Das war denn eine Wonne, an der die Engel im Himmel ihre Freude hatten und die man nicht beſchreiben noch malen kann. Erſt als die beiden Eltern hereintraten und Georg ihnen wie ein Sohn an die Bruſt ſtürzte, fand er die Crahe wieder, die ihm ſchier vergungen vor lau⸗ ter Seligkeit, und er ſagte immer und immer:„Wie ſchön iſt ſie geworden! Jetzt iſt ſie meine Braut, und bald meine Ehefrau, ſo Ihr und ſie nur recht wollt." Es ſagte Nie⸗ mand„nein“ und der Mutter ſchwindelte der d di beim Gedanken, was für ein Gewand ſie anlegen ſolle an dem Ehrentage ihrer Tochter, und daß die Frau des Georg Mayr doch fortan eine Haube tragen müſſe mit echter Goldſtickerei. Mit übervollem Herzen ging ſie hinaus in die Küche, einen Imbiß zu bereiten und neigte ſich da⸗ bei vor allen Töpfen, wie ſie ſich zu neigen gedachte vor dem reichen Handelsherrn Chriſtian Mayr, wenn er an ihr niedres Haus klopfte.—
Mittlerweile ſaß Georg und erzählte oft unterbrochen von den Fragen des alten Malers, der nur von den köſt⸗ lichen niederländiſchen Bildern und ihren Schöpfern wiſſen wollte, von all den Wundern, die er geſchaut und vergaß Speiſe und Trank darüber und die Andern mit ihm, ſo ſehr auch Frau Gertraud zuredete. Erſt ſpät nach manchem ſüßen Blick und Kuß riß er ſich los:„muß ich doch heut noch mit dem Vater reden,“ ſagte er. „Morgen führe ich ihn her und mit ihm die Geſchenke, die ich Euch mitgebracht!“
— Und damit ging er ſorglos und gl lückſelig.—
Am nächſten Tage kamen aber weder Vater noch Sohn, und in dem großen Hauſe am Markte und in dem Kane Häuslein hart am Dom ſah es bald ſo trübſelig wie auf einem Aehrenfeld, über das ein Hagelwetter hinge⸗ zogen. Der alte Handelsherr war nämlich in hellen auun ausgebrochen nach dem Geſtändniß ſeines Sohnes, und hatte weidlich getobt und gewüthet, nach heftigem Hin⸗ und Widerreden ihm endlich auch verboten, die Schwelle des Malerhauſes wiederum zu betreten. Am Schluße bes er noch einige harte Worte von bettelhaften mit aller⸗ lei Gebrechen behafteten Dirnen fallen, für welche ſein Haus nicht hergerichtet.— Das gab denn böſes Blut, und Vater und Sohn kamen hart aneinander, obwohl Georgs Toben nichts half, da er mit einem gar zu böſen Feinde kämpfte. Der Stolz auf den Geldſack iſt eine uralte ſchlimme Krankheit, die ſchon ſo Manchen an Leib und Seele zu Grunde gerichtet, und wider ſie iſt noch kein heilendes Kraut entdeckt worden.— Wie ſchwer litt nun Georg! Denn weil dazumal die Eltern noch von Gottes und Rechtes wegen die natürlichen Herren ihrer leiblichen Kinder waren, ſo fiel es ihm gar nicht bei ſich anders wie mit Faſten und Kummer gegen das Gebot ſeines geſtrengen Vaters zu wehren, er ſetzte keinen Fuß um ſeine Eliſabeth zu ſehn. Das gab bitteres Herzeleid von beiden Seiten, und kein Troſt war da, denn mit dem Briefſchreiben, das den Liebesleuten heut zu Tage ſo wohl zu ſtatten kommt, ſah es dazumal nicht ſonderlich aus. Ehe Einer ein ſolches Brieflein abgefaßt, ging eine ge raume Weile hin, und ehe man gar geantwortet, mochten wohl Monate verfließen. Aber die Liebe ließ darum nicht nach, ſie wurde ſogar nur um ſo heftiger. Zu lie⸗ ben verſtand man einmal in dieſen Zeiten beſſer als heut, allwo man trotz bogenlanger Briefe voll Flammen doch gar zu häufig ſchon am Tage nach der Hochzeit— ein⸗ friert. Und das Treubleiben in alle Fernen und durch alle Zeiten ohne ein beſchriebenes Blättchen,
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machen wir jenen Liebenden nun einmal nur ſehr ſelten nach.—
Als der einzige Sohn und Erbe des Chriſtian Mayr von Augsburg nun aber in ſo tiefen Kummer verſank, daß er allmählig zum Schatten dahin ſchwand und auch kein ſanftes noch heftiges Zureden bei ihm half, ſo beſchied nach langem Sinnen der Handelsherr den alten Maler Johannes Fiſcher zu ſich und hielt eine Zwieſprach mit ihm. Er gab ihm zu verſtehen, daß für ſeinen Sohn eigent⸗ lich nur eine Jungfrau zur ehelichen Genoſſin gewählt werden könne, ſo in einem echt brocatenen Mäntelchen zur Welt gekommen, oder ſonſt ein Wunder ſei an Schön⸗ heit und Weisheit. Weil aber der wunderliche Geſelle nun einmal aus purer Liebe zu einer ſtummen Malers⸗ tochter ſchier dahinzuſterben Luſt habe, ſo wolle er, als Vater, ein Uebriges thun, und noch eine Gnade gewähren. Wenn es nämlich des Johannes Fiſcher kunſtfertiger Tochter gelänge, ein Kunſtwerk zu ſchaffen, von welchem ſämmtliche Rathsherrn von Augsburg erklären müßten, daß es noch niemalen geſchaffen worden, ein Wunder⸗ werk nicht etwa mit Pinſel und Palette, ſondern nur allein mit Mägdleins Werkzeugen: als da ſind Nadeln und Scheere— ſo wolle er ſie als Schwiegertöchterlein an ſein Herz drücken. Eine Friſt von drei Monaten ſei ihr geſetzt, ſei dieſe abgelaufen, ſo müſſe ſein Sohn eine Braut heirathen, die er ihm auserwählt.—
Mit ſolchem Beſcheid kam Johannes Fiſcher ganz traurig heim, und Frau Gertraud wollte ſich faſt die Augen ausweinen. Eliſabeth allein verzagte nicht. Das Schleiertüchlein tiefſter Bläſſe legte ſich zwar über ihr Angeſicht, aber in den wunderſchönen Augen ſchimmerte ein Strahl froher Hoffnung. Sie lächelte nicht mehr und ſchloß ſich oft viele Stunden lang in ihr Kämmerlein und verließ es bald nur um in den Dom zu ſchlüpfen und dort ein brünſtiges Gebet vor der gnadenreichen Mutter zu ſtrechen.— So waren drei Monate bis auf den letzten
Tag abgelaufen, und am folgenden Tage ſollte im Hauſe des reichen Handelsherrn ein großes Feſt zeſeler werden, was für ein Feſt das erfuhr Niemand. Die Meiſten munkelten von einer Verlobung des Eeben des Hauſes Chriſtian Georg Mayr mit einer pockennarbigen aber ſteinreichen Rathsherrntochter, die ſo böſe war wie ſieben böſe Sieben zuſammengenommen. Es war ſchon heut ein reges Leben zu bemerken, in dem ſtattlichen Hauſe am Markte. Geſchäftige Diener liefen hin und her, Blumen wurden in großen Körben herbeigeſchleppt, und Fäſſer edeln Weines aus den Kellern an's Licht gewälzt.— Da erſchien in den Nachmittagsſtunden desſelbigen Tages eine züchtige Mädchengeſtalt in all dieſem Wirrwar, ein Käſtchen in den Händen tragend. Ruhig und ſicher ſchritt ſie, ohne daß ihr Jemand den Weg wies, geraden Weges in das Gemach des Hausherrn, als ſei ſie ſelbſt hier zu Hauſe, und Niemand wagte es auch ſie aufzuhalten, ihr Weſen und Angeſicht war dem einer Königstochter gleich. Chriſtian Mayr erſtaunte nicht wenig, als ſie nach ſchüch⸗ ternem Klopfen bei ihm eintrat, ſich ſittig und ſtolz ver⸗ neigte und das Käſtchen vor ihm auf den Tiſch ſtellend mit einer lieblichen Geberde den Handelsherrn bedeutete, es zu öffnen. Der alte Herr vergaß es faſt, ſo ſtarrte er in das holdſelige Angeſicht vor ihm,— als er es aber endlich that, da ſchrie er laut auf vor Ueberraſchung und
Bewunderung. Ein Bild, kaum eine Hand groß, in Per⸗
gament geſchnitten lag vor ihm, ein Kunſtwerk, wie ſein Auge noch nie ein ähnliches geſchaut.
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Es war der Tanz 4 5


