Jahrgang 
1857
Seite
599
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Republik und die umgeſtürzte freie Verfaſſung gegen den Uſur⸗

pator als nach zu Recht beſtehend zu erklären. War auch das

herrſchende Regiment ziemlich gewiß, daß es dieſer Demonſtra⸗ tion nicht ſofort erliegen würde, ſo fühlte es ſich doch durch das ſicher Bevorſtehende ziemlich beunruhigt. Denn die Oppoſitionen, die in Frankreich Throne umgeſtürzt, haben mit gar kleinen Zahlen angefangen und nicht alle hatten einen Mann von ſo ausgeprägtem Charakter, von ſo untadelhafter Bürgertugend zu ihrem Vertreter, wie Eugen Cavaignac war, der Schrecken der Tuilerien.

Der unerbittliche Tod hat den Beherrſcher Frankreichs von dieſem Schrecken befreit und ruhiger kann er hinfort ſein Haupt zum Schlaf in den Tuilerien niederlegen: Eugen Cavaignac iſt nicht mehr.

Freilich gibt es eine weitverbreitete Partei in Frankreich, welche glaubt oder wenigſtens ſich die Miene gibt zu glauben, als hätte Napoleon III. von Cavaignac überhaupt nichts zu fürchten gehabt, als wäre dieſer Bezwinger des Juniaufſtandes ſeit ſeinem blutigen Siege im Bürgerkampf todt und jeder poli⸗ tiſchen Zukunft unfähig geweſen, als wären ganz andre Perſön⸗ lichkeiten vorhanden, welche ſeiner Zeit den Kampf gegen den jetzigen Despotismus in Frankreich aufzunehmen und Frank⸗ reich an dem Unterdrücker ſeiner ſo blutig erkauften Freiheiten zu rächen hätten. 3

Eugen Cavaignac, über den jetzt das Todtengericht ſeine Sitzungen hält, iſt von dem Schickſal allerdings von früh an in einer eigenthümlichen Weiſe gleichſam am Schopfe genom⸗ men und in Lagen gebracht worden, denen vielleicht weder ſeine Neigungen entſprachen, noch ſeine Anlagen gewachſen waren. Was konnte Eugen Cavaignac dafür, daß ſein Vater Mitglied des Convents war und alsKönigsmörder nach der zweiten Rückkehr der Bourbonen verbannt wurde? Was ſollte der junge Mann ſich dabei denken, wenn ſeine Mutter, die von den fran⸗ zöſiſchen Republikanern wie eine Cornelia geſchildert wird, ihm von früher Jugend republikaniſche Grundſätze und Haß gegen die Bourbonen einflößte? Was kann man ihn dafür verant⸗ wortlich machen, daß ſein Bruder Godefroy frühzeitig als Schriftſteller ſich unter der republikaniſchen Partei ſowohl durch ſeine Talente und ſeine Thätigkeit als durch ſeinen Namen ein hohes Anſehen erwarb, daß dieſes Anſehen durch deſſen früh⸗ zeitigen Tod, den man den Verfolgungen des Julikönigthums zur Laſt legte, noch erhöht wurde, und daß man, als müßte es ſo ſein, in der republikaniſchen Partei auf Eugen Cavaignac von den erſten Jahren der Julidynaſtie an wie auf einen unerſchütter⸗ lichen Republikaner zählte, während derſelbe doch vorzugsweiſe nur Soldat war und, ſelbſt indem er die Traditionen ſeines Hauſes in allen Ehren hielt, doch gar keine vernünftige Möglich⸗ keit einſah, als franzöſiſcher Officier praktiſcher Republikaner zu ſein? Ein guter Militär nimmt nicht Theil an Verſchwörungen und Eugen Cavaignac war ein braver vortrefflicher Officier. Er hielt es vor allen Dingen für ſeine Pflicht, dem Vaterland zu dienen, und vom Standpunkt des Militärs aus liebt man nicht die anarchiſchen Chancen republikaniſcher Verſuche, zweifelt

man vielleicht ſogar an der republikaniſchen Fähigkeit des fran⸗ zöſiſchen Volkes. Dennoch blieb es ein unerſchütterlicher Satz im republikaniſchen Lager, daß Eugen Cavaignac ein zuverläſſiger Republikaner ſei, auf den die Republik rechnen könne, und der ihr um ſo größere Dienſte leiſten werde, je mehr er ſich in der Armee in den Ruf eines braven, unerſchrockenen, entſchiedenen Soldaten zu ſetzen gewußt und einfach deshalb, weil ſein Bruder ein Anhänger des Republikanismus und ſein Vater ein Königsmörder geweſen. So viel Recht hat die Geburt auch in der Demokratie.

In der That war Eugen Cavaignac nur Soldat und ein guter

Soldat. Wenigſtens ward er dies im Verlauf ſeiner miltäri⸗ ſchen Schule. Man ſagt, daß er in der erſten Zeit der Juli⸗ dynaſtie ſeinem Oberſt, der ihn fragte, ob er ſich gegen einen re⸗ publikaniſchen Volksaufſtand ſchlagen würde, eine verneinende Antwort gegeben habe. Daß er als Officier der Julidynaſtie verdächtig war, erklärt ſich auch aus ſeiner Verwandtſchaft. Aber, ſammt den übrigen verdächtigen Officieren zur afrikani⸗ ſchen Armee nach Algier verſetzt, hörte er auf republikaniſche An⸗ ſichten zu hegen, wenn er je welche hatte, und wurde einfach ein guter Soldat, der, allmählig in Jahren und in den Graden vor⸗ gerückt, nur noch daran dachte, ſeinen Weg zu machen, und der⸗ einſt mit der Penſion eines Obergenerals oder Marſchalls ſich zur Ruhe zu ſetzen. Auch beſaß er die Haupterforderniſſe eines guten Soldaten in vollem Maße: Ruhe, Kenntniß, Energie. Das Zeugniß des Marſchalls Bugeaud iſt in dieſer Beziehung überzeugend:Eugen Cavaignac, ſagte er, iſt ein unterrichteter, thatenbegieriger, eifriger, einer großen Hingebung fähiger Offi⸗ cier. Dies, verbunden mit ſeinen hohen Fähigkeiten, macht ihn zu großen Dingen geeignet, wenn ſeine Geſundheit ihm nicht ein Hinderniß in den Weg wirft. So urtheilte ein treuer Anhän⸗ ger der Julidynaſtie über den verdächtigen Officier von ehemals: Beweis genug, daß aller Grund zum Verdacht verſchwunden war. Cavaignac hatte ſich in der That ungemein ausgezeichnet, namentlich als Commandant von Tlemſen, wo er 18 Monate hindurch gegen eine feindliche Bevölkerung ſich hielt und durch Er⸗ bauung von Caſernen und Spitälern nicht bloß die Stadt zu einer Feſtung machte, ſondern auch den umliegenden Stämmen ſo mächtig imponirte, daß er mit ihnen allmählig in's beſte Ein⸗ vernehmen gelangte. Daneben war er oft und viel im Feuer, und gewann die Liebe des Soldaten, nicht bloß durch ſeine Tapfer⸗ keit, ſondern auch durch ſeinen Edelmuth, mit welchem er z. B. ſich weigerte, einen höhern Grad anzunehmen, ſo lange ſeine übergangenen Kameraden nicht vorgerückt wären.

Cavaignac war Brigade⸗General und als Commandant von Oran eifrig mit der militäriſchen Coloniſation ſeiner Provinz beſchäftigt, als die Februarrevolution ausbrach. Darf man ſich wundern, daß der 48jährige General nicht eben ſehr freundlich auf das Ereigniß zu ſprechen war, ſofern es ihn in die politi⸗ ſchen Wirren ſeines Vaterlandes zu ziehen und aus ſeiner Car⸗ rière herauszureißen drohte? In Oran hatte man weder Zeit noch Gelegenheit, der Entwicklung der republikaniſchen und ſo⸗ cialiſtiſchen Ideen in Paris zu folgen. Eugen Cavaignac hatte keine anderen Wünſche mehr, als eine ehrenvolle militäriſche Laufbahn von 24 Jahren ehrenvoll zu beſchließen. Aber er hatte auch, wenn er je mit Ueberzeugung Republikaner geweſen, dieſe Ueberzeugung längſt als eine ungeheure Illuſion aufgegeben. In ſechs Monaten, ſoll er bei der erſten Kunde der Februar⸗ revolution ausgerufen haben, werden wir Heinrich V. haben. So wenig war ſein Herz bei den neuen Ereigniſſen betheiligt. Aber in Paris galt er immer noch für den überzeugungstreuen Re⸗ publikaner, weil er Cavaignac hieß. Zum Theil freilich viel⸗ leicht auch weil die republikaniſche Regierung das Bedürfniß fühlte, ſich an hochgeſtellten Perſonen aus ihrer Schwäche aufzu⸗ richten. Es war einer der erſten Akte der proviſoriſchen Re⸗ gierung, durch welchen Eugen Cavaignac zum Diviſionsgeneral und Generalgouverneur von Algerien ernannt wurde. Man darf nicht glauben, daß der Beförderte ſeinen neuen Poſten mit großer Begierde ergriff. Ausdrücklich und vorſichtig erklärte er in einer Proklamation, daß er dieſe Beförderung nur dem An⸗ denken ſeines Bruders zu verdanken haben könne. So wenig war von republikaniſcher Geſinnung bei ihm die Rede und ſo ge⸗ ring war ſein Glaube an den Beſtand der Republik. Allein die Politik hatte nun einmal doch den Soldaten gefaßt und ließ ihn nicht mehr los, ſo ſehr er ſich dagegen ſträubte.