Jahrgang 
1857
Seite
594
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beſondern Beſchäftigung erforderlichen Kapitals geſpart wird. Wie wir in einem frühern Abſchnitt ſahen, gehören zu jeder Arbeit gewiſſe Materialien und Werkzeuge nebſt Lebensunterhalt auf gewiſſe Zeit. Man nehme nun den Einzelnen, welcher alle die verſchiedenen Arbeiten zur Be⸗ friedigung ſeiner Bedürfniſſe ſelbſt verrichten ſoll. Er be⸗ darf einer Schneider⸗, einer Schuhmacher⸗, Tiſchler⸗, Schmiede⸗, Weber⸗, Maurer⸗, Zimmer⸗, Fleiſcher⸗, Bäcker⸗ ꝛc. ꝛc. Werkſtätte, mit Werkzeugen und Materialien aller Art, er muß Ackergeräth und Vieh anſchaffen, eine Mühle anlegen, kurz, er muß tauſend Dinge haben, ehe er die tauſend verſchiedenen Verrichtungen nur beginnen kann. Es iſt klar, daß allein die Anſchaffung dieſer Maſſe von Vor⸗ bedingungen der Arbeit alle ſeine Kräfte Zeit ſeines Lebens weit überſteigt. Nur wenn ſich eine Anzahl Menſchen ge⸗ ſellig vereinigt, und die Beſchäftigungen unter ſich ver⸗ theilt, wird eine eigentliche Arbeit überhaupt erſt möglich. Statt jener tauſendfachen bedarf Jeder nur einer auf ein einziges Gewerbe berechneten Einrichtung, welche zugleich allen Uebrigen im Kreiſe ſeiner Kundſchaft mit zu Statten kommt.

Der Einfluß der Arbeitstheilung auf die Mitwir⸗ kung der Naturkräfte und Schätze bei der Production iſt nicht weniger wichtig. Bekanntlich ſind dieſelben auf der Erdoberfläche in ungleichem Maße vertheilt. Nun iſt aber der Menſch, wie wir im vorigen Abſchnitte ſahen, mit Allem um ſo beſſer verſorgt, je mehr die Natur ihn bei Hervor⸗ bringung ſeines Bedarfs unterſtützt. Dank der Macht der Arbeitstheilung und des dadurch ermöglichten Tauſches, ſchlägt dieſe ungleiche natürliche Beſchaffenheit der verſchie⸗ denen Gegenden, ebenſo wie die Ungleichheit der Begabung unter den Menſchen zum Beſten des Ganzen aus. Man producirt nun an jedem Orte vorzugsweiſe das, wozu ihn die Natur beſonders ausgeſtattet hat. An jeder Stelle wird hauptſächlich diejenige Arbeit getrieben, welche dort, der mitwirkenden lokalen Naturgeſchenke halber, die ergiebigſte iſt, was im Ganzen den Ertrag aller Arbeit überhaupt ſtei⸗ gert. Müßten die Menſchen ihr Eiſen unter dem Aequator, ihren Zucker, ihre Gewürze in den kalten Erdſtrichen pro⸗ duciren, welche Mühe und trotzdem welche kümmerlichen Reſultate hätten ſie davon! So aber werden die Ebenen der gemäßigten Klimate mit Getreide, die Berghänge wär⸗ merer Länder mit Wein, die Niederungen der Tropen⸗Flüſſe mit Reis, Baumwolle u. ſ. w. bebaut; an den Küſten wohnen Fiſcher, in den Wäldern Jäger, um die Minen ſiedeln ſich Bergleute an, an fallenden Waſſern erſtehen Mühlenwerke, Dampfmaſchinen und Schmelzwerke in den Kohlendiſtricten. Ueberall verſchiedene Arbeitszweige vorherrſchend, in jedem Lande die ſeiner Beſchaffenheit gemäßen Producte und Arten der Thätigkeit, bei welchen die Naturkraft die menſchliche Anſtrengung am Beſten unterſtützt. Das Schlußreſultat davon aber die möglichſt beſte und billigſte Verſorgung Aller mit Allem.

Ein Beiſpiel der wunderbaren Wirkungen dieſer Thei⸗ lung der Arbeit in Verknüpfung der fremdartigſten Thätig⸗ keiten in Zeit und Raum an einem der alltäglichſten Ver⸗ brauchsgegenſtände. Betrachte Jemand einmal den Rock, den er trägt, und mache ſich klar, was Alles dazu gehörte, ihn zu Stande zu bringen. Zuerſt mußten ſich eine Anzahl Menſchen in den Gauen Deutſchlands oder Auſtraliens mit der Schafzucht beſchäftigen, um die rohe Wolle zu liefern. Dieſe Wolle mußten Schiffer und Fuhrleute zu den Spin⸗ nereien Englands, der Niederlande ꝛc. transportiren, von denen die Tuchmacher, vielleicht ganz anderer Länder, das

Garn erhielten, um das Tuch zu weben. Hierauf färbten es erſt noch die Färber, ehe es der Schneider zur Fertigung des Rocks erhielt, wobei er ſelbſt wieder des Knopfmachers, des Nadel⸗, Zwirn⸗, Seiden⸗ und Stahlwaarenfabrikanten (wegen der Scheeren ꝛc. ꝛc.) bedurfte, deren Fabrikate wie⸗ derum ganze Reihen vorhergegangener Arbeit von Lieferung des Rohſtoffes bis zu ihrer ſchlüßlichen Geſtaltung zu durch⸗ laufen hatten. Die Seide wurde vielleicht in Süd-Frank⸗ reich, der Lein oder Hanf in Schleſien oder Rußland, das Eiſen in den Schwediſchen, Belgiſchen oder Weſtphäliſchen Gruben gewonnen, und wieder an andern Orten verarbeitet. Und das iſt noch nicht Alles. Sämmtliche Arbeiter in den verſchiedenen hier eingreifenden Beſchäftigungen bedurften, um ſich denſelben unterziehen zu können, während deren Dauer Wohnung, Koſt, Kleidung und Werkzeuge aller Art. So treten die Landwirthe, Baugewerke und alle ſonſtigen Arbeiter, die ihnen jene nothwendigen Bedingungen verſchaffen, in die unabſehbare Reihefolge von Thätigkeiten mit ein, welche, ohne daß die einen um die andern wußten, in dem erwähnten einfachen Konſumtionsartikel ihren gemeinſamen Endpunkt fanden.

Und wie mit dieſem geringfügigen Gegenſtand, zu deſſen Fertigung ſo unendlich viele, einzelne Dienſtleiſtungen, oft aus verſchiedenen Welttheilen gehören, zwiſchen deren Ver⸗ richtung Jahre liegen, ebenſo und nicht anders verhält es ſich mit der Verſorgung der ganzen Geſelſſchaft rückſichtlich aller ihrer Bedürfniſſe, ſo daß keine noch ſo unſcheinbare und beſchränkte Einzelthätigkeit verloren geht, ohne zu jenem großen Reſultate mitzuwirken. Was daher auch die künſt lichen Weltverbeſſerer von einer Organiſation der Ar⸗ beit reden mögen, es giebt keine ſinnreichere und wirkſamere, als die unmittelbar und mit Nothwendigkeit aus den Trieben, Kräften und Bedürfniſſen unſerer Natur fließende, welche wir in der Theilung der Arbeit an unſern Blicken vor⸗ übergehen ließen. Und, was wir uns nicht verſagen können, hier anzuſchließen: dieſe anſcheinend rein materiellen Vor⸗ gänge ſind von höchſter kulturgeſchichtlicher Bedeutung, die Bedingungen für Befriedigung der nächſten, phyſiſchen Be⸗ dürfniſſe zugleich die Vorausſetzung aller höhern, geiſtigen Entwickelung edelſter Menſchenbeſtimmung. Unter allen Geſchöpfen unſeres Erdkörpers iſt der Menſch unzweifelhaft den meiſten Bedürfniſſen unterworfen. Keine Exiſtenz iſt an ſo vielfache, verwickelte Beziehungen geknüpft. Außer den wirklich nothwendigen Bedürfniſſen hat er eine Menge höherer Triebe, ja Gelüſte, wenn man will, welche ihn ebenſo in Anſpruch nehmen. Kaum hat er ſeinen Hunger geſtillt, will er ſeinen Gaumen kitzeln; kaum hat er ſeine Blöße be⸗ deckt, will er ſich ſchmücken; kaum iſt er unter Dach und Fach, ſo will er eine bequeme, eine ſchöne Wohnung. Dann trägt er Verlangen, die Geheimniſſe der Natur zu ergründen, die Elemente zu beherrſchen, Zeit und Raum zu beſiegen, zuletzt ſich ſelbſt kennen zu lernen: mit einem Worte, ſeine Wünſche und Strebungen dehnen ſich in das Endloſe aus. Nun ſind zwar auch ſeine Fähigkeiten, ſeine Kräfte der höchſten Entwickelung fähig. Daß aber dieſelben mit jenen unbegrenzten Bedürfniſſen Schritt halten, verdanken wir nur der Arbeitstheilung. Schon in einem frühern Abſchnitte erkannten wir, daß in der Iſolirung, außerhalb der Geſell⸗ ſchaft, die Bedürfniſſe des Menſchen über ſeine Fähigkeiten hinausgehen. Erſt das geſellige Zuſammenleben der Ein⸗ zelnen, die dadurch ermöglichte Theilung der Geſammt⸗ arbeitsaufgabe bewirkt, daß unſere Fähigkeiten das dringende phyſiſche Bedürfniß überſteigen, und hierin allein liegt der Grund der aufſteigenden Civiliſation. Denn nur durch