Jahrgang 
1857
Seite
596
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haben ſich trefflich gehalten und aus Nepal und Thibet könnten noch Schaaren kräftiger Rekruten gezogen werden, welche der Buddhaismus dem Hindu auf ewig entfremdet. Iſt es doch für die britiſche Herrſchaft überhaupt ein Unglück, daß der Brahmaismus den Buddhaismus in Indien voll⸗ ſtändig verdrängt hat. Der erſtere iſt der europäiſchen Herr⸗ ſchaft und der europäiſchen Civiliſation immer feindlich, während der Buddhaismus keine Caſte zu bewahren hat, vielmehr eine propagandiſtiſche Religion iſt. Die Radſchputen⸗ und Brahminen⸗Ariſtokratie bleibt deshalb abgeſchloſſen: es giebt keine Möglichkeit, zu ihr einzudringen. Niemand kann ein Brahmine werden, er muß als ſolcher geboren ſein. Der Brahmaismus iſt alſo allen Bekehrungen feindlich, und kann Bekehrte nicht aufnehmen. Daher bleibt denn auch der

Brahmaismus in ſeinen alten Grenzen, während der Bud⸗ dhaismus ſich über ganz Aſien verbreitet hat. Aus Bheels, Gonds, Todahs, aus ureingebornen Bergbewohnern über⸗ haupt, meint unſer Gewährsmann, ließen ſich binnen ſechs Monaten hundert treffliche, zuverläſſige Regimenter In⸗ fanterie ausheben, während das Land nördlich von Sutledſch Cavallerie liefert, und mit ſolchen Truppen könnte man jede Ausſicht auf eine zukünftige Meuterei verlachen.

Wir glauben, das Prinzip, welches dieſem Vorſchlag zu Grunde liegt, wird von der engliſchen Regierung nicht länger zurückgewieſen werden können. England muß ſich künftig in Indien auf die unterdrückten, nicht auf die herrſchenden Klaſſen ſtützen. Die letzteren haben ihre Begünſtigungen verwirkt.

Aus der Krankenſtube.

V. Die

Nach den vorausgeſchickten allgemeinen Bemerkungen über Pocken, Maſern und Scharlach wenden wir uns zu⸗ nächſt zur nähern Betrachtung der erſten derſelben.

Daß die Menſchenpocken niemals ſelbſtändig, ſondern ſtets durch Anſteckung entſtehen, wurde bereits erwähnt. Herrſcht alſo eine Pockenepidemie, ſo giebt es nur zwei Wege, die geſunde Bevölkerung vor dem Weitergreifen der Seuche zu bewahren: völlige Iſolirung der Erkrankten und Schutzimpfung der Geſunden in ausgedehnteſter Weiſe. Beides iſt jedoch kaum durchführbar, wenn es Privathänden überlaſſen bleibt. Wie will der Privatmann vermeiden, daß ſeine Umgebungen mit andern Menſchen in Berührung kom⸗ men? Wie will er es anſtellen, daß ſeine Wäſche nicht durch fremde Hände geht? u. ſ. w. Oder darf man etwa erwarten, daß Verſtand, Menſchenliebe, Sorge für das eigne und all⸗ gemeine Beſte ſtärker ſind, als Unverſtand, Indolenz, Egois⸗

mus, Trägheit, Leichtſinn, wenn es in Jedermanns Belieben

geſtellt bleiben ſollte, ſich und die Seinigen durch Impfung oder Wiederimpfung vor der Seuche ſicherzuſtellen? Zwangs⸗ weiſe Durchführung von Schutzmaßregeln durch die Behör⸗ den, ſo unangenehm oder unbequem ſie uns auch im einzel⸗ nen Falle berühren mögen, iſt alſo unter ſolchen Umſtänden nicht nur gerechtfertigt, ſondern dringend geboten. Die ſchwarze Blatterntafel am Privathaus, Abſperrung von Gaſ⸗ ſen, das Pockenſpital u. dergl. machen allerdings einen mo⸗ mentanen fatalen Eindruck auf die Vorübergehenden und mögen im geſellſchaftlichen, wie geſchäftlichen Verkehr große Inconvenienzen mit ſich führen. Die Impfung ſelbſt, die Schonung des leichten Hautritzes, die Sorgfalt in den Fäl⸗ len, wo die Schutzpocke ſich bildet es ſind lauter kleine Unbequemlichkeiten. Aber die großen Inconvenienzen der Krankheit, die kleinen Unbequemlichkeiten der Impfung zu ertragen, iſt für Jeden eine ſoziale Verpflichtuug. Jeder Einzelne muß ſich deſſen nur recht bewußt ſein, wie er durch Erfüllung ſeiner Pflicht vielleicht Hunderte vor Krankheit und Tod bewahrt, er muß nur daran denken, wie ihn ſelber eben⸗ falls die Pflichterfüllung Anderer ſchützt und es wird uns leicht werden, die ſchwarzen Tafeln am Privathaus, das Pockenlazareth, die Impfung und Wiederimpfung zu ertragen. Denn iſt einmal eine Pockeninfektion erfdlgt, dann giebt es auf der ganzen Welt kein Mittel ſie zu neutraliſiren oder ſelbſt nur den Verlauf der Krankheit zu mäßigen.

Die Erkrankung erfolgt jedoch nur ſelten ſofort nach der

Pocken.

Einwirkung des Pockencontagiums. Ja eine allgemeine An⸗ ſteckung äußert ſichnur ausnahmsweiſe vor dem 4., mitunter ſelbſt erſt am 8. oder 14. Tage, nachdem ſie ſtattgefunden, während die erſten Wirkungen der Impfung ſchon nach 48 Stunden hervortreten. Während ſie aber hier als Lokal⸗ krankheit ſich zuerſt durch Entzündung der Impfwunde kund⸗ geben, bildet der Ausbruch des Ausſchlags faſt niemals den Beginn der Pockenkrankheit. Ein Allgemeinleiden geht vor⸗ aus, welches ſogar in den erſten Momenten ſehr täuſchen kann. Meiſtens iſt es jedoch von großer Heftigkeit, und darum ſteht hier weniger, als bei andern Krankheiten zu be⸗ fürchten, daß die Berufung des Arztes verzögert werde. Hef⸗ tiger Froſt, tobender Kopfſchmerz, mitunter Naſenbluten, ſelbſt Delirien treten plötzlich auf. Dazu geſellt ſich ſehr ſtarkes continuirliches Fieber, bis das Exanthem, und zwar gewöhn⸗ lich zuerſt im Geſicht hervorbricht. Aber auch die Dauer dieſer Einleitungszeit iſt keineswegs immer conſtant; die Pocken erſcheinen oft ſchon am zweiten Tage, doch ebenfalls nicht viel ſeltener erſt am vierten, fünften oder ſechsten. Bis dahin iſt alſo für den Laien Zeit genug, ſich über den Cha⸗ rakter der Krankheit zu täuſchen und vielleicht ſchwere Miß⸗ griffe zu begehen, wenn juſt kein Arzt zur Hand iſt. Dies beſonders in den ſelteneren Fällen, wo die Vorläufer ſich milder, mit allgemeinem doch unbeſtimmtem Uebelbefinden, leichtem Fröſteln, fliegender Hitze, und dergl. ankündigen. Herrſcht bereits eine Pockenepidemie, ſo wird dabei al⸗ lerdings Jedermann auch zuerſt auf bevorſtehende Blattern ſchließen. Liegt aber dieſe Vermuthung nicht ſo nahe, ſo bietet namentlich der heftige Kopfſchmerz ein ſehr charak⸗ teriſtiſches Symptom. Denn faſt bei keiner andern Krank⸗ heit, etwa einen ſehr plötzlich und heftig beginnenden Typhus ausgenommen(bei welchem jedoch, wie in einem frühern Aufſatze darüber bemerkt wurde, die Vorläufer ſich gewöhn⸗ lich langſamer ſteigern), wirkt dieſer Kopfſchmerz ſchon im erſten Anfange gleichermaßen eigenthümlich betäubend. Bei Erwachſenen iſt er auch ſtets mit Unruhe und Schlafloſigkeit, gegen Abend gewöhnlich mit leichtem Irrereden verbunden. Kinder, welche ihn noch nicht deutlich zu bezeichnen wiſſen, verfallen meiſtens in einen mehr ſchlafſüchtigen Zuſtand, re⸗ den viel und lebhaft im unruhigen Halbſchlummer, fahren häufig zuſammen und bohren den Kopf gequält in die Kiſſen

ein. Der Geſichtsausdruck iſt bei den Erkrankenden reiferen,

wie kindlichen Alters ſchon während dieſer Vorläufer ſehr