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In Paris war die Verlegenheit der proviſoriſchen Regierung groß: es fehlten ihr die geeigneten Männer. Sie brauchte vor Allem Militärs von republikaniſchem Rufe und doch von Anſehen in der Armee. Kein Wunder, daß Cavaignac— ſeines Namens halber— bald noch zu höheren Poſten befördert wurde. Man ernannte ihn zum Kriegsminiſter. Als Republikaner hätte er natürlich mit Begierde die Stelle angenommen. Cavaignac lehnte ſie ab. Und er lehnte ſie nicht bloß ab, ſondern er gab auch unumwunden den Grund an, weshalb er ſie ablehnte. Er ſagte: er möge, nachdem er bis zum General vorgerückt, ſeine Carrière nicht durch die Politik compromittiren. Man ſieht, wie wenig Cavaignac durch die eigne Neigung, wie ſehr er nur durch das Schickſal in die politiſchen Kämpfe ſeines Vaterlands hineingezogen wurde.
Es iſt klar, daß eine ſolche Weigerung nicht eben dazu bei⸗ tragen konnte, den Credit der Regierung in Frankreich zu heben. Andrerſeits ſcheint Cavaignac dadurch, daß er die Kriegsminiſter⸗ ſtelle ſpäter im Mai, nachdem die Nationalverſammlung die Republik genehmigt hatte, annahm, bewieſen zu haben, daß er in der That nur aus Vorſicht und aus Mangel an Vertrauen auf die Pariſer Revolution den Poſten abgelehnt. Jetzt nachdem eine geſetzliche Gewalt ſich ausgeſprochen, ließ er ſich bewegen den Kriegsminiſter von Frankreich zu machen. Von jetzt an war er Republikaner, weil die Nation ſich für die Republik ausge⸗ ſprochen hatte und nur deshalb. Es reimt ſich dies vollkommen mit ſeinem rein ſoldatiſchen Weſen.
Dieſes rein ſoldatiſche Weſen zuſammen mit den Verbin⸗ dungen, die durch ſeinen verſtorbenen Bruder mit der Partei des National d. h. mit der republikaniſchen Fraktion der Bour⸗ geoiſie begründet waren, machte ihn, abermals eigentlich wider ſeinen Willen und durch eine reine Schickſalsverkettung, zu dem Auserleſenen der damals ſogenannten Honetten und Moderirten, welche, der ewigen Pöbelunruhen müde, durch einen entſcheiden⸗ den Akt die Ruhe hergeſtellt haben wollten und dazu eines militäriſchen Chefs bedurften. Sie alle wandten die Augen auf Cavaignac, und die Monarchiſten ſchloſſen ſich ihnen an, ohne ihre Hintergedanken aufzugeben. Es war ſchon lange vor den
blutigen Juni⸗Tagen eine im Stillen beſchloſſene Sache, daß
Cavaignac, vermöge ſeines Namens der Geeignetſte, die neue Re⸗
publik von ihren inneren Feinden, den Socialiſten und Proleta-⸗
riern befreien ſollte. Wie Cavaignac dies that, iſt bekannt. Wäre er ein Poli⸗ tiker und ein Republikaner aus Neigung und Ueberlegung gewe⸗
ſen, ſo hätte er ſeine Aufgabe dem empörten Paris gegenüber anders aufgefaßt. Als bloßer Soldat faßte er nichts anderes in's Auge, als wie der Aufruhr am gründlichſten niedergeworfen werden könnte. Dieß iſt daher auch das Einzige, was Cavaignac ſeine dauernde Bedeutung giebt. Er hat zuerſt gezeigt, daß auch Pariſer Revolutionen zu überwinden ſind. Wir wiſſen Alle, mit welchem Jubel dieſes Ereigniß einer überwundenen Revo⸗ lution in ganz Europa aufgenommen wurde. Kein Stäätchen ſo klein, das damals nicht ſeinen kleinen Cavaignac hatte. Man war entzückt, wenn ein Paar Gaſſenjungen eine Barrikade bau⸗ ten, man ſandte ihnen noch ein Paar verkleidete Polizeiagenten zur Aushülfe zu, um dann mit großem Aufwand von Kartät⸗ ſchen und Shrappnells eine Stadt zu erobern und als Retter des Vaterlandes und der Geſellſchaft geprieſen zu werden. Politiker konnten ſich nie darüber täuſchen, daß die Pariſer Juni⸗Schlacht das Grab der Republik war. Wir wollen damit nicht ſagen, daß ohne dieſe Schlacht die Republik hätte erhalten werden können. Wir wollen nur ſagen, daß ſie durch das Blut⸗ bad vom Juni vernichtet werden mußte. Eugen Cavaignac und ſeine Freunde ſcheinen dieß nicht begriffen zu haben. Ihn über⸗
raſchte der Staatsſtreich. Er war verblüfft, als ihn in einer ſchö⸗
nen Nacht Polizeiagenten gefangen nahmen und nach Mazas führ⸗ ten, von wo er indeſſen bald wieder entlaſſen wurde. Er hatte an den Intriguen gegen den Präſidenten Napoleon wahrſchein⸗ lich nie Theil genommen, weil er, kein Politiker, bloß Militair, auch ohne politiſchen Ehrgeiz war. Hätte er dieſen beſeſſen, ſo hätte er die Gewalt ſchwerlich an Napoleon abgegeben.
Indem er, ohne Republikaner zu ſein, als der Vertreter des Geſetzes, welches die Republik zur Verfaſſung Frankreichs machte, erſchien, wurde er, wie wir im Eingang bemerkten, zum gefähr⸗ lichſten, weil unnahbarſten Feind Napoleons. Er war auch jetzt nicht das Haupt der republikaniſchen Partei, ſondern an ſeinem Namen und ſeiner Perſon hielt ſich das noch zuſammen, was ſich als republikaniſche Partei in Frankreich geltend zu machen ſucht. Mit ſeinem Tode hat dieß zu exiſtiren aufgehört. Es giebt jetzt nur noch die alten monarchiſchen Parteien in ihren
Zzwei Hauptrichtungen und die große Phalanx der Socialiſten.
Die Orleaniſten wie die Socialiſten werden über den Tod Ca⸗ vaignac's faſt nicht weniger triumphiren als Napoleon III. Wer zuletzt Recht behalten wird— wer vermag dieß in einem ſo tief aufgewühlten Land und unter der Möglichkeit ſo vieler äuße⸗ ren Einflüſſe vorauszuſagen? Gewiß iſt, daß für den Augenblick der Beſitzende Recht hat. G. D.
Aus dem Weltleben.
Der Menſch kann ſich in ſeiner Haut ſehr unbehaglich füh⸗ len, aber aus ihr herausfahren kann er darum doch noch nicht, ſelbſt wenn er es ſich höchſt ernſtlich vornimmt. Heut iſt ſo eine Zeit, wo es Mancher gern thäte, wenn's ginge; und wer ſich in der Welt umſieht, erkennt allerlei Verſuche dazu im Kleinen, wie im Großen. Einer der kleinſten Verſuche iſt's aber z. B. nicht, wenn gerade da es beſtimmt wird, daß der Prinz von Preußen die Regentſchaft für den erkrankten König führt, die N. Preuß. Zeitung mit dem uſurpirten eiſernen Kreuz an der Stirn plötz⸗ lich in überraſchend ehrlichen Leitartikeln den Gedanken aus⸗ führt, die vielbejubelten ruſſiſchen Reformen, Eiſenbahnen, Ver⸗ kehrserleichterungen u. ſ. w. hätten für Deutſchland bedeutend mehr Bedenkliches und Bedrohliches, als Erfreuliches. Die Gute hatte doch bisher nur Gutes in Abſicht und That von un⸗
ſerem öſtlichen Nachbar zu vermelden, und zählte etwelche mos⸗ kowitiſche Begeiſterung unter die oberſten Nationaltugenden deutſcher Loyalität. Es muß da etwas„zum Aus⸗der⸗Haut⸗ fahren“ paſſirt ſein. Ein erfriſchender Nordwind kann's nicht ſein; denn die Schlangen— natürlich sans comparaison!— häuten ſich gewöhnlich bei Südwind. Zugleich bemerkt man auch weit im Weſten, jenſeits des Rheines, ähnliche, nur elegan⸗ tere Verſuche, ſogar verbunden mit dem züchtigen Beſtreben, dieſen Toilettenwechſel nicht merken zu laſſen. Es ſcheint faſt, als halte man auch in Paris einen Händedruck zu Stuttgart für weit zweifelhafter, als Kuß und Umarmung in Weimar; und es mag immerhin ſchwer ſein, die im Geiſte bereits revidirte Karte von Europa vorläufig unbenützt wieder zuſammenrollen zu müſſen. Hatte doch die unbefangene Beilage der Pariſer


