Jahrgang 
1857
Seite
609
Einzelbild herunterladen

tragen zu haben: denn ſchon längſt ſind die Wälder in ſeiner Umgebung ausgerottet; wohlgepflegte Felder umgeben das Städtchen in ſchönen Wellenlinien und herzerfreuende Wein⸗ berge ziehen ſich an den Anhöhen hin. Dabei führten ſich die Marbacher aber auch ernſtlich zu Gemüthe, daß der Menſch nicht allein vom Brode lebt: das beweiſt die im gothiſchen Style(1450 1480) gebaute prächtige Alexan⸗ derskirche mit ihrem ſchlanken, hochragenden Thurme, der neueren Stadtkirche nicht einmal zu gedenken.

Allein kaum war die Kirche im Geſchmacke des mittel⸗ alterlichen Katholizismus ausgebaut, ſo machte ſie eine neue Weltanſchauung für ſich dienſtbar; die Marbacher bekannten ſich freudig zu Reformation. Zu Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts aber hatte die gute Stadt Unſägliches zu leiden. Im Jahre 1693 wurden ihre ſchönen Felder und Weinberge von den Franzoſen verheert, die Stadt eingenom⸗ men, zum Theil in Brand geſteckt, geplündert und die Be⸗ wohner ſchauderhaft mißhandelt. Nur langſam erholten ſich die ſo hart Heimgeſuchten wieder; die emſigſte gewerb⸗ liche Thätigkeit half dem tieferſchütterten Wohlſtande nach und nach wieder auf. Färbereien und Gerbereien, Krapp⸗ und Farbholzmühlen, Tuchwebereien, Metall⸗, Knopf⸗ und Stroh⸗ ſeſſelfabrikation wetteiferten im regſten Betrieb. Den in⸗ duſtriellen Fortſchritten der Neuzeit hat indeß Marbach, ver⸗ möge ſeiner ungünſtigen geographiſchen Lage nicht folgen können. Ein großer Theil ſeiner Einwohner beſchäftigt ſich nur mit Landwirthſchaft und Weinbau, und nachgerade iſt es eine wahre Bäcker⸗ und Wirthshausſtadt geworden: ſo viel Bäckerläden, ſo viel Wirthshausſchilder trifft man nir⸗ gends, als in Marbach.

Es war am letzten Palmſonntag, als ich einen Ausflug in dieſes Städtchen machte, das nicht eins der geringſten iſt im Schwabenlande. Denn dort wurde, wie männiglich be⸗ kannt, am 10. November 1759 Schiller geboren. Erſt nachdem er geſtorben war, erinnerte man ſich wieder daran; man ſuchte das Häuschen auf, wo die Wiege des größten deutſchen Dichters ſtand und machte es zum Ziele pietät- voller Beſuche.

Die Marbacher ſelber ſind in neuerer Zeit, wie man zu ſagen pflegt, mit einem ordentlichenSchillerbewußtſein er⸗ füllt. Sie glauben ihren großen Mitbürger noch beſonders dadurch zu ehren, daß ſie von ihm ſtets als vom Doktor Schiller reden als ob ſeine Werke nicht einen ehrenvolleren Werth hätten, als eine Inauguraldiſſertation. In dem Gaſthauſe wenigſtens, wo ich einkehrte und nach dem Schil⸗ lerhaus fragte, ſprach Alles nur von dem Doktor Schiller und auch von der Perfidie der Stuttgarter, die auf dem alten Schloßplatz zu Ehren ihres, des Marbacher, Schiller deſſen Statue aufgeſtellt hätten, ſtatt dieſelbe nach Marbach zu ſchicken, um ſie auf dieSchillerhöhe zu verpflanzen.

Ein paar Schritte ſüdlich von Marbach, über der von Ludwigsburg herkommenden Straße, den Gipfel eines Reb⸗ berges bildend, befindet ſich ein erhöhter Punkt, von welchem man eine ſtundenweite Ausſicht nach allen Seiten hin ge⸗ nießt. Dieſen Punkt nun haben die Marbacher mit Bäu⸗ men und Geſträuchen verziert und ihm den NamenSchiller⸗

609

Ort geweſen für die Schillerſtatue, die ſich indeß in dem Marbacher Rebberge doch etwas wunderſam ausnehmen dürfte. Ein jedes andere Denkmal würde an dieſer Stelle paſſender ſein, als eine koloſſale Statue. Genug, daß die Marbacher ihren berühmten Landsmann auf jede mögliche Art zu ehren beſtrebt ſind!

Von derSchillerhöhe begab ich mich wieder nach Marbach zurück, um Schiller's Geburtshaus aufzuſuchen. Daſſelbe liegt an einer Seitenſtraße, gegen die Alexanders⸗ kirche hin ein kleines, armſeliges, zweiſtöckiges Häuschen, gegenwärtig von einem Bäcker bewohnt, der auch Wein aus⸗ ſchenkt. Das Gaſtzimmer, d. h. das Gemach, wo Schiller's Eltern wohnten und Schiller geboren wurde, iſt eine gewöhn⸗ liche Bauernſtube, an der Decke durch einen Querbalken in zwei Hälften getheilt, von denen die eine vormals das Schlaf⸗ gemach der Schiller'ſchen Eheleute war. Dort wurde Schiller geboren! In derſelben Ecke hinter dem Ofen, wo einſt ſeine Wiege ſtand, ſteht jetzt eine mächtige Mulde, worin, dem idealen Dichter gleichſam zum Trotz, das reale Brod des täglichen Bedarfs gewirkt wird.

Die Stube hat übrigens nichts Charakteriſtiſches, und die Pietät, die man dem Schiller'ſchen Genius ſchuldig iſt, hat ſie bis zur letzten Zeit vollſtändig vernachläſſigt. Eine kleine ſchwarze Gypsbüſte ſoll an den Dichter erinnern; ſeine Werke, vor längerer Zeit von dem Bremer Schillerverein dem Marbacher Schillerhauſe geſchenkt, zieren einen kleinen Wandſchrank, aus welchem dem Beſucher auf Verlangen auch das Fremdenbuch verabreicht wird, um ſeinen Namen mit oder ohne Verſe den überſchwenglichen, erhabenen, komiſchen,

ironiſchen, glühenden, oder mondſcheinblaſſen Gefühlen an⸗

gefunden haben.

zureihen, die in dieſem Buche den entſprechenden Ausdruck Von berühmten Namen habe ich keinen in dem Fremdenbuche gefunden. Im Uebrigen ſieht man ſich in der Stube vergeblich nach etwas um, das mit Schiller in irgend einer Beziehung ſtände, oder an ihn erinnerte. Am Hauſe iſt eine Tafel angebracht, worauf geſchrieben ſteht: Hier wurde Friedrich Schiller geboren. Sie iſt aber mehr

ein einladender Wirthshausſchild, als eine Schiller'ſche

Idee von der Bedeutung Schiller's zu haben ſcheint.

höhe gegeben. Hier meinten ſie wäre der paſſende

Ehrentafel, wie denn auch der proſaiſche, hausbackene Be⸗ ſitzer des Hauſes, der Bäcker Fiſcher von Marbach, keine Das hat er indeß weggekriegt, daß das Haus, aus welchem Schil⸗ ler den dornen- und diſtelgeflochtenen Pfad zu ſeinem Dichter⸗ ruhme angetreten hat, für ihn mit der Zeit etwas Erkleckliches abwerfen dürfte. Er hat vorläufig den Verkaufspreis auf 4000 Gld. feſtgeſetzt, während das Haus mit 2000 Gld. theuer genug bezahlt wäre.

Es iſt erfreulich, daß dieſes Haus endlich ſeiner pro⸗ ſaiſchen Beſtimmung entzogen, und in würdiger Weiſe dem Andenken des großen Dichters geheiligt wird. Während minder bemerkenswerthe Stationen, wo der Dichter auf ſeinem Lebens⸗ und Leidenswege Einkehr genommen hat, mit Kränzen lebendiger Erinnerung geſchmückt werden, geziemt es ſich, daß das Haus ſeiner Geburt künftighin an ein anderes Brod gemahne, als an das, welches der Bäcker Fiſcher in Marbach bäckt, an etwas anderes als an die Mulde: an Schiller's Wiege!