Jahrgang 
1857
Seite
597
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krank, obgleich die Geſichtsfarbe ſich auffallend echauffirt zeigt und die Halsſchlagadern heftig klopfen. Da mit dieſen

Erſcheinungen häufiges Nieſen, Thränenfließen, eine ent⸗ zündliche Röthung der Augenbindehaut(des weißen Theiles des Augapfels), ſehr lebhafte Färbung des innern Mundes und des Schlundes, auch ſelbſt Schlingbeſchwerden verbun⸗ den ſind, ſo iſt allerdings die Verwechslung mit beginnenden Maſern oder Scharlach leicht möglich.

Indeſſen dürfen wir auch ſofort beifügen, daß für die⸗ jenigen Hülfleiſtungen, welche der Nichtarzt bei der beginnen⸗ den Pockenkrankheit zu gewähren hat, derartige Irrthümer der Diagnoſe ganz gleichgültig bleiben. Denn die Sorge für eine ruhige Lagerſtätte, an welche Licht und Lärmen mög⸗ lichſt wenig herandringen, wird das Verlangen des Kranken meiſtens ſelbſt befriedigen. Ebenſo wird ihm eine mäßig kühle Temperatur lieber ſein, als große Wärme. Daß kalte Waſchungen, bei allen noch unentſchiedenen fieberhaften Lei⸗ den ſtets bedenklich, erhitzende Getränke, ſchwerere Speiſen u. dgl. entſchieden zu vermeiden ſind, iſt eine feſtſtehende all⸗ gemeine Regel. Und wie könnte der Krankenpfleger anders verfahren, auch wenn die Krankheit ſich nicht zu Pocken, ſon⸗ dern zu Typhus oder Maſern oder Scharlach ausbildete? Nur Eines mag hier beiläufig bemerkt ſein. Wenn ſich mit den angegebenen Symptomen ſtarke Blutungen aus der Naſe, dem Mund, den Ohren verbinden, noch ehe die Pocken ſelbſt hervorbrechen, da geſtaltet ſich die Prognoſe von vorn⸗ herein äußerſt bedenklich und kann der Tod wohl mitunter ſelbſt erfolgen, ehe noch die unzweifelhafte Natur des Leidens zu Tage tritt.

Ganz unzweifelhaft wird es aber erſt durch das Hervor⸗ treten des eigenthümlichen Pockenausſchlags. Zuerſt im Geſicht, dann ſofort über den ganzen Körper zerſtreut und namentlich was ein charakteriſtiſches Merkmal iſt ſtets auch an den behaarten Kopftyeilen erheben ſich unter beißen⸗ den Empfindungen des Kranken zuerſt linſengroße, dichter zuſammengedrängte oder dünner geſäete Fleckchen von rother Färbung. Schon am zweiten Tage haben ſie jedoch ihr Ausſehen weſentlich verändert. Es ſind rothbraune derbe Knötchen geworden, welche ſich raſch breiter und flacher aus⸗ dehnen und ſtets auf ihrem höchſten Punkt einen kleinen Ein⸗ druck zeigen denNabel oder dieDelle der Pocke. Schon am dritten Tag umgiebt dieſen Nabel eine helle Flüſſigkeit, ähnlich wie in einer Brandblaſe, welche bis etwa zum ſechs⸗ ten Tage an Menge zunimmt, ſo daß allmälig der Nabel gänzlich verſchwunden iſt. Unterdeſſen iſt ein rother Hof um jede Puſtel immer deutlicher hervorgetreten, ihr Inhalt hat ſich gelblich, eiterig gefärbt und iſt auch wirklicher Eiter, Pocken⸗ eiter. Während die Pocke ſelbſt eine kuglige Geſtalt zeigt und ſich anſchwellt, als ob ſie pla wollte, ſchwillt auch die zwiſchen den Puſteln befindliche geſünde Haut mit meiſtens lebhafter Färbung. Dies iſt der Höhepunkt der örtlichen Ausſchlagserſcheinungen. Denn gewöhnlich ſchon am achten Tage läßt die allgemeine Spannung der Haut nach und beginnen die Puſteln zu welken. Indem dieſe Zuſammen⸗ ſchrumpfung in den nächſten Tagen weiterſchritt, bildet ſich auf der Höhe der Pocke ein nachdunkelnder Schorf, welcher ſich allmählig mehr ausbreitet und endlich etwa am 16. Tage nach dem erſten Ausbruche des Exanthems abfällt. Aber ein dunkelrother, erhabener Fleck zeigt ſich an ſeiner Stelle, welcher nach langer Zeit in der Kälte blau wird, Mo⸗ nate braucht, um glatt zu werden und ſich zuſammenzuziehen, immer aber eine weiße, eingedrückte Narbe, die bekannte und ſo unverkennbareBlatternarbe hinterläßt.

Indem wir Entſtehen und Vergehen der Pocke ſelbſt be⸗

trachteten, haben wir die begleitenden Erſcheinungen, ſowie die Modificationen des Blatternausbruchs und der Pocken⸗ bildung unbeachtet gelaſſen. Es kam hier darauf an, gleich⸗ ſam ein Normalbild zu ſkizziren. Allein die Krankheit in Buchſtaben und die im Leben nehmen ſich gewöhnlich ſehr verſchieden aus. Man denke ſich den Kranken, deſſen ganzer Körper unter Brennen und Beißen nicht bloß hunderte, ſon⸗ dern oft tauſende ſolcher Geſchwüre hervortreibt, und es be⸗ greift ſich von ſelbſt, daß er die Zeit des Ausbruchs nicht mit ſtoiſcher Gleichgültigkeiterträgt. Thut er es, ohne daß zu⸗ gleich das Fieber ſehr bedeutend zurückgeht und die oben be rührten Nebenleiden wenigſtens einigermaßen nachlaſſen deſto ſchlimmer. Denn in dieſem Fall zeugen fortdauernd ſtarke Kopfcongeſtionen, Speichelfluß, Schlingbeſchwerden, Erbrechen, Unregelmäßigkeiten der Entleerungen faſt immer von der gleichzeitigen Entwicklung ſchwerer Affectionen der innern Organe, deren Natur unter den Stürmen der Leiden oft ſehr ſchwer zu beſtimmen iſt. Am meiſten drohen ſolche Nebenleiden, wenn die Pocken ſich ſo heftig, dicht und haſtig hervorheben, daß ſie undeutlich in große Geſchwürsheerde zu⸗ ſammenfließen. In dieſem Falle ſcheinen ähnliche Ent⸗ wicklungen mitunter auch im Innern des Körpers vorzuge⸗ hen; das Blut nimmt den Giftſtoff auf, entartet, ruft typhus⸗ artige Zuſtände hervor und führt den überall verderblich angegriffenen Körper leider recht häufig zum Tode.

Man hat früher dieſe Wendung der Pockenkrankheit als eine eigne Art derſelben abgeſchieden. Doch mit Unrecht und ohne Nothwendigkeit. Denn weder liegt ihr eine Verſchie⸗ denheit im Weſen zu Grunde, noch kann in Bezug auf die Blattern ſelbſt am Verhalten und der Behandlung des Kran⸗ ken etwas geändert werden. Was der Arzt gegen die Com⸗ plicationen zu thun hat, hängt lediglich vom individuellen Falle ab. Mehr Recht, wenn überhaupt das Kategoriſi⸗ ren von praktiſchem Nutzen ſein könnte, hätten jedenfalls die ſogenannten ſchwarzen Pocken auf den Namen einer ſelb⸗ ſtändigen Form. Ihrer Bildung liegt ein allgemeiner Zu⸗ ſtand des Körpers zu Grunde; die conſtitutionelle Neben⸗ krankheit iſt nicht Folge, ſondern Urſache der Abänderung des Pockenausſchlags. Freilich iſt dieſer die Pocken modifizi⸗ rende Körperzuſtand ebenfalls kein beſtimmter und unabän⸗ derlicher, ſondern oftmals nur ein augenblicklicher. Immer aber beruhen ſchwarze Pocken auf einer falfchen Blutmiſchung, ſei es nun, daß dieſe atomiſtiſch von der Norm abweicht, oder phyſiologiſch, was ſich überdies in den meiſten Fällen gegenſeitig bedingt. Die Abweichung der Blattern ſelbſt be⸗ ſteht dann darin, daß anſtatt der eiterbildenden Flüſſigkeit Blut in dieſelbe eintritt; die Pockenkrankheit aber richtet ſich nach der Kachexie des Körpers und wird, da keine der Aus⸗ ſcheidungen oder Kriſen regelmäßig und mit der gehörigen Energie durchgeführt wird, noch häufiger alsconfluirende Pocken tödtlich.

Wenn dagegen die früher bezeichneten Mitleiden des Ge⸗ ſammtorganismus gering ſind und die Pocken ſich nicht voll⸗ kommen entwickeln, wenn alſo die ganze Krankheit ſowohl nach den innern, als äußern Symptomen ſich verſchwächt zeigt, dann hat man es nicht mit der wirklichen Variole, ſon⸗ dern mit ihrer bloß rudimentären Geſtaltung, mit dem ſo genannten Varioloid zu thun. In dieſen Fällen iſt die Prognoſe im Allgemeinen vollkommen günſtig und eine bal⸗ dige, vollſtändige Wiederherſtellung ziemlich ſicher. Selbſt die anfangs zurückbleibenden Pockennarben verſchwinden all⸗ mählig bis zur Unſichtbarkeit, was nach einer vollſtändigen Entwicklung der Variole niemals der Fall iſt.

Erſcheint dieſe überhaupt nicht nur als eine in der Ent⸗