Stammverhältniſſen und in der Vertheilung der britiſchen Mili⸗ tairſtationen ermöglicht; in letzterer Hinſicht kommt eine ſoeben erſchienene kleine Schrift;„Die Europäer in Oſtindien; hiſtoriſche Skizze von Steinhardt. Gotha, 1857. Scheube“ dem Bedürfniß entgegen, indem ſie in gedrängter Kürze die Geſchichte der europäiſchen und insbeſondere der briti⸗ ſchen Niederlaſſungen in Oſtindien erzählt und eine Einſicht in die Entſtehung jenes merkwürdigen Reiches gewährt, das, von einem Häufchen europäiſcher Kaufleute begründet, den Umfang von halb Europa gewann, und deſſen jetzige Convulſionen nur zu einer feſteren Begründung europäiſcher Herrſchaft in Aſien führen können. Wenn die Geſittung des öſtlichen Europa trotz aller inneren Gegenſätze doch in ihrem Grund und Weſen Eins iſt, ſo darf auch ganz Europa ſtolz ſein auf die Ueberlegenheit europäiſchen Geiſtes, welche ſich in der Geſchichte der Englän⸗ der in Oſtindien kund giebt, ganz Europa muß wünſchen, daß die gegenwärtige Prüfungszeit raſch vorübergehen möchte, da ein definitiver Sieg der oſtindiſchen Bevölkerungen über die Eng⸗ länder dem ganzen Europa Schaden brächte, und ein allgemei⸗ nes Intereſſe muß ſich jener Geſchichte zuwenden, welche den Fortſchritt von einer kaum geduldeten Faktorei britiſcher Kauf⸗ leute bis zur Herrſchaft über 200 Millionen Menſchen binnen kaum drei Menſchenaltern aufweiſt.
Alexander Dumas, ſagt Schmidt⸗Weißenfels in ſeinen „Vier Jahre Memoiren,“ iſt bekanntlich der Chef einer großen literariſchen Fabrik, welche unzählige Werke veröffent⸗ licht hat, von denen der berühmte Autor keine einzige Zeile, oder höchſtens nur einige Capitel geſchrieben hat. Dumas ſelbſt arbeitet mit unglaublicher Geſchwindigkeit; aber er arrangirt mehr die Romane, welche ſeinen Namen tragen, als daß er ſie ſchreibt. Marſchall der franzöſiſchen Literatur, iſt ihm Alles er⸗ laubt und ſelbſt die Kopien, welche er mit liebenswürdiger Frei⸗ heit aus den Werken Anderer nimmt, um ſie als ſeine Original⸗ arbeit auszugeben, erregen keinen Anſtoß mehr, da er ein be⸗ rühmter Mann iſt und die Gloire noch viel mehr trügeriſchen Glanz beſitzt als der deutſche Ruhm, der für Poeten und Schrift⸗ ſteller keine ſchönen Schlafſtätten ſchafft. Das Haus„Alexan⸗ der Dumas u. Comp.“ iſt einzig in ſeiner Art in der Literatur und giebt es deren noch mehr, ſo hat es jenes doch zu einer kaum glaublichen Ausdehnung gebracht. Todte und lebende Schrift⸗ ſteller arbeiten für den literariſchen Marſchall, und alle nur für ſeinen Ruhm und Säckel allein. Er entwirft einen Roman, ſchneidet den Stoff in Capitel, giebt das eine dieſem Autor zur Ausarbeitung, das andere jenem; heut ſchneidert er einen Roman aus irgend einem längſtvergeſſenen Buche; morgen ein Theater⸗ ſtück aus einem alten Roman oder aus den Scenen irgend eines Stückes von irgend einem längſt begrabenen Literaten, wie der ſelige Shakeſpeare oder auch Schiller, wie Walter Scott oder auch Goethe. Mitten in dieſem Arrangiren neuer romantiſcher Fabrikate ſchreibt er Mahnbriefe oder galante Correſpondenzen, dazwiſchen einen Feuilletonartikel, auch eine Scene von einem neuen Stück oder einige Seiten von einem Roman; dann ſetzt er den Plan zu einer Erzählung auf, ſtempelt ein eingeliefertes Produkt mit ſeinem Namen um es ſogleich drucken zu laſſen, empfängt Beſuche, plaudert und redigirt dabei den Roman irgend eines ſeiner Mitarbeiter. Das iſt der renommirte Schriftſteller Alexander Dumas.
Die Befürchtung, daß ein ruſſiſch⸗franzöſiſches Bündniß in Stuttgart gegen Deutſchland geſchloſſen worden ſein möchte, hat ſo ziemlich Grund und Wahrſcheinlichkeit verloren. Daß die ruſſiſche Politik an der Donau und an der Eider mit der franzö⸗ ſiſchen Hand in Hand geht, ſoweit es gilt, das Intereſſe Deutſch⸗ lands oder Oeſtreichs zu durchkreuzen, verſteht ſich von ſelbſt;
es bedurfte dazu keiner Kaiſerzuſammenkunft. Weitere Verein⸗ barungen aber ſcheinen nicht Statt gehabt zu haben. Im Ge⸗ gentheil könnte man eher annehmen, die Verlegenheiten Eng⸗ lands würden zum Verſuch einer Wiederzuſammenkittung der heil. Allianz führen, wodurch in erſter Linie das jetzige Regiment in Frankreich bedroht wäre. Aber auch dieß bleibt— Verſuch und bildet ſich nicht zu einer feſten Thatſache. So bietet daher die jetzige politiſche Lage Europas ein großes Proviſorium dar. Nichts ſteht feſt und ſicher; jeder Augenblick kann Alles ändern. An einigen Perſönlichkeiten hängt Viel, wenn nicht Alles. Eine dieſer Perſönlichkeiten, an der wenigſtens viel hängt, iſt der König von Preußen. Er liegt jetzt— was die preußiſche Preſſe verheimlicht, Privatnachrichten und die Wiener Blätter eingeſtehen— unheilbar und rettungslos darnieder. Es iſt möglich, daß ſeine Auflöſung eine langſame ſein wird, daß er zur Fortführung der Regierungsgeſchäfte kaum ferner fähig ſcheint, iſt gewiß. Preußen hat in den letzten Jahren eine ſo beſcheidene Rolle geſpielt, daß ſchon darum das Exeigniß eines Thronwechſels in dieſem Staate ein großes Intereſſe erregt; es muß ſich zeigen, ob der neue Regent dieſe beſcheidene Rolle fort⸗ ſpielt, und ob er ſie in dieſem Falle nicht beſſer, ehrlicher und deutſcher ſpielt, als das bisherige Syſtem war. Gewiß iſt, daß an dieſen Thronwechſel ſich weitreichende Hoffnungen knüpfen. Täuſchen werden ſich nur diejenigen nicht, welche keinen Augen⸗ blick vergeſſen, daß keine Perſönlichkeit, und wäre ſie noch ſo be⸗ deutend, mächtig genug iſt, die Thatſachen von zehn Jahren mit einem Odem auszulöſchen.(Indem die neuſten Zeitungen die Uebertragung der königlichen Stellvertretung an den Prinzen von Preußen auf die begrenzte Zeit von drei Monaten melden, iſt offenbar, daß auf dieſe Art ein ſanfter Uebergang bewirkt wird, der alle plötzlichen Aenderungen ausſchließt, und man wird ſich wohl nicht täuſchen, wenn man in dieſem Arrangement die ge⸗ ſchickte Hand der Partei erkennt, welche in den letzten Jahren den größten Einfluß auf die Leitung der preußiſchen Dinge geübt hat.)
Den Engländern wird zwar gewöhnlich eine beſondere Nei⸗ gung zum Selbſtmord zugeſchrieben, allein die Statiſtik des Selbſtmordes widerlegt dieſe populäre Anſicht. In Frankreich, nicht in England, kommen die meiſten, in Rußland die wenigſten Selbſtmorde vor. In London kommt auf 8250 Menſchen ein Selbſtmordsfall, in Paris ſchon auf 2221; in ganz England einer auf 15,900, in Frankreich auf 12,489. Namentlich das nördliche Frankreich iſt ſehr fruchtbar an Selbſtmorden.
Auſtralien hat jetzt im Ganzen 81 Zeitungen. Davon kommen auf die Colonie Victoria 44, nämlich 6 täglich erſchei⸗ nende und 38 wöchentlich und alle 14 Tage erſcheinende, auf Neu⸗Süd⸗Wales 20, nämlich 2 tägliche und 18 Wochen⸗ u. ſ. w. Schriften, auf Tasmania(Van⸗Dimens⸗Land) 8, davon 5 täg⸗ lich erſcheinende, auf Südauſtralien 5, davon 2 täglich erſchei⸗ nende, endlich auf Weſtauſtralien 4 Wochenſchriften.
Eine der neueren Nummern der London illustrated News bringt das Bild des grauſamen Nena Sahib in vollem Waffen⸗ ſchmuck, in welchem man wohl Energie, nicht aber eben Sinn für geiſtige und gemüthliche Genüſſe finden wird. Dennoch ſoll es ein Mann von der feinſten literariſchen Bildung ſein. Man behauptet, von einer rührenden Stelle in Byron oder Shakeſpeare werde er bis zu Thränen ergriffen; er ſpricht in der That franzö⸗ ſiſch und engliſch und hat den Hamlet in's Hindoſtaniſche über⸗ ſetzt. Seit dem Tode der ſchönen Miß Margaret O'Sullivan hat Nena Sahib kein Weib geliebt. Um ſo mehr liebt er franzöſiſche Muſik und ſetzt Kenner durch ſein Clavierſpiel in Verwunde⸗ rung. Iſt dieſe Schilderung wahr, ſo böte dieſe Perſönlichkeit ein intereſſantes pſychologiſches Phänomen dar.
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke 8 Hevrient in Leipzig.
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