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dieſen Ueberſchuß von Kräften, welcher uns nach Befrie⸗ digung der Nothdurft zur Verfügung bleibt, wird der Fort⸗
ſchritt der Menſchheit nach allen Seiten hin bedingt. Ueber⸗
ſtiegen umgekehrt die Bedürfniſſe der Menſchen ihre Kräfte, ſo wäre Rückſchritt und endlicher Untergang, wögen ſich
beide auf, wie das bei den Thieren im Ganzen der Fall iſt,
ſo wäre Stillſtand, ein beſtändiges Verharren auf der⸗ ſelben Entwickelungsſtufe, das Loos unſerer Gattung. So aber ſehen wir bei dem menſchlichen Geſchlecht fortwährend die niederen Bedürfniſſe Neigungen höherer Art Platz machen, in einer Laufbahn der Vervollkommnung, deren Endziel ſchwer abzuſehen iſt.
Die zukünftige indobritiſche Armee.
Man muß es zu den Verrücktheiten zählen, wie ſie zumal in Deutſchland nicht eben ſelten ſind, daß es noch immer Leute giebt, welche den Sturz der engliſchen Herrſchaft in Hindoſtan und den gänzlichen Verfall Englands vorausſagen. In England zweifelt Niemand und auf dem Continent kein Vernünftiger an der nahe bevorſtehenden Beſiegung des in⸗
diſchen Aufruhrs. In Europa würde ſich ſchwerlich Jemand
wundern, wenn eine Reduction der Armee auf dasjenige Maß, welches in Britiſch⸗Hindoſtan Statt fand, wo etwa 300,000 Mann die Ordnung in einem Lande von faſt 200 Mill. Menſchen handhabten, eine Revolution in Paris und an andern„Civiliſationspunkten“ zur unmittelbaren Folge hätte; und doch ſind hier in Europa die Gewalten„ange⸗ ſtammte“, oder gar„erwählte der Nation“. Daß aber in Hindoſtan, wo ein Häufchen Europäer mit ein Paar Dutzend Regimentern eingeborner Truppen ein fremdes, ungeheures, dichtbevölkertes Land beherrſcht, eine Meuterei ausbrach, welche für den Augenblick, d. h. bis zur Ankunft europäiſcher Truppen, die wegen der weiten Entfernung erſt nach Monaten erfolgen kann, an manchen Orten die Gewalt der Europäer verdrängte und an wehrloſen Frauen oder Gefangenen un⸗ erhörte Grauſamkeiten übte, das findet man befremdénd und glaubt es nur aus einer ganz unerträglichen Misverwaltung erklären zu können. Allerdings haben die Briten große
Fehler gemacht, aber dieſe Fehler ſind lauter ſolche, welche
nur eine großdenkende Nation begehen kann. Die Franzoſen würden keine der Vorſichtsmaßregeln verſäumt haben, durch
deren Vernachläſſigung die indiſche Meuterei möglich gemacht
wurde; ſie hätten eine fremde Beſitzung mit europäiſchen Truppen überſchwemmt, natürlich wären ſie dadurch aber auch in die Unmöglichkeit verſetzt worden, ein ſo großes Be ſitzthum zu beherrſchen, denn woher hätten ſie die Truppen und vor Allem, wo hätten ſie das Geld zur Erhaltung die— ſer Truppen hernehmen wollen? Man weiß, was dem franzöſiſchen Staate die Erhaltung der paar Quadratmeilen in Afrika koſtet.
Daß alſo Indien wieder erobert wird und durch England ganz allein, ohne alle Beihilfe der Franzoſen, wie ein ham— burger Blatt neulich wünſchte,„damit die Engländer künftig in England eine Controle haben,“ daran dürfen wir jeden
in völliger Meuterei ſich aufgelöſt und durch ihre Gräuel zwiſchen ſich und den europäiſchen Beherrſchern eine Scheide⸗ wand aufgeführt hat, die, wie ſich von ſelbſt verſteht, in den nächſten Decennien nicht weggeräumt werden kann. Dieſe Frage iſt für Englands Zukunft in Indien höchſt wichtig. Ein Artikel in Dickens' householdwords verdient in dieſer Beziehung auch auf dem Continent Beachtung zu finden: England wird ohne Zweifel ſich gezwungen ſehen, die in dem⸗ ſelben gemachten Vorſchläge zu adoptiren.
Wir haben in einem frühern Artikel nachgewieſen, daß die Aufnahme von Hindu's hoher Kaſte in die Armee eine der Haupturſachen war, welche zu der blutigen Meuterei der Gegenwart führte. Die urſprüngliche Sepoy⸗Armee war aus Perſonen niederer Kaſte zuſammengeſetzt. Die Eng⸗ länder, ſelbſt ein ariſtokratiſches Volk, fühlten ſich in ihrem fremden Beſitzthum ebenfalls vorzugsweiſe zu den dort herrſchenden Klaſſen hingezogen, ohne zu bedenken, daß dieſe ihre gebornen Feinde ſeien und daß ſie ſich vielmehr auf diejenigen Klaſſen ſtützen mußten, die von jenen unterdrückt und in Verachtung gehalten werden. Zu dieſem Prinzip, ſich auf die niedern und verachteten Klaſſen zu ſtützen, muß England nach dem Vorſchlag in den householdwords nun- mehr zurückkehren, vor allen Dingen bei der Neubildung des Sepoy⸗Heers. Hunderte von Stämmen wohnen in Hindo⸗ ſtan, welche, von den Hindus und den Mohammedanern ver⸗ achtet, die tüchtigſten und zuverläſſigſten Soldaten im Dienſte Englands abgeben würden. In den Neilghiribergen im Dekan wohnen die Todas, ein kräftiger, muthvoller Men⸗ ſchenſchlag, der die Hindus mit Verachtung anſieht und treffliche Grenadiere liefern würde; im nördlichen Indien leben die Culis, ein thätiger, wenn auch von den Hindus verachteter Stamm, der zwar in Indien nur wie Laſtvieh behandelt wird, aber zu beſſern Verhältniſſen emporgehoben Intelligenz wie Zuverläſſigkeit entwickelt; dieſe und andere Stämme von Ureingebornen ſind zwar äußerlich nicht ſo
ſtattlich, in ihrem Benehmen nicht ſo elegant, wie die ſtolzen ) g 3
Zweifel getroſt aufgeben. Die Frage iſt, wie wird England
künftig ſein indiſches Reich feſthalten? Mit Recht hat man geſagt, daß die Erhaltung eines ausreichenden europäiſchen Heeres in Hindoſtan, ſowohl was die Koſten, als was die Menſchen betrifft, für England unerſchwinglich ſein würde. England hat nicht das continentale Conſcriptionsſyſtem und wird ſich nicht leicht entſchließen, es zu adoptiren, weil es für eine Handels⸗ und Induſtrie⸗Nation mit freien Inſtitutionen nicht paßt. So viele Truppen in England zu werben, als zur Erhaltung der Ordnung in dem neueroberten Hindoſtan nöthig wären, iſt rein unmöglich. Ebenſo unmöglich aber ſcheint es die eingeborne Armee zu reorganiſiren, die ſo eben
Radſchputen oder die lichtfarbigen Brahminen, aber ſie ſind kräftig, von Jugend auf an die Jagd, an den Kampf mit wilden Thieren, an Anſtrengungen gewöhnt, und ſie haben bereits mit Muth unter britiſchen Fahnen gefochten. Dabei haben ſie nicht jene krankhafte religiöſe Empfindlichkeit in Bezug auf Speiſe, welche die Hindus ſo ſchwer traktabel macht. Keine Arbeit erniedrigt ſie, keine Anſtrengung iſt zu ſchwer für ſie, ihre Körper ſind weit kräftiger und aus⸗
dauernder, als die der Brahminen. Was thuts, daß ſie um
ein Paar Zolle weniger groß ſind, wenn man dafür das Caſtenweſen mit ſeinen Gefahren los werden kann! Die kleinen, unterſetzten Sepoy's der Madras⸗ und Bombay⸗ Armee(die aus den niedern Caſten genommen) ſind feſt ge⸗ blieben, während das nördliche Hindoſtan in Flammen ſteht; die Gurkas und Sikhs, die den ächten Hindus ein Gräuel ſind, blieben treu. Die Letzteren, eine indo⸗chineſiſche Race,


