Jahrgang 
1857
Seite
589
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der Iſraeliten um das goldene Kalb.Seid Ihr wahr⸗ haftig die Eliſabeth Fiſcher? Sie lächelte und neigte das Haupt.Habt Ihr das mit der Scheere geſchnitten, Ihr ganz allein? Sie nickte ſtolz, zog ein neues Stück⸗ lein Pergament aus der Taſche und ihr Scheerlein dazu, und begann vor ſeinen Augen ein neues Bild zu ſchneiden. Eine Weile ſah er ihr mit verhaltenem Athem zu, dann ſprang er mit einem Male auf und rief halb unwillig halb zärtlich:Ich glaube, Ihr ſeid es wahrhaftig werth mein Töchterlein zu heißen. So nehmt ihn nur hin, der da drinnen aus purer Liebe zu Euch verſcheiden will! Und damit ſchob er ſie in ein Seitenthürlein. Sie ſtand in Georgs Gemach und ſein bleiches todestrauriges An⸗ tlitz wendete ſich langſam zu ihr hin. Wie im Traume ſchaute er auf ſie hin und auf die Geſtalt des Vaters, die hinter ihr auftauchte. Da löſte die übergroße Herzens⸗ ſeligkeit des liebenden Mägdleins und die Gnade der er⸗ barmungsreichen Mutter die ſtarren Bande des Schwei⸗ gens, die holden Lippen zuckten:ich darf Dein Weib ſein! ſprach Eliſabeth jetzt deutlich und klar.

Von dieſem merkwürdigen Kunſtwerk Eliſabeth Fiſchers in Augsburg, dem bald noch mehrere ähnliche folgten, ſagt die berühmte Kunſtgeſchichte Sandrat's

wörtlich:Sie hat mit der Scheere auf Pergament ein

ſo köſt- und künſtliches Meiſterſtück gemacht, daß man ſchriftlich daſſelbe nicht ſo hoch loben kann, als ſeine Würdigkeit verdient. Es beſtehet aber in unterſchied⸗ lichen zierlichen Jagden, Landſchaften und dem Kälber⸗ tanz der Iſraeliten, den dieſe rare Künſtlerin mit der Scheere auf weißes Pergament, einer flachen Hand groß, geſchnitten. Viele wohlgezeichnete Bäumlein waren dar⸗ unter und an jedem derſelben viel hundert genugſam er kenntliche Blättlein und Reislein. Auch andere artliche

wohlproportionirte Bildlein hat ſie gefertigt in dieſer

Weiſe, deren größte wie kleine Fliegen. Und was noch mehr zu bewundern iſt, daß ſie auch den Ausſchnitt

ganz behalten, ſo daß ſie allezeit zwei Stück auf einmal

gefertigt, dergleichen Arbeit noch nicht nachgethan wor⸗ den, auch ſchwerlich von Andern nachgethan und zuwege gebracht wird, ſie alſo das Lob behält, daß dieſe Kunſt durch ſie geboren und mit ihr geſtorben ſei. Nachher hat ſie ihren Geliebten geheirathet, den wohlangeſehenen

Handelsherrn Georg Mayr, und hat mit ihm in Freu⸗ den gelebt, auch in ihrem Eheſtand allerhand vernünftige

und zierliche Gemälde gefertigt. Nachher in ihrem Wittibſtande hat ſie ihre Kunſt ihre einzige Ergötzlichkeit ſein laſſen, trotz Krankheit und Schwäche, und iſt denn endlich im vierundſiebenzigſten Jahre malend im Bette ſanft und ſelig verſchieden Anno 1674.

Johann Chriſtian Friedrich Gutsmuths,

das Muſterbild eines

deutſchen Pädagogen,

der Begründer des pädagogiſchen Curnens in Deutſchland. Von Moritz Kloß.

Wer von Leipzig her einen Ausflug in das geſeg nete Thüringen unternimmt, kommt am Nächſten in die größeren prächtigen Waldungen dieſes romantiſchen Länder⸗ ſtriches, wenn er hinter Gotha die thüringiſche Eiſenbahn verläßt, um auf der Nebenbahn dem gothaiſchen Städtchen Waltershauſen mit ſeinem weithin ſichtbaren Schloſſe Ten⸗ neberg zuzueilen.

Von hier aus ſtehen dem Wanderer viele Wege offen, um nach der Krone des Thüringer Waldes, dem Inſelsberge, nach der Ruhl, nach Reinhardsbrunn und andern Glanz⸗ punkten dieſes friſchen Waldgebirges zu gelangen.

Wir laſſen für heute den fröhlichen Wanderer dieſe viel betretenen Straßen ziehen, und nehmen unſeren Weg nach Schnepfenthal, das recht angenehm am Fuße des Thü⸗ ringer Waldes, eine halbe Stunde von Waltershauſen, ge⸗ legen iſt. An dieſem freundlichen und geſunden Plätzchen, auf einem geräumigen Hügel, welcher eine weite Ausſicht auf eine mit Dörfern reich beſäete Ebene, nach Gotha hin beherrſcht, gründete der bekannte Philanthrop Salzmann ſeine berühmte Erziehungsanſtalt, die noch heute im Flor iſt. Viele Tau⸗

ſende aus Deutſchland, der Schweiz, aus England und den nordiſchen Reichen, haben hier ihre Bildung geholt und ihre

Erziehung genoſſen und ſegnen das Andenken an die Lehrer dieſes Inſtituts, von denen mehrere, wie André, Bechſtein,

und noch heute wie zu Salzmann's Zeiten den muntern Zöglingen in ihren lachend rothen Röcken zum Turnplatze dient, ſoll uns beſonders lebhaft an einen jener Schnepfen⸗ thaler Lehrer erinnern, deſſen Verdienſte weit über die Gren⸗ zen ſeines engern Wirkungskreiſes hinausreichen; wir meinen den oben genannten Gutsmuths.

Die deutſchenPhilanthropine, unter denen Schnepfen⸗ thal den erſten Rang einnahm, ſind bekanntlich die erſten Anſtalten geweſen, welche die in der Geſchichte der Pädagogik immer dringender auftretende Forderung einer vernunft⸗ und naturgemäßen allſeitigen Menſchenerziehung zu erfüllen ſtrebten. Die Einführung einer beſſern Lehr⸗ und Erzie⸗

hungsmethode in den Volks⸗ und höhern Schulen, iſt ein

Verdienſt dieſer philanthropiſchen Beſtrebungen, die ihre Auf⸗

merkſamkeit ganz beſonders auch dem damals in hohem Grade

vernachläſſigten leiblichen Wohle der Jugend zuwendeten. Durch ihre eindringlichen Strafreden gegen tauſend Miß⸗ bräuche der früheſten Erziehung, verwandelten die Philanthro⸗ pen die Kinderſtuben aus Marterkammern in heitere Wohn⸗ ſitze der Geſundheit, Freude und Liebe, lüfteten die Kleidung der Kinder, und richteten ſie natürlicher ein. Die fratzen⸗ hafte peinliche Kleidung der Knaben, galonnirte Röcke, kurze Beinkleider, Friſur, Haarbeutel, Alles ſchaffte man ab. Man kann ſich denken, wie wohl den Knaben wurde, wenn ſie aus den Zwangsfracks, Zwangshoſen und Zwangs⸗

Reichard, Glatz, Weißenborn, Blaſche u. A. als phädagogiſche g

Schriftſteller rühmlichſt bekannt geworden ſind. Der Turnplatz der Schnepfenthaler Anſtalt aber, der an einem ſchattigen Orte an der Spitze eines nahen Laub⸗ wäldchens mit allen nöthigen Vorrichtungen eingerichtet iſt,

halstüchern herausgelaſſen, nun bequeme Turn⸗ und Ma⸗ troſenjacken und Beinkleider von Zwillich erhielten, den Hals frei trugen, den Hemdkragen übergeſchlagen.

Es lag im Princip des Philanthropinismus, durch Wie⸗