Jahrgang 
1857
Seite
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dem Turnen ein deutſchnationales Gepräge gab und zu ſei⸗ ner Zeit Großes damit erreichte. Gutsmuths ſchrieb zu demſelben Zwecke ſeinTurnbuch für Söhne des Vaterlan⸗ des, das vielen Beifall auch bei hochgeſtellten Staatsmän⸗ nern fand.

Das Turnen trat in den beregten Jahren der Freiheits⸗

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worden, daß, wenn man Jahn den Vater der deutſchen Turn⸗

kunſt nenne, ſo ſolle man billigerweiſe den Groß⸗ und

Erzvater derſelben in Deutſchland, Gutsmuths, nicht

kriege heraus aus der engeren Sphäre der Erziehung, in der ihm Gutsmuths einen feſten Grund bereitet hatte. Dieſer

hatte zunächſt die Schulen mit ihrer hohen Aufgabe im Auge.

Ich halte Anſtalten, ſagte er, nicht blos die Land-und Bür⸗ Innigſte in eine vollkommene Uebereinſtimmung mit den im

gerſchulen, ſondern auch vorzüglich die Gelehrtenſchulen und Univerſitäten, für höchſt unvollſtändige Anſtalten, wenn ſie für die Erziehung des Körpers keine Einrichtung treffen, die für den Zweck ihrer Subjekte vollſtändig genannt werden könne. Ich dringe darauf, daß die Jugend während ihrer ganzen Schulzeit und auch ſpäterhin täglich mehre oder wenigſtens eine Stunde körperlich geübt werde. Gymnaſtik führt den Zögling in's Freie. Hier vergißt er unter den Uebungen Regen und Wind, Hitze und Kälte, hier ſtählt er Nerven,

Muskeln und Haut, hier werden ihm körperliche Beſchwer⸗

den mancherlei Art angenehm, hier beginnt er allmählig das zu erringen, was wir männlichen Sinn nennen.

Wie das im Speziellen pädagogiſch richtig anzufaſſen und techniſch durchzuführen iſt, hat Gutsmuths in ſeinen Schriften gar trefflich gezeigt, und was er ſo glücklich begon⸗

nen, darauf fußte Jahn mit ſeinen volksthümlich⸗pädagogi⸗ deutungsvoll iſt.

ſchen Ideen weiter und ſuchte das Werk in etwas größerem

Maßſtabe fortzuführen. Es iſt deshalb auch richtig bemerkt

vergeſſen.

Unſerer Zeit iſt es vorbehalten, die Beſtrebungen Guts⸗ muths, das Turnen als Theil des Schul⸗ und Erziehungs⸗ weſens einzuführen und zu behandeln, allgemeiner zur Gel⸗ tung zu bringen. Denn das Turnen wird niemals zu einer volksthümlichen, auf die ganze Jugend ausgedehnten Erzie hungsſache werden, wenn es nicht auf das Lebendigſte und

Volke ſchon beſtehenden Anſtalten für die Jugenderziehung tritt. Dieſe Richtung der Sache gegeben zu haben, bleibt das unbeſtrittene Verdienſt von Gutsmuths, und ſeinen Ab⸗ ſichten wird die Genugthuung, daß ſich unſere Zeit der Ideen des erfahrenen Erziehers erinnert und ihnen praktiſche Geſtal⸗ tung zu geben beſtrebt iſt. Erzieher und Lehrer, Schulbe⸗ hörden, Eltern und Staatsmänner, welche als wahre Freunde der Jugend gelten wollen, ſie ſollten nicht verſäumen, einmal einen Blick in die Schriften unſeres Gutsmuths zu werfen; ſie würden ſich gewiß erwärmen für den Zweck derſelben, und es für ihre Pflicht erachten lernen, auch ihrerſeits und je nach ihrem Wirkungskreiſe zur Förderung der von Guts⸗ muths vertretenen Sache beizutragen, die für Geſundheit und Kraft unſeres Volkes, für ſeine geiſtige und ſittliche Er⸗ tüchtigung, für Nationalgefühl und Vaterlandsliebe ſo be⸗

Volkswirthſchaftliche Skizzen. Von H. Schulze⸗Delitzſch.

VII. Romöination und Cheiſung der Arbeit. (Schluß.)

Die Wirkungen dieſer Form der Arbeitstheilung, des Theilens der ſämmtlichen zur Befriedigung des Ge⸗ ſammtbedürfniſſes der Menſchheit nöthigen Beſchäftigungen in

einzelne von einzelnen ausſchließlich gewählte Arbeitsbranchen hinſichtlich der Vermehrung der Arbeitsprodukte ſind un⸗

überſehbar, und man bleibt noch weit hinter der Wahrheit

zurück, wenn man dieſelben auf das Tauſendfache und mehr

veranſchlagt. Es kommt aber dieſer Einfluß in doppelter Rückſicht zum Vorſchein, indem einmal die Leiſt ungsfähig⸗ keit der Menſchen und dann die Mitwirkung der Naturkräfte bei der Arbeit erhöht wird. auf die Leiſtungsfähigkeit der Arbeiter zeigt ſich wie⸗ derum in mehreren Stücken. Zunächſt erhalten die Einzelnen Gelegenheit, durch die Wahl verſchiedener Beſchäftigungen ihre beſondern Kräfte und Anlagen zu verwerthen. Die natürliche Begabung der Menſchen iſt überaus ungleich. Körperſtärke, Muth, Einſicht, Phantaſie, Spekulationsgabe ſind höchſt verſchieden unter die Einzelnen vertheilt. Indem Jeder die Stelle einnehmen kann, zu welcher er beſonders geſchickt iſt, wird ungeheuer viel gewonnen. Die Verſchie⸗ denheit der Fähigkeiten, welche ohnedem das allgemeine Elend begründen würde, gereicht nun der Geſammtheit zum größten Nutzen. Dank dieſer Theilung der Geſammtaufgabe in eine Menge verſchiedener Branchen kann nunmehr der Starke bis zu einem gemeſſenen Punkte der höhern Einſicht, der Kenntnißreiche, der Geiſtvolle der Körperkraft entbehren

Der Einfluß

u. ſ. w., während, wenn Alle Alles ſchaffen müßten, Jeder den Mangel irgend einer zu dieſer oder jener Leiſtung er⸗ forderlichen Eigenſchaft zu beklagen haben würde. Sodann hat die Beſchränkung auf ſpecielle Geſchäftszweige noth⸗ wendig eine größere Erfahrung in Allem, was die Production fördert, ſowie eine größere Geſchicklichkeit in den vorkom menden Verrichtungen zur Folge, als bei der Zerſplitterung der Thätigkeit in unzählige Zweige erreicht werden kann. Die wachſende Vertrautheit mit dem erwählten Arbeitsgebiet führt zu neuen Erfindungen, überhaupt zur größtmöglichen Vervollkommnung der Leiſtungen, welche auf Qualität und Quantität der Produkte zurückwirkt. Wenn man erwägt, wieviel Zeit dazu gehört, um es nur in einem einzigen Be⸗ rufszweige zu demjenigen Grade von Geſchicklichkeit und Erfahrung zu bringen, ohne welchen Nichts mit einigem Erfolg geſchafft werden kann, ſo würde die traurige Lage der Menſchen gar nicht abzuſehen ſein, wenn Jeder alle die verſchiedenen Verrichtungen, welche zur Beſchaffung aller Subſiſtenzmittel nothwendig ſind, ſelbſt über ſich nehmen müßte. Das höchſte Lebensalter reichte nicht im Entfernteſten zu den Lehrjahren hin, und ehe es Jemand nur zu den kümmerlichſten Anfängen brächte, wäre er todt. Die ganze Induſtrie aber käme nie über die erſte Kindheit hinaus. Weiter wirkt die Arbeitstheilung auf die Vorbe⸗ dingungen aller Arbeit ein, indem dadurch ein unſäglicher

Aufwand von Mühe und Koſten rückſichtlich des zu jeder