Jahrgang 
1857
Seite
608
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Geiſte, welcher ſich in dieſem Manne ein Organ zube

reitet hatte; und indem ſie ihn ehrten, ehrten ſie die Nation, die ſeit Jahrhunderten Ehre und Achtung ver⸗

loren hatte. Und es that auch der Liebe zu Schiller wahrlich keinen Eintrag, daß ſeine äußere Lage doch im Ganzen immer eine beſchränkte blieb. Eine Hauptquelle

ſeiner äußeren Exiſtenz war und blieb immer das

Publikum. Das iſt es, was ihn ſo vortheilhaft unter⸗

ſcheidet von den ſpäteren Dichtern, die ebenfalls dem

Publikum ſich in die Arme warfen, daß er über den Sor⸗

gen des Lebens nie das ideale Streben nach Vollendung

ſeiner Bildung vergaß, daß er nie den erworbenen Ruhm für materielle Zwecke auszubeuten, ſondern immer darauf bedacht war, ihn durch erneuerte Bildungsarbeit zu recht⸗ fertigen und neu zu verdienen.

zugewandt, war er natürlich frei von jenen perſönlichen Eitelkeiten, Eiferſüchteleien, Cameraderien, womit heute die Literatur geſchändet iſt. Das iſt das wahrhaft Große und Einzige jener Literaturperiode, daß nur die Sache galt und mit neidloſer Freude jeder Mitſtrebende begrüßt wurde, wenn er nur ebenfalls der Sache, nicht perſön⸗ lichen Zwecken nachjagte. Dieſe Unterordnung des Per⸗ ſönlichen unter die Sache war es, worin die beiden ſo ver⸗ ſchiedenen Dichter ſich zuſammenfanden und jene einzige Freundſchaft ſchloſſen, von welcher die Kunde und die Ur⸗ kunden dauern werden, ſo lange es eine deutſche Sprache und ein deutſches Vaterland gibt. Beide von ganz ent⸗ gegengeſetzten Punkten ausgehend, aber beide adelige und vornehme Naturen, beide frei von perſönlichen Rückſichten wie von Schmeichelei gegen das Publikum, wenn auch in ſehr verſchiedenem Maße befähigt, die große Menge an und zu ſich heraufzuziehen. Gewiß darf man an Schiller

In dieſer Arbeit bis zu ſeinem Tode unermüdet begriffen, den Idealen ſeiner Kunſt

die Bemerkung machen, die ſowohl ihm als dem deutſchen

Publikum zur Ehre gereicht, daß nie ein deutſcher Dichter populärer war, als er, daß aber auch niemals einer dieſe

Popularität ſo wenig mit irgend einer Conceſſion an die

Schwächen des Publikums bezahlt hat, als er. Gerade weil Schiller bei aller Hingebung ſeines Weſens doch nicht einen Augenblick ſeine vornehme, über alles Pöbelhafte

erhabene Haltung aufgab, hatte ſeine Popularität Dauer und Beſtand. Er ſtieg nie herab, aber er wird noch lange das Pubhlikum zur Höhe ſeines Idealismus und ſeiner ſittlichen Würde emporheben. Dieſe Haltung eines Mannes, der doch im Ganzen vom Publikum leben, der fortwährend darauf bedacht ſein mußte, ſein Talent an die Mengezu verwerthen, iſt vielleicht diejenige Eigenſchaft, welche die größte Bewunderung verdient. Dieſer Adel des Geiſtes iſt den Schriftſtellern und Dichtern unſerer Zeit beinahe völlig abhanden gekommen ſie kriechen vor den Fürſten oder vor der Menge und oft vor beiden, während Schiller auf ſeiner idealen Höhe Beide unter ſich hatte, Beiden imponirte und Beide zu ſich erhob.

Alle dieſe Eigenſchaften zuſammen ſichern dem Dichter für alle Zukunft die Liebe der deutſchen Nation, den Ein⸗ fluß auf die Veredlung und Erhebung ſeines Volkes. Keine noch ſo großartige und thatkräftige Geſtaltung unſerer Verhältniſſe iſt denkbar, für welche nicht aus Schiller Kraft und Begeiſterung geſchöpft würde, keine Vervoll⸗ kommnung unſerer Literatur, für welche nicht Er noch im⸗ mer das beſte Muſter abgäbe. Er iſt der wahrhaft nationale Dichter, weil Alle ihn zu verſtehen ſuchen, weil Alle ihn lieben, weil Alle zu der Höhe ſeines ſittlichen und geiſtigen Standpunkts emporſehen und emporſtreben. Und er iſt der wahrhaft claſſiſche Dichter, weil alle Ver⸗ vollkommnung des Mechaniſchen und Techniſchen in der Poeſie doch nie ein Kunſtwerk erzeugen wird, dem der Preis zuerkannt werden könnte vor Schiller'sWallen⸗ ſtein, vor ſeinerMaria Stuart, ſeinerJungfrau, ſeinemTell.

Nicht zu befürchten iſt daher, daß Schiller bei den Deutſchen vergeſſen werden könnte, wohl aber zu wün ſchen, daß ſein Andenken ſtets im rechten Sinne gefeiert werde, nicht mit bloßen Worten, ſondern durch das ernſte Ringen, uns ſelbſt als Einzelne zur Höhe ſeiner ſittlichen und geiſtigen Würde emporzuarbeiten und als Ganzes, als Nation durch ein freies und großes Daſein eine Pflege jener edlen Geſinnungen und Strebungen für ewige Zeiten zu ſichern, die Schiller am ſchönſten und beredteſten ver⸗ kündigt hat.

Ein Beſuch in Schillers Geburtsart.

Von

J

Marbach iſt ein altes württembergiſches Landſtädtchen.

Seit undenklichen Zeiten gehört es zu den württembergiſchen Landen, lange bevor noch der große Schiller in dem kleinen Häuschen dort geboren wurde, war ein rüſtiges Geſchlecht thätig, der Stadt ein reſpektables Aus⸗ und Anſehen zu ver⸗ ſchaffen. Sie liegt etwa vier Stunden unterhalb Stuttgart auf einer Anhöhe an der rechten Seite des Neckar's. Freund⸗ lich blickt ſie auf den Wanderer, der von Ludwigsburg her⸗

kommt; an ihrem Fuße hemmt der Neckar ſeinen raſchen

J. G.

Lauf und in breiter, ſtiller, ſpiegelglatter Behaglichkeit nimmt er die Bilder in ſich auf, die ihm von der bedeutungsvollen Höhe und von ſeinen baumbekränzten Thalufern entgegen⸗ ſtrahlen.

Die Marbacher waren einſt ſehr bemüht, ihr irdiſches Daſein ſicher zu ſtellen: das bezeugen die nicht zu verachten⸗ den Ueberreſte ihrer ſtädtiſchen Ringmauern, ſowie das noch ganz gut erhaltene öſtliche Stadtthor. Auch ſcheinen ſie ſchon frühe für die Behäbigkeit des Lebens weiſe Sorge ge⸗