlich er⸗ worben hatte. Ich ſagte dem Stadtdirector dazu meinen Glückwunſch und Dank, und freue mich noch heute, zu die⸗ ſer Erwerbung in dieſer Weiſe mit thätig geweſen zu ſein. Die Stadt Weimar wird aber in den ſchönen Tagen der September⸗Feſte gewiß doppelt angenehm empfunden haben, welches unſchätzbare Gut ſie in dieſem unſcheinbaren Häus⸗ chen beſitzt und es nicht geringer achten, als die Stadt Loretto ihr Häuschen der Maria, welches bald nicht mehr Wallfahrer aufzuweiſen haben wird als das Schillerhaus zu Weimar.*)

*) Für die Entſcheidung der Frage, ob die auf das angekaufte Haus in Weimar aufgenommene Summe von 2000 Thlr. von Schiller be⸗

zahlt worden ſei, iſt unſtreitig eine Aeußerung Schillers an Körner un⸗

term 12. April 1804(Briefwechſel IV. S. 559) maßgebend. Schiller ſchreibt dort:Ich bezahle dieſes Spätjahr den Rückſtand an meinem Hauſe und es bleibt mir noch ſoviel übrig, daß ich anfangen kann, auch an unſere alte Rechnung zu gehen. Auf 40 Louisdors kannſt Du alſo fürs Erſte ſicher rechnen, die ich auf den Auguſt für Dich bereit habe. Dieſe Aeußerung beweiſt, wenn auch nicht juriſtiſch, doch moraliſch über⸗ zeugend, daß ſchon 1804 ein Theil der auf das Haus aufgenomme⸗ nen Summe bezahlt war und daß der Reſt in dieſem Jahre vollends be⸗ zahlt wurde. Die Schuld bei Körner konnte Schiller nicht im Minde⸗ ſten drücken, und es iſt unzweifelhaft, daß ſeine Einnahmen zur Tilgung ſeiner Hausſchuld verwendet worden ſind, wenn er ſelbſt an die Zurück⸗ zahlung der Körner'ſchen dachte. Es iſt ſomit den Weidner'ſchen Re⸗ likten ſicherlich durch den Vergleich ein Unrecht nicht geſchehen, und der ganze Vorgang beweiſt nur Schillers bis zur Nachläſſigkeit gehende Sorgloſigkeit in Geldſachen, die nun einmal die Begleiterin der Genia⸗ lität zu ſein pflegt. Anm. d. Red.

Schiller und Herzag Carl von Württemberg.

Man wird ſich niemals mit dem Leben Schiller's be ſchäftigen können, ohne dabei des Herzogs Carl von Württem⸗ berg zu gedenken; denn in der That iſt es ſehr zweifelhaft, ob Schiller auch nur einen kleinen Theil ſeiner Bedeutung und ſeiner Berühmtheit erlangt hätte, ohne das gewaltthätige Eingreifen des fürſtlichen Despoten in die geiſtige Entwicke⸗ lung Schiller's. Dieſer hätte wahrſcheinlich als Geiſtlicher in irgend einem Orte ſeines engeren Vaterlandes ſein Leben zugebracht, ohne bedeutende Spuren ſeines Daſeins zu hinter⸗ laſſen, wenn nicht der Herzog, in deſſen Dienſten Schiller's Vater ſtand, die theologiſchen Neigungen und Plane des

jungen Mannes und ſeiner Familie durchkreuzt und den

talentvollen Knaben kurzweg in die von ihm neuerrichtete Militärakademie commandirt hätte. Man hat in neuerer Zeit die Verdienſte dieſer Akademie, der ſogenannten Karls⸗ ſchule, um die Entwickelung der geiſtigen Anlagen Schiller's ſehr hoch, wie wir glauben, zu hoch angeſchlagen. Gewiß ſind viele Samenkörner in dieſer Schule in den Geiſt Schiller's gelegt worden, große Anregungen gingen von da aus, das Zuſammenleben und Streben mit vielen begabten Jünglingen hat ſicherlich nur günſtig auf Schiller gewirkt. Indeſſen weiß Jedermann, daß Schiller zwar ein talentvoller, aber keineswegs ein fleißiger und geordneter Schüler dieſer Anſtalt war, aus der er bekanntlich ſo wenig als Meiſter in dem ihm aufgenöthigten Fach, der Medizin, hervorging, daß er ſelbſt ſpäter ſeine völlige Unwiſſenheit bedauernd eingeſtanden hat. Der bei weitem bedeutſamſte Einfluß, den die Karls⸗

ſchule auf Schiller ausübte, beſtand darin, daß in dem von

Haus aus weich angelegten Jüngling, der unter angemeſſenen Verhältniſſen wahrſcheinlich eine ganz ſtille, friedliche Ent⸗ wickelung durchlebt haben würde, durch die unſinnige Gewalt, die hier den Individualitäten angethan wurde, die edle Natur zur kräftigſten Reaktion und zum bewußteſten Gegenſatz angeregt worden iſt. Der Zwang der Karlsſchule entwickelte das Freiheitsgefühl Schiller's, welches in ſeinen erſten Werken

Schiller's ſchwärmeriſche Natur machte ihn leicht ent⸗ zündlich für das ſchöne Geſchlecht. Er erglühte raſch und ſcheint auch durch ſein fein fühlendes, hingebendes Gemüth zuſammen mit ſeinem gebildeten und kühnen Geiſt ſchnell Eindruck hervorgebracht zu haben. In Bauerbach bei Mei

einen zum Theil noch rohen Ausdruck gefunden hat, welches aber weſentlich beitrug, dem Dichter die Beachtung und die Liebe des Publikums frühzeitig zuzuwenden, ſo daß er da⸗ durch in den Stand geſetzt wurde, in langer, ruhmvoller Ar⸗ beit ſich für größere, kunſtvollere Schöpfungen heranzubilden. Auch in anderer Beziehung wirkte der Herzog nur negativ auf Schiller's Entwickelung. Dieſer mußte, um ſeine Größe zu erreichen, nothwendig in andere Verhältniſſe kommen; in Württemberg wäre er nie Etwas geworden. Es iſt das Un⸗ glück dieſes Landes, daß es zwar von einem begabten Volks⸗ ſtamm bewohnt iſt, daß aber die Enge und Kleinheit der Ver⸗ hältniſſe jeder Entwickelung zu großer, weitreichender Be⸗ deutung feindlich iſt, und ſo viele Württemberger berühmt geworden ſind, ſie ſind es Alle außer Württemberg geworden. Ohne eine zwingende Veranlaſſung aber wäre Schiller nie⸗ mals in die Lage gekommen, Württemberg zu verlaſſen; die Mittel dazu fehlten. Herzog Carl gab unfreiwillig dieſe zwin⸗ gende Veranlaſſung, indem er mit raffinirtem Despotismus dem Dichter verbot, ein Dichter zu ſein, und gerade die Be⸗ ſtimmung zu erfüllen, welche er, wie er immer deutlicher fühlte, von der Natur empfangen hatte. Kaum gab es irgend Etwas anderes, was Schiller in ſeiner beſchränkten Lage nicht über ſich hätte ergehen laſſen müſſen: ſeine innerſte Natur zu verläugnen vermochte er nicht und ſo wurde er zu einem Schritt gedrängt, der in jeder Beziehung abenteuerlich war, der ihn aber allein ſeiner Zukunft rettete. Das war das Verdienſt des Herzogs Carl um Schiller, daß er durch ſeine Willkür das ſchlummernde Freiheitsgefühl in dem edlen Jüng⸗ ling weckte und durch despotiſches Vergreifen an ſeinem Geiſte ihn aus dem Lande trieb, in welchem nur der Schreiber und

ein gewiſſer Cynismus zu gedeihen ſcheint, und aus welchem ſo oft wie die Wiſſenſchaft, ſo die Grazien flüchten mußten, um nicht zu verkümmern. Erſt indem er aus Württemberg flüchtete, wurde Schiller ein deutſcher Dichter.

ningen, wo er nach ſeiner Flucht von Stuttgart und nach⸗ dem in Mannheim keine Exiſtenz ſich hatte erringen laſſen, auf dem Gute der Frau von Wolzogen ein Aſyl gefunden hatte, reichte ein kurzer Beſuch derſelben mit ihrer Tochter

Charlotte hin, Schillern für die Letztere zu entzünden; leider