Jahrgang 
1857
Seite
584
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lich zur Ehre ſeines Namens, daß Frankreich unter dem Kaiſer⸗ regimente einer ganz abſonderlich liberalen Lebensbewegung ſich erfreue. Darauf antwortet die LondonerTimes: es müſſe freilich Jedem freiſtehen, ſich nach ſeiner Fagon frei zu fühlen. V Obgleich nun dieſe Antwort eine halbe Reminiscenz an Friedrich den Großen iſt, ſo darf man doch die LondonerTimes keines⸗ wegs mit der BerlinerZeit verwechſeln, welche ſelbſt das fagonloſe Seligwerden nicht mehr loyal findet, geſchweige denn ein Freiheitsgefühl nach eigner Fagon. Genug, wir haben nun die Wahl, uns mit den rheiniſchen Winzern der ſorgenbrechen⸗ den Zukunft zu freuen oder mit dem baieriſchen Aſtrologen das Jahr 1858 in Aengſten zu erwarten. Auch dürfen wir aus dem Conſtitutionel'ſchen Freigefühle auf das uns beſchiedene höchſte Maß ſchließen, doch vor Allem auf die Synonymität von empire und paix ganz beſonders feſt bauen. Oder iſt's nicht noch eine abſonderliche Garantie dafür, daß gerade jetzt, dicht hinter dem Stuttgarter Händedruck, franzöſiſche Agenten das thüring'ſche Land durchreiſen, um in Suhl und anderwärts Eiſenarbeiter zu hohen Preiſen zu engagiren? Denn dicht hinter jenem Stutt⸗ garter Händedruck, welchen die Offiziöſen zum Anfang einer all⸗ gemeinen Armeereduction ſtempeln, hat die Pariſer Regierung ihre einheimiſchen Waffenfabriken mit ſo maſſenhaften und ſchleunigen Beſtellungen überhäuft, daß dieſe ſie mit einheimi⸗ ſchen Kräften nicht zu beſchaffen vermögen. Warum aber ſuchen ſie ihre Hülfe gerad in Deutſchland und nicht in Belgien, woher doch die unvergleichlichen Jagdflinten unſerer vornehmen Pa⸗ trioten unvergleichlich beſſer, als aus deutſchen Fabriken bezogen werden? Vielleicht thut man es nur der Analogie halber. Da uns deutſche Zeitungen mit einem uſurpirten Ordenskreuz an breiter Stirn es faſt als deutſchen Patriotismus anempfehlen, den Ruſſen mit unſerm Geld und unſerer Arbeitskraft ihre Eiſen⸗ bahnen zu bauen, ſo ſind wir wohl auch würdig, den Franzoſen ihre Waffen zu ſchmieden. Die St. Helenamedaille den Alten und das Schmieden der Waffen den Jungen! Und wir ſelber was brauchen wir Arbeitskräfte, Eiſenbahnen und Waffen, ſeit⸗ dem man dem ruſſiſchenNord in der belgiſchen Hauptſtadt aus einer deutſchen Reſidenz alsbefriedigendſtes Reſultat der Stuttgart⸗Weimar⸗Dresden⸗Berliner Begegnungen meldete: Die däniſche Angelegenheit wird nicht vor den Bundestag ge⸗ bracht werden; Preußen und Oeſterreich haben ſich dazu ver⸗ pflichtet. So heißt es wörtlich. Dazu iſt weiter gefügt: an⸗ dernfalls habeein allgemeiner Krieg nicht blos zu den ſernen Möglichkeiten gehört, ſondern ſei faſt unvermeidlich geweſen. Dennder Bundestag, einmal in Anſpruch genommen, hätte nicht umhin gekonnt, ein Bundescontingent abzuſenden; dann aber wäre Dänemark genöthigt geweſen, ſich auf die Mächte zu berufen, welche ſeine Exiſtenz verbürgt haben, und ihren Bei⸗ ſtand zu fordern, welcher ſicherlich nicht hätte verweigert wer⸗ den können. Das alſo iſt die erſte Gabe aus dem Glücksfüll⸗ horn, welches die Conferenzen über Deutſchland ausgießen ſol⸗ len! Und in Dresden weiß man zuerſt die preußiſch-öſterreichi⸗ ſchenVerpflichtungen? Nur ſchade, daß bei ſo befriedigendem Stande der Dinge dennoch die von den preußiſchen Kriegsübun⸗ gen angerichteten Schäden an Feldern, Gärten und Gebäuden, außer den ſonſtigen Koſten, der Staatskaſſe noch eine Entſchädi⸗ gungsſumme von 25,000 Thlr. aufbürdeten. Denn zu was Kriegsübungen? Doch freilich ehemals gab's Wildſchäden, heut giebt's Manöverſchäden. Dempora mutantur, et nos.... Doch nein! Dieſer lateiniſche Satz bedeutet ja in ſeiner gan⸗ zen Ausdehnung: die Zeiten ändern ſich, wir uns mit ihnen.

Das iſt jedoch gerade nicht wahr. Woher wäre ſonſt unſeren jungen Poeten eben jetzt die Freudigkeit zur Herausgabe des zweiten Jahrganges einesNorddeutſchen Muſenalmanachs ge kommen, voll Herz und Schmerz, Abend und labend, Liebe und Triebe, zuſammengeſetzt ausPoeſie, Natur, Leben, Liebe, Re⸗ ligion, wozu ſelbſt der unvermeidlicheNachtrag nicht fehlt? Blos das Vaterland vermißt man unter den Titeln, wie irgend ſonſt etwas Hervorragendes unter den Verſen. Und von Humor iſt vollends nichts zu ſpüren. Denn der iſt nun einmal blos ein Geſell des ſelbſterlebten, nicht des blos gedachten Gefühls,

die lachende Thräne im Herzenswappen. Darum hat ihn und ſingt ihn auch ſo rührend wie herzerfriſchend jener Landarzt Berthold Sigismund, welcher die Bilder ſeines in engen Grenzen reich und tief bewegten Lebens zu allerlei wahrhaftigen Liedern geſtaltete. Nur der gelehrte TitelAsclepias ſtört mich daran. Aber das Gräciſiren und Latiniſiren des Unverfäng⸗ lichſten können wir nun einmal nicht laſſen, es ſteckt im Blute. Was hätte ſonſt Bauernfeld veranlaſſen können, ſeinen Na⸗ men guten Klanges in Ruſticocampius zu überſetzen, um ihn auf das lang ſchon angekündigteBuch von uns Wienern zu ſchreiben? Freilich das Buch ſelbſt iſt herzlich unbedeutend, voll alten Wiener Spaßes, welcher für den Witz nicht ſchneidig genug iſt und als Kulturbild der ſelig entſchlafenen Gemüthlichkeit nicht genug harmlos. Wem wäre es auch um's Lachen, während die ganze Kaiſerſtadt juſt unter den heftigſten Paroxismen der Fi⸗ nanzkriſis zittert! Da hat die alte Gemüthlichkeit des Lebens und Lebenlaſſens eben ſo wenig ein Recht, als etwa ein heiſeres Hohnlachen über die Gährungsprozeſſe der Entwicklung, welche ſoeben Alle durchleiden. Man weiß überhaupt oftmals nicht, ſoll man ſich freuen oder erſchrecken darüber, wie unſere Poeten und Schriftſteller mitten im allgemeinen Trubel ihre Privatin⸗ tereſſen an den Mann zu bringen ſuchen. Nicht etwa aus ſchmutzigem Egoismus oder aus ſchnöder Indifferenz, ſondern ganz ehrlich, weil ſie ſich einbilden, in ihrem Ei bebrüteten ſie eine große reformirende Zukunft. Da hat z. B. der bekannte Phrenolog Georg Combe in London ein dickes Buch betitelt: Die Wiſſenſchaft in ihrer Beziehung zur Religion. Die Wiſ⸗ ſenſchaft, d. h. die Phrenologie, bildet nun er und ſein Ueber⸗ ſetzer ſich alles Ernſtes ein, ſei gerade jetzt beruſen, die religiöſen Wirrungen der ganzen Welt durch die von ihr octroyirte Ueber⸗ zeugung zu verwiſchen, daß alle geiſtige und gemüthliche Ent⸗ wicklung der Menſchheit von den Kopfhöckern jedes Einzelnen prädeſtinirt ſei. Auf dieſer Kopfhöcker⸗Grundlage ſoll deshalb eine neue dogmaloſe Weltreligion erblühen! Kann man wohl einen roheren Materialismus aus dem phantaſtiſchſten Idealis⸗ mus hervorgehend denken? Ja, hat unſere Zeit nur Zeit, dar⸗ über nachzudenken?Soll und haben, nicht blos das Freytag' ſche, beherrſcht ſie ausſchließlich; Begeiſterung für Höheres wird ihr ſyſtematiſch ferngehalten. Das heißt hier Loyalität, dort frommer Glaube, manchmal wohl auch Kunſtbegeiſterung oder anderwärts Philanthropie. In Hamburg nennen ſiesBanko. Und wer es leben ſehen will in heitern, düſtern, anziehenden, abſchreckenden, immer aber naturwahr packenden Bildern, fin⸗ det's in dem Roman, welchen E. Willkom mit jenem allum⸗ faſſenden Collectivbegriff bezeichnet hat. Liegt nicht etwas Rüh⸗ rendes darin, daß ſie trotzdem den Jahrestag der Völkerſchlacht von Leipzig wieder gefeiert haben zu Göttingen und anderwärts, zu Wien im Invalidenhaus, in welches ſich keine Helenamedaille einſchmeicheln konnte?