Jahrgang 
1857
Seite
604
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nung aus den Tiefen der Schande zu einem würdigeren Daſein nicht aufzugeben.

Es iſt ſicherlich eines der tröſtlichſten Anzeichen noch vorhandener ſittlicher Lebenskraft und Zukunftsanſpruchs, daß das Andenken Friedrich Schillers immer neu in der deutſchen Nation iſt, und auch ohne die Erinnerungs feiern in abgeſchloſſenen Kreiſen immer neu ſich erzeugen

würde durch den Einfluß, den die Werke des Dichters

fort und fort auf das ältere wie auf das nachwachſende Geſchlecht ausüben. Schillers Dichtungen können nie mals veralten, weil ſie einer Zeit angehören, zu welcher wir, was geiſtige Größe und ſchöpferiſche deutſche Kraft betrifft, wie zu einer über die Gegenwart weit erhabenen hinaufſchauen müſſen; indem ſie aber fort und fort extenſiv ſowie intenſiv den tiefſteu, ſittlich und geiſtig bildendſten Einfluß auf die Nation in allen ihren Theilen ausüben, ſind ſie zugleich eine Art Bürgſchaft dafür, daß wir uns wenigſtens nicht in einem ganz hoffnungslos tiefen Ab grund verlieren, daß ein geiſtig und ſittlich verknüpfen des Band mit jener beſſeren Zeit ungelöſt fortbeſteht und fortwährend an unſerer Wiedererhebung arbeitet.

Es iſt eine herrliche und faſt einzige Erſcheinung, die

Liebe, mit welcher die deutſche Nation faſt von ſeinem

erſten Auftreten an an Friedrich Schiller hing. Man nennt das Publikum oft undankbar gegen ſeine großen Männer. Die Deutſchen ſind es nicht und ſie waren es ganz beſonders nicht gegen Schiller. Kein Dichter viel leicht hat noch bei Lebzeiten auf eine ganze große Nation ſo ſtark eingewirkt wie er, keiner iſt mit ſo allgemeiner Liebe umgeben, mit ſo erſchütternder Klage betrauert worden. Noch heute iſt man gewöhnt, nicht, wie man ſonſt pflegt, den Geburtstag des großen Dichters, ſon dern den Tag zu begehen, an welchem ein allzu früher Tod ihn aus der Thätigkeit des Strebens und Schaffens

hinwegnahm, und welcher freilich in die goldene Zeit des Mai fällt, in welcher die Natur aus dem Winterſchlafe

erwacht ihre ewig neue ſchaffende Kraft bewährt, ein ſchönes Sinnbild der auch nach ſeinem Tode fort und fort an immer neuen Geſchlechtern ſich erweiſenden bil denden und belebenden Kraft des Dichters. Zweiund funfzig mal iſt der Tag bereits wiedergekehrt, an welchem ein neidiſches Geſchick den Dichter in der Kraft des geiſti gen Schaffens uns entführt, und noch immer wird dieſer Tag an Hunderten von Orten nicht blos in Deutſchland, ſondern überall wo deutſche Bildung eine Stätte gefun den, begangen und der Tod des Dichters beklagt, gleich als wäre er erſt geſtern geſtorben.

welcher das

Dieſe ewige Jugend, in Andenken

Schillers unter uns ſteht, hat etwas geheimnißvolles,

räthſelhaftes. Man erklärt ſie nicht, wenn man blos auf die klaſſiſche Vollendung ſeiner Dichtungen hinweiſt. Denn nicht immer iſt es gerade das Vollendete und Klaſſiſche, was gleich von Haus aus die Maſſen ergreift und fort

reißt. Auch iſt Schiller von ſeinem erſten Auftreten an ein Liebling des Publikums geweſen, ohne daß man be⸗ haupten kann, er ſei, wie die Pallas aus dem Haupte des Zeus, gleich als vollendeter Dichter vor die Welt getreten. Schiller war bemüht, den aufmunternden Beifall des Publikums, der ihm von Anfang an entge genkam, durch ſtrenge Arbeit an ſich ſelbſt zu verdienen, und erſt dieſer Arbeit verdanken ſeine ſpäteren Werke ihre klaſſiſche Vollendung, während der Beifall und die Liebe auch dem Unvollkommenen niemals fehlten.

Es iſt wohl eine Vereinigung ſehr verſchiedenartiger Eigenſchaften und Umſtände, was Friedrich Schiller zum Liebling des deutſchen Publikums machte und noch macht, und das rein Perſönliche hat daran mindeſtens einen⸗ ebenſo großen Antheil als die objektive Größe der Schil ler'ſchen Dichtungen, die manchmal vielleicht nicht ſo ſehr wegen ihrer Kunſtvollendung, ſondern mehr als der frei⸗ lich formvollendete Ausdruck der liebenswürdigen, edlen, der idealen Perſönlichkeit des Dichters geſchätzt wor den ſind.

Das Publikum bewundert die Größe, die Kraft des Geiſtes, die Gewalt der Rede; aber es liebt nur den, der ſich ihm hingibt. Was daher vor Allem die Liebe erklärt, mit welcher das deutſche Publikum Schiller von Hauſe aus umgab, das iſt, daß er ſich in ſeinen Schriften immer ohne Rückhalt gibt, wie er iſt. Schiller gibt ſich ganz und vollſtändig hin, ebenſo in ſeinem Ver hältniß zu ſeinen näheren Bekannten, wie in ſeinem Ver hältniß zum Publikum. Es iſt dies diejenige Eigenſchaft, die ihn am ſchärfſten von Goethe unterſcheidet, der ſich niemals ganz gibt und welcher daher wohl in den näch ſten perſönlichen Kreiſen hoch gehalten, in weiteren be⸗ wundert, aber niemals von dem großen Publikum geliebt worden iſt. Es ſoll dies was wir ausdrücklich be merken keineswegs zu Ungunſten Goethes geſagt, es ſoll keineswegs dadurch Schiller über Goethe hinaufge ſtellt, es ſoll nur die offenkundige Thatſache dadurch er klärt werden, daß das große Publikum Schiller von Haus aus und fort und fort eine Liebe zugewendet hat, welche Goethen bis auf den heutigen Tag verſagt bleibt. Dieſer Liebe war die Erwiederung der vollen Hingebung Schil lers, welche ſeinen Werken eine Wärme mittheilt, die Goethe niemals zu entwickeln vermochte. Goethe ſtand immer über ſeinen Gefühlen, er beherrſchte ſie und ſeine Dichtungen ſind ihm oft nur ein Mittel ſich jener Ge fühle zu entledigen. Daher in ſeinen Werken wie in ſeiner ganzen Perſönlichkeit eine gewiſſe Kälte, die ſich im Laufe der Zeit immer ſtärker entwickelt, eine Kälte und Ruhe, die ihn außerordentlich befähigte, ſeinen Geiſt immer reicher auszubilden und die verſchiedenartigſten, Eindrücke und die Bildungselemente aller Jahrhunderte und aller Länder in ihm zu vermitteln, die ihn aber wie einen Gott erſcheinen ließ, erhaben über die Irrthümer,

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