Leiden, Unvollkommenheiten dieſer Welt, emporgerückt in eine unnahbare Höhe, als einen Gegenſtand der Vereh⸗ rung und der Bewunderung, nicht der zutraulichen Liebe.
Nicht als wollten wir in dieſen Worten Goethe den Vor—
wurf der Herzloſigkeit machen; Goethe war in der That
nicht herzlos, ſeine Lebensverhältniſſe und ſeine geiſtige
Anlage verhinderten nur jene volle, unbedingte Hinge- bung, welche ſich die Liebe der großen Menge verdient.
Es iſt nicht bloß eine angeborene Eigenſchaft, dieſe Fähigkeit und Neigung ſich ganz hinzugeben: die Lebens— verhältniſſe ſpielen dabei eine ſehr bedeutſame Rolle. Die öffentlichen Verhältniſſe Deutſchlands haben es und zwar auf ſehr manichfaltigen Wegen mit ſich gebracht, daß unter den Perſönlichkeiten, welche einen wahrhaft großen, weit in die Zukunft hinausreichenden Einfluß auf ihre Nation ausübten, nur ſehr wenige ſind, die durch die Unabhängigkeit ihrer äußeren Lage von Jugend auf auch das Gefühl der Unabhängigkeit ſowohl dem Publikum als den Großen gegenüber in ſich ausbilden konnten. Goethe war einer der wenigen, die dies wirklich konnten. Man faßt ihn nicht richtig auf, wenn man auch nur einen Augenblick vergißt, daß er von Haus aus der wohlge⸗ ſtellte Bürger einer freien deutſchen Reichsſtadt, voll Selbſtſtändigkeitsgefühl war, und daß ihn nicht etwa die Rückſicht auf Gründung einer Exiſtenz, ſondern lediglich die rein perſönliche Freundſchaft zwiſchen ihm und einem deutſchen Fürſten bewegen konnte, in den Dienſt eines kleinen Staates einzutreten. Goethe, ſagen wir, iſt Einer der ſehr wenigen, welche von Haus aus ſowohl dem Publikum als den Großen gegenüber ſelbſtſtändig fühlten und fühlen konnten; er ſchrieb weder um Geld vom Publi kum noch um Gunſt bei den Großen. Es bedarf nur eines oberflächlichen Blickes auf die nicht allzureichhaltige Liſte unſerer wahrhaft großen, die geiſtige Richtung ihres Volks gründenden und beherrſchenden Perſönlichkeiten, um einzuſehen, daß kaum irgend Einer in dieſer Hinſicht mit Goethe verglichen werden kann. Bei weitem die meiſten ſind in dürftigen Verhältniſſen geboren, die Noth ſaß an ihrer Wiege, unter Entbehrungen, die kein Gefühl der Unabhängigkeit aufkommen ließen, verlief ihre Jugend, ihre Bildung fand ſelten nach einem behaglich und ſelbſt⸗ ſtändig feſtgeſtellten Plane ſtatt; äußere Rückſichten, ein glücklicher Zufall, die Laune oder die Gunſt eines Fürſten
oder hohen Gönners beſtimmten ſie: kurz der Mann war
von ſeiner Wiege an darauf angewieſen, ſeine Indivi⸗
dualität unterzuordnen, ſich mehr hinzugeben als ſelbſt⸗
ſtändig zu beſtimmen und das volle Gefühl der Perſön⸗
lichkeit erſt ſpät, gleichſam von außen her, durch die
Beſchäftigung mit den Wiſſenſchaften zu empfangen. Durch eine ſolche Erziehung und Laufbahn und durch die daran ſich knüpfende Abſorption des Individuums in der Wiſſenſchaft wird eine Fähigkeit und Neigung der Hin⸗ gebung erzeugt, welche in wohlbeſtellten, äußerlich unab⸗
hängigen Verhältniſſen ſich nicht wohl erzeugt. Dieſe ſind mehr der Entwicklung eines ariſtokratiſchen Zuges günſtig, ſie bilden früher und überhaupt mehr die Fähig⸗ keit aus, ſich ſelbſt und andere zu beherrſchen, und er⸗ leichtern eine klare Stellung zur wirklichen Welt, wäh— rend der aus dürftigen und beſchränkten Verhältniſſen herausgenommene und zur Pflege der Wiſſenſchaften an⸗ gehaltene Menſch mehr blos die ideale Welt kennen lernt und eine ideale Richtung in ſich ſelbſt entwickelt.
Dieſe Hingebung und dieſer Idealismus, vielleicht nicht obgleich, ſondern weil ſie mit der Abhängigkeit und Beſchränktheit der äußern Lage Schillers in nahem
Zuſammenhang ſtehen, haben den größten Antheil an der
Liebe, mit der ſeine Perſon und ſein Andenken in Deutſch⸗ land gepflegt wird. Es iſt natürlich, nicht genug, daß eine Perſon ſich hingibt, um Liebe zu gewinnen; es muß eine edle, eine imponirende, eine geiſtig reiche Perſönlichkeit ſein. Und dies war Schiller im höchſten Grade. Immer war ſein Geiſt auf das Höchſte, Reinſte, auf das Erha⸗ bene gerichtet; eine ſanfte Schwärmerei war ihm ebenſo angeboren, wie durch ſeine Bildungslaufbahn anerzogen. Lange ſchon bevor ſeine mühevolle Arbeit der Selbſtbil dung die reifſten Früchte ſeiner Muſe gezeitigt hatte, galt von ihm das Wort, mit welchem Goethe ſpäter das An denken des abgeſchiedenen Freundes feierte: Hinter ihm, in weſenloſem Scheine, Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine. Statt in ſeiner Jugend eine eigentlich gründliche Detailbildung mit Fleiß ſich anzueignen, war ſeine Seele ſtets mit Idealen erfüllt, mit erhabenen Geſtalten, und
der Fortſchritt ſeines dichteriſchen Strebens beſtand we
ſentlich darin, in der wirklichen Welt Stoffe aufzufinden, an denen jene Ideale, von denen ſein Geiſt erfüllt war, ſich darſtellen ließen. Das iſt es aber wieder, womit die Herzen der großen Menge am ſicherſten gewonnen und gefeſſelt werden: wie der in beſcheidenen Verhält⸗
niſſen geborne Menſch ſich am rückhaltloſeſten an die Welt des Geiſtes und der Phantaſie hingibt und die dürftige
äußere Lage mit einem Reichthum geiſtiger Schönheiten und Genüſſe ausſtattet und ſchmückt, ſo will gerade die Menge, die mit des Lebens Noth und Unvollkommen⸗ heiten den bitterſten Kampf zu kämpfen hat, am meiſten
durch Ideale über dieſe engen und beſchränkten Verhält⸗
niſſe hinausverſetzt ſein, und je weniger die Geſtalten ihrer Wirklichkeit erhaben und ſittlich groß ſind, um ſo mehr verlangt ſie, daß ſolche Geſtalten ihr von der Kunſt vorgeführt werden, gerade wie auch das niedrige Volk um ſo weniger die überſinnliche Welt entbehren mag, welche in der Religion und Offenbarung ſich ihr er ſchließt, je mehr es von der Wirklichkeit in der ſinnlichen Welt feſtgehalten wird. Wie Schiller dieſem Bedürfniß des Volkes nach erhabenen Geſtalten, die ſich über die gewöhnliche Mitte weit erheben, gerecht wurde, weiß


