Jahrgang 
1857
Seite
598
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wicklung ſehr peinigende, während ihres Rückſchrittes ſehr läſtige und bis in die Reconvalescenz hinnein höchſt bedenk⸗ liche Krankheit, ſo erzeugt ſie noch überdies mitunter Leiden, welche ſich während des ganzen Lebens nicht wieder heben. Namentlich kommt es häufig vor, daß ſich Pocken nicht bloß am äußern Augenlid, ſondern auch an deſſen nach Innen ge⸗ wendeter Schleimhaut anſetzen. Daraus entwickeln ſich Abſceſſe, welche den Augapfel ſelbſt ergreifen, und faſt immer mit Blindheit endigen. Aber auch Taubheit des einen Oh⸗ res oder beider, chroniſche Hautausſchläge, Zuſammenziehung der Gliedmaßen oder(bei Kindern) eine Verkümmerung ih⸗ rer Entwicklung namentlich des Vorderarms, endlich nicht gar ſelten eine tiefe Zerrüttung der ganzen Conſtitution dies Alles können Folgenübel der Pocken werden.

Wenn es überhaupt nach den tauſend⸗, ja millionenfachen ſegensreichen Erfahrungen, welche man ſeit ſechszig Jahren von der Schutzimpfung gewonnen, für den Vernünftigen noch einer dringenden Mahnung bedarf, um dieſelbe nicht zu verſäumen, ſo giebt ſie jedes von Pockennarben zerriſſene Ge⸗ ſicht, jedes verlorene Auge, jede Verkrüppelung der Glied⸗ maßen, ja jede Pockenkrankheit an ſich. Zehn bis fünfzehn Jahre darf man faſt mit poſitiver Gewißheit darauf rechnen, gegen jede Anſteckung von natürlichen Pocken gefeiet zu ſein, wenn die künſtliche Pockenerzeugung ihren vollſtändigen Ver⸗ lauf hatte. Aber ſelbſt wenn die Widerſtandskraft der Durch⸗ ſeuchung nach einer längern Jahresreihe erloſch, ſo werden doch auch bei höchſt intenſiven Epidemien Geimpfte ſehr ſel⸗ ten von der vollkommen entwickelten Variola heimgeſucht. Faſt immerbleibt die Krankheit auf dem mildern Standpunkte des Varioloids. Und kommt ſelbſt in ſeltenen Fällen die Variole zur vollſtändigen Ausbildung, ſo wird ſie ihre Pocken doch nur verſtreut, gutartig erzeugen, beſonders aber faſt niemals jene berührten Verunſtaltungen der Gliedmaßen oder eine Conſtitutionszerrüttung zurücklaſſen.

So kommen wir denn wieder darauf zurück, daß bei je⸗

der herandrohenden oder vorhandenen Pockenepidemie die ſchleunigſte Impfung der ungeimpften, die Wiederimpfung der ältern Familienglieder die allererſte Sorge jedes Fami⸗ lienvaters ſein muß. Iſt einmal die Anſteckung erfolgt, wir wiederholen es, dann hat auch der geſchickteſte Heilkünſtler abſolut kein Mittel, ſie zu neutraliſiren oder den Verlauf der Pockenkrankheit ſelbſt nur zu mäßigen. Höchſtens vermag man an einzelnen, beſonders gefährlichen Stellen einzelne Pocken durch Abhaltung von Licht und Luft, durch Kälte, Aetzmittel, Queckſilber u. ſ. w. in ihrer zerſtörenden Entwicklung zu hem⸗ men. Aber dieſe immerhin problematiſche Kunſthilfe muß ausſchließlich dem Arzt überlaſſen werden. Der Kran⸗ kenpfleger, die Umgebungen des Kranken können höchſtens dafür ſorgen, daß dieſer die Geſchwüre nicht kratze und reibe, wodurch ſie leicht tiefer ſreſſen und häßliche, verfetzte Narben hinterlaſſen. Die läſtig juckenden Schorfe beſtreiche man mit Mandels oder Olivenöl oder fettem Rahm. Beſonders wähne man auch in keinem Stadium der Krankheit, daß hohe Bett⸗ oder Zimmerwärme die Entwicklung oder den Verlauf der Pocken zu erleichtern und zu beſchleunigen vermöge. Wie mild kühlende, ſchleimige Getränke den Erforderniſſen inner⸗ lich am beſten entſprechen, wie auch der Arzt gegen die Pocken⸗ krankheit poſitiv nichts thun kann, ſondern nur gegen die Ueberfälle wachhalten und erforderlichen Falls einſpringen darf, ſo ſind gleichfalls nur die gewohnten Betthüllen, nur die gewohnte Zimmertemperatur der Unterſtützung eines regelmäßigen Verlaufes erſprießlich. Bei dem mildern Varioloid und nach der Vaccination können meiſtens alle medikamentöſen Mittel entbehrt werden. Ja ſelbſt nur beim Varioloid wird es gewöhnlich rathſam ſein, daß der Kranke bis zum Beginne der Schorfbildung das Bett und nach her noch etwa 8 10 Tage das Zimmer hüte. Auch dies oft mehr darum, damit er nicht mit Geſunden in Berührung komme und ſo möglicherweiſe Veranlaſſung zur weitern Ausbreitung der Seuche werde.

General Cauaignac.

Der plötzliche Tod des Generals Cavaignac wälzt abermals einen Stein von den Herzen der Tuilerienbewohner, iſt ein neues Zeugniß für die Gunſt, mit welcher Fortuna den Napoleoniden bis dahin zu beglücken beliebt hat. Alle andern gegneriſchen Notabilitäten hatte Napoleon weniger zu fürchten als ihn, gegen alle andern Gegner waren ihm auch die Hände weniger gebun⸗ den, als gegen den, der mit einer in Frankreich ſeltenen Ent⸗ ſagung, mit einer Bürgertugend, welche in Frankreich beinahe lächerlich iſt, die höchſte Gewalt, in deren vollem Beſitz er war, verfaſſungsgemäß in die Hand des erwählten Präſidenten legte, in welcher die Verfaſſung nach kurzer Zeit verſchwinden und einem Despotismus weichen ſollte, der darum, weil man ihm eine gewiſſe relative Nothwendigkeit zuerkennt, nicht aufhört verhaßt zu ſein. Alle Andern konnte man verbannen, verſchwin den, in ihrer Abweſenheit vor einem franzöſiſchen Gericht als Meuchelmörder verurtheilen laſſen. Ein gewiſſer Anſtand, über den ſelbſt die geſetzloſeſte Gewalt ſich nicht hinwegzuſetzen wagt, mußte es dem franzöſiſchen Herrſcher unterſagen den General Cavaignac wie einen Ledru Rollin oder Charras zu behandeln; denn jener tief beſchämende Akt, in welchem Cavaignac von der höchſten Gewalt zurücktrat und die Verfaſſung in Hände legte, die ſie bald darauf verriethen, bildet zugleich die unwiderſprech⸗ lichſte Widerlegung jeder Verſchwörungsanklage. Ein Mann,

der das Geſetz ſo heilig achtet, daß er keinen Augenblick zögerte die höchſte Gewalt der Republik nach dem Willen des Volks der Hand eines Prätendenten zu übergeben, wird ſich nicht ver⸗ ſchwören und wenn man ihn der Verſchwörung anklagt, wird Niemand es glauben. Er wird warten, bis das Volk ſeine Ver⸗ nunft zurückerhalten und wird thun, was die Geſetze ihm geſtat⸗ ten, um jene Rückkehr der Vernunft und des Sinnes für Frei⸗ heit und Bürgerehre zu beſchleunigen, aber er wird ſich nicht verſchwören, eben weil er ſich durch Verſchwörung auf eine Linie mit ſeinem Gegner ſtellen würde. Und dieſer Mann hatte in der letzten Zeit einen ſchwachen Schein von rückkehrender Ver⸗ nunft in Frankreich gewahrt. Der Zauber des napoleoniſchen Namens und die Furcht vor den Schreckniſſen des Despotismus hatte in der Hauptſtadt wenigſtens zu weichen begonnen und die Wahlen zum geſetzgebenden Körper waren in dem Paris, das bis jetzt Frankreich war d. h. welches, wenn es einmal in einem beſtimmten Sinn ſich erklärt hatte, bald ganz Frankreich in der⸗ ſelben Richtung nach ſich zog, trotz aller der unglaublichen Ma⸗ chinationen und Bemühungen einer von zahlloſen Werkzeugen bedienten Regierung, im oppoſitionellen Sinn ausgefallen und Cavaignac ſah noch einmal die Möglichkeit vor ſich im öffent lichen Leben als Gegner der beſtehenden Regierung offen heraus⸗ zutreten und durch demonſtrative Verweigerung des Eides die