Jahrgang 
1857
Seite
592
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Hiermit zeigte Gutsmuths ſeine Bedeutung als Erzieher auf einer andern Seite, die wir in ein beſonderes Licht zu ſtellen haben.

Er ſelbſt war ein großer Freund der Natur, liebte die

Blumen ſehr und verlebte manche ſeiner Mußeſtunden unter

ſeinen Aurikeln, Nelken, Lilien, Tulpen und Moosroſen. Eine Viertelſtunde von Schnepfenthal liegt das Dorf Iben⸗ hain; hier kaufte er ſich eine ländliche Beſitzung und pflegte da beſonders die Obſtbaumzucht. Sein Obſtgarten war weit und breit bekannt, denn mit dem Schönen wußte er das Nützliche zu verbinden. Es konnte nicht fehlen, daß er auch bei ſeinen Zöglingen den Sinn für die Freuden an der Natur und für Naturſchönheiten zu wecken ſuchte und, wie ſchon angedeutet, der Erziehung zur Naturſinnigkeit Vorſchub leiſtete.

Der Menſch ſteht in einem engern Verbande mit der ihn umgebenden Natur, als er es oft meint, und ſie übt auf unſer Gemüth einen Einfluß aus, dem Keiner ſich ganz ent⸗ ziehen kann. Wir ſetzen auch immer einen gewiſſen Grad von Kälte und Gemüthloſigkeit bei dem voraus, der durch die Schönheiten und Wunder der Natur nicht ergriffen wird. Es hat das ſeine tiefere Bedeutung, die wir hier nicht weiter zu erörtern brauchen. Eine nicht unweſentliche Aufgabe der Erziehung bleibt es aber, dem Gemüthe der Jugend Nah⸗ rung zu geben durch Hinleitung auf eine ſinnige Natur⸗ beobachtung. Iſt das moderne Leben doch ſo recht eigentlich dazu angethan, durch Verkünſtelung und Abſtumpfung den Menſchen der Natur zu entreißen. Die Philanthropen, und in specie unſer Gutsmuths, verſchafften dem Geiſte der Naturſinnigkeit mehr Eingang in das Schulleben und in die Erziehung. Hier führte man den unverkünſtelten Knaben hinaus in Gottes ſchöne Natur, damit er ſich mit Bienenlippen an alle Blürhen hänge und Honig ſammle noch für die ſpä⸗ tere blumenleere Zeit. Man gab hier der Jugend unver⸗ kümmert ihr rechtmäßiges väterliches Erbtheil, man gab ihr die Jugend, und ließ ſie hinausziehen mit ihren Papier⸗ drachen, auf ihre Eisbahnen und zu ihren Schneemännern. Von Verſäumen war da nicht die Rede, etwa in dem Sinne, wie heutzutage wohl ein pedantiſcher Schulmonarch ſich einen Begriff von Verſäumniß zu machen pflegt. Im Knabenalter einen Tag ſich nicht umhergetrieben haben unter Käfern und Bienen, an Bächen und Bergen, in Feldern oder Wäl⸗ dern; im Jünglingsalter einen Tag auch kein Stündchen im Freien umherbotaniſirt, umhergeſungen, umhergeträumt zu haben: das iſt Verſäumniß. So ohngefähr dachten die Philanthropen.

Ohne Freiheit und rechten Jugendgenuß in der Natur kann auch die dringend nöthige Abhärtung und Mäßigkeit nicht gedeihen. Der in's Gängelband beſtändiger Comman⸗ do's eingeſchnürte Knabe wird eher zum ſiechen Stubenhocker, zum düſteren Weichling. Man braucht nicht zu fürchten, daß in dem freien naturgenießenden Knaben jene Rohheit oder Frechheit wachſen werde, welche heutzutage bei der jün⸗ geren Generation oft ſo widerlich hervortritt. Das hat andere Gründe. Man ſehe nur zu, was herauskommt, wenn man den Jüngling einſchnürt, ihm durch Geſetze und Vor⸗ ſchriften jeden Schritt ordnet, ſo daß er jeden Tritt wie die Eiertänzerin auf's Haar berechnen muß. Da wird in ihm Groll und Mißmuth erzeugt, und was friſch herausſtrömen wollte, muß nun gähren und eitern und unter ſich freſſen, oder anderswo böſe hervorbrechen.

Jene rechte und reine Jugendfreiheit, jener friſche Ju⸗ gendgenuß und ein kräftiges leibliches Gedeihen waren es, welche Gutsmuths ſeinen Zöglingen vor Allem gewährte

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und Schnepfenthal hat auf ſolche Weiſe ebenſo tüchtige Men⸗ ſchen als geſcheute Leute gezogen.

In unſerer Zeit iſt man freilich ſolcher Jugendfreiheit und Jugendbildung wieder weniger gewogen; man iſt heut⸗ zutage mehr darauf bedacht geweſen, daß unſere Jugend etwas lerne, als das aus ihr etwas werde. Nur lernen, viellernenl! das iſt die Loſung, und dazu muß die Jugend wo möglich alle ihre Zeit hergeben. Schon die kleinen Bu⸗ ben, die ſich die Hoſen noch nicht ſelbſt zuknöpfen können, müſſen dieſem Loſungsworte folgen und darnach 5, 6 und 7 Stunden des Tages in der Schule ſchwitzen, und wenn ſie nach Hauſe kommen, da finden ſie auch nur Stubenluft, Bücher, Privatlehrer oder Gouvernanten. In Schnepfen⸗ thal mußten die Zöglinge auch etwas Tüchtiges lernen; aber wir ſehen an dem Wirken unſeres Gutsmuths, daß man ihnen dabei ihre Blumen und Schmetterlinge, ihre Jugend und Geſundheit, ihre Luſt und Liebe und Leben gönnte, da⸗ mit in ihnen die edlen Keime eines thatkräftigen Glaubens nicht abgeſchwächt würden, und ſtatt deren etwa eine ſauer⸗ töpfige Lebensverachtung, oder eine matte, weinerliche Sen⸗ timentalität herausgekommen wären.

Die Perſönlichkeit unſeres Gutsmuths war aber auch dazu angethan, ſolche geſunde und naturgemäße Jugender⸗ ziehung zu fördern. Er bewahrte ſich bis in's hohe Alter jene Friſche des Geiſtes wie des Leibes, die dem Lehrer ſo wohl anſteht und befruchtend auf ſeine Schüler wirkt. Von der täglichen Bewegung in friſcher Luft ließ er ſich weder durch Regen noch Wind, weder durch Hitze oder Kälte ab⸗ halten. Deshalb erfreute er ſich auch einer nur ſelten ge⸗ ſtörten Geſundheit; nur in den letzten Jahren ſeines Lebens wurde ihm das Bergſteigen etwas beſchwerlich. Am 1. Juni 1835 wurde das 50jährige Amtsjubiläum ſeiner Wirkſam⸗ keit in Schnepfenthal feierlich begangen, und mit wahrhaft jugendlicher Luſt bewegte er ſich unter den vergnügten Schü⸗ lern, Freunden, Kindern und Verwandten. Er war den 9. Auguſt 1759 in Quedlinburg geboren und ſtarb am 21. Mai 1839, nachdem er erſt zu Oſtern vorher ſeine Unter⸗ richtsfächer, Gymnaſtik, Geographie und Technologie, abge⸗ geben hatte. Seine Ausdauer bei Anſtrengungen aller Art, ſeine Kraft im Entſagen, ſeine Selbſtbeherrſchung(auf Aus⸗ bildung dieſer Eigenſchaften verwendete er bei Erziehung ſeiner Zöglinge beſonderen Fleiß), ſeine Harmloſigkeit, ſeine ſtrenge Ordnung und ſeine Thätigkeit ſind höchſt nachah⸗ mungswerth. Allem, was er ſah, was ihm begegnete, wußte er die freundliche Seite abzugewinnen, weshalb er auch im⸗ mer lebensfroh war. Und wenn ſein zartes, ſittliches Ge⸗ fühl ihn jede Unſchicklichkeit verachten lehrte, ſo wußte doch ſeine feine Menſchenkenntniß an jedem Menſchen eine löbliche Eigenſchaft zu entdecken, und ſein tiefes Gemüth, verbunden mit ſeinem erzieheriſchen Talente, durch dieſe Eigenſchaft den Menſchen für das Hohe und Schöne zu gewinnen und zu begeiſtern. Darum übte Gutsmuths aber auch einen gewal⸗ tigen Einfluß auf ſeine Schüler aus und Jedermann hatte ihn lieb

Während Gutsmuths die Gymnaſtik zuerſt nur vom rein pädagogiſchen Standpunkte angebahnt, bearbeitet und prak⸗ tiſch geſtaltet hatte, veranlaßte ihn die Erhebung Deutſch⸗ lands gegen ſeine Unterdrücker auch zur Betrachtung der Sache vom vaterländiſchen und volksthümlichen Geſichts⸗ punkte. Zu einer für Deutſchland ſchweren Zeit kam es un⸗ ter der wehrfähigen Jugend auf ſchnelle Abhärtung und ſchnelle Kraftgewinnung, auf Erweckung und Belebung krie⸗ geriſchen Muthes und vaterländiſcher Geſinnung ganz be⸗ ſonders an. Man weiß, wie Jahn damals zu dieſem Zwecke