Jahrgang 
1857
Seite
590
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dererweckung der Gymnaſtik der Jugend ein zweckmäßiges

Mittel der Kraftübung zu verſchaffen. Salzmann machte

ſchon in Deſſau ſelbſt praktiſche Verſuche, die Erziehung zur

Geſundheit und Thätigkeit ſeiner Zöglinge in leiblicher wie in geiſtiger Beziehung zu verwirklichen; hier in Schnepfen⸗ thal fand er dafür den rechten Mann an unſerm Gutsmuths, einem ſeiner getreueſten und geſchickteſten Mitarbeiter.

Es war im Jahre 1785, als der junge Candidat zwei von ihm vorbereitete Söhne des Leibarztes Ritter aus Qued⸗ linburg zur Aufnahme nach Schnepfenthal brachte. Salz⸗ mann erkannte ſogleich bei der Prüfung dieſer Zöglinge(der eine davon war der nachmals berühmte Geograph Carl Ritter in Berlin) die pädagogiſche Bedeutung ihres ſeit⸗ herigen Erziehers und gewann ihn für ſeine Anſtalt. Guts⸗ muths nahm dieſen Ruf um ſo lieber an, als er ſich ſchon längſt zu dem ſeltenen Mann, der einen ſo wohlverdienten Ruf als Er⸗ zieher und Volksſchriftſteller ge⸗ noß, angezogen fühlte. Es konnte nicht fehlen, daß die beiden ſo reich begabten, nach gleichem Ziel ſtrebenden und von gleicher Liebe für die Jugenderziehung begei⸗ ſterten Männer eine recht ſegens⸗ reiche Wirkſamkeit eröffneten und die Schnepfenthaler Anſtalt zur ſchönſten Blüthe erhoben.

Salzmann ſetzte gymnaſti⸗ ſche Uebungen ohne Weiteres auf den Schulplan und übertrug den Unterricht darin an Gutsmuths, der den Gegenſtand für erziehe⸗ riſche Zwecke in ein Syſtem brachte, ihn zur Erziehungswiſ⸗ ſenſchaft erhob und mit großer, verſtändiger Sorgfalt in dem trefflichen Werke:Gymnaſtik für die Jugend 1793 bis in's Einzelnſte durcharbeitete. In der Schnepfenthaler Anſtalt wurde es nun Ernſt mit der Bil⸗ dung des Leibes. Die Zöglinge ſpielten nicht blos zur Erholung von geiſtiger Schularbeit, ſon⸗ dern es trat hier die Gymnaſtik zugleich als ein nothwen⸗ diges, ihre Geiſtesbildung er⸗ gänzendes Element ein, als ein der Schule unentbehrlicher Lehr⸗ gegenſtand.

Mit dieſer Forderung ging zugleich aber auch das Be⸗ ſtreben Hand in Hand, die Gymnaſtik als einen Erziehungs⸗ gegenſtand zu behandeln und ſie für die Schule brauchbar zu machen. gymnaſtiſche Ausbildung der Jugend betrieben wiſſen wollte, erhellet am Beſten aus einem Beiſpiele, an dem er in ſeiner Gymnaſtik zeigt: wie die Jugend auf naturgemäße Weiſe zur körperlichen Erſtarkung geführt werden ſolle.

Er verwirft dort Rouſſeaus Methode, der ſeinen kleinen Junker durch Kuchen zum Laufen reizt, weil ſie hier Ge⸗ fräßigkeit zum Motiv mache und nicht natürlich ſei.Von dergleichen kleinen Weichlingen, ſagt er, kann man nicht gleich

In welchem erzieheriſchen Sinne Gutsmuths die,

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haben, ſondern man muß, um natürlich zu verfahren, ihnen erſt Kraft verſchaffen; die Luſt, ſie anzuwenden, bleibt dann ſelten aus. Eine Woche würde ich täglich langſam mit ihm ſpaziren gehen, in der zweiten würden meine Schritte etwas ſchneller, in der dritten beſchleunigter. Mein Kleiner finge an, langſam nebenher zu laufen, erſt eine Minute, ein andres Mal zwei, dann 5, dann 8 Minuten und ſo fort. In der vierten würde ich ſein Traben beſchleunigter veranſtalten; ich würde mich mit ihm bald im Walde verſpäten, bald zu weit von der Wohnung entfernen, als daß es möglich wäre, zur Mahlzeit oder vor der Nacht daſelbſt wieder einzutreffen; dann würde getrabt und gelaufen und das Ziel erreicht auch ohne Kuchen. Bei Tiſche ſprächen wir dann von dem der⸗ ben Marſche, welchen wir zurücklegten, ich kündigte den Klei⸗ nen als richtigen Läufer an, die Geſellſchaft winkte ihm Beifall zu; das Eſſen ſchmeckte ihm viel beſſer und die Urſache wäre das Laufen; die Ruhe wäre ihm ſo angenehm, ſo ſüß durchs Laufen. Mitunter erzählte ich ihm etwas von ſtarken Läufern, von kraftvollen rüſtigen Män⸗ nern, die durch ihren Muth und ihre Körperkraft den Verunglück⸗ ten halfen, das Vaterland be⸗ ſchirmten, von der Schönheit männlicher Kraft und Tapferkeit. So würden allmälig ſeine Mus⸗ keln geſtärkt und ſein Inneres zugleich durch ein wohlthätiges Feuer erwärmt.

Indem Gutsmuthsgleich von ſeinem Amtsantritte an Alles ge⸗ nauer in's Auge faßte, was ſich auf die leibliche Erziehung bezog, fand er Veranlaſſung, außer ſeinerGymnaſtik(2. Aufl. 1804), die noch heute als ein klaſſiſches Hülfsmittel der Erzie⸗ hung gilt, noch folgende Schrif⸗ ten herauszugeben:Spiele zur Uebung und Erholung des Kör⸗ pers und Geiſtes für die Jugend 1796. Lehrbuch der Schwimm⸗ kunſt. Weimar 1798. Mecha⸗ niſche Nebenbeſchäftigungen. Al⸗ tenburg 1801. Turnbuch für Söhne des Vaterlandes. Frank⸗ furt 1817 und: Katechismus der Turnkunſt. Frankfurt 1818.

Durch dieſe Schriften, die in's Däniſche, Engliſche und Franzöſiſche überſetzt wurden, gewann die Gymnaſtik ſchnell überall Freunde und Verehrer; in vielen Städten entſtanden Schwimmſchulen, viele Schulen erhielten Spiel⸗ und Turn⸗ plätze, und ſchon im Jahre 1804 konnte Gutsmuths ſagen,

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daß von vielen tauſend Familien gymnaſtiſche Bildung in die

Privaterziehung aufgenommen worden ſei. Von da⸗ und dorther kamen Erzieher, um ſich mit Gutsmuths Lehrweiſe bekannt zu machen und ſein Syſtem der Gymnaſtik kennen zu lernen, das nach ſeinen eigenen Wortendie Vervollkomm⸗

nung des Körpers nach Dauer, Kraft, Gewandtheit und

Schönheit zum Zwecke hatte, und von ihmzu einer Ar⸗

fordern, daß ſie Kräfte anſtrengen ſollen, die ſie noch nicht beit im Gewande jugendlicher Freude geſtaltet worden war.