Jahrgang 
1857
Seite
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ziniſche Agitation gegen die Impfung erhoben! Signatura temporis!

Ermuthigt durch die ſegensreichen Erfolge der Pocken impfung hat man andrerſeits auch verſucht, Scharlach und Maſern zu verimpfen. Man wählte dazu die Zeit beſonders milder Epidemien und erreichte wenigſtens vom Maſern Impfſtoff ſtets den Erfolg der Anſteckung. Schon weniger ſicher war dieſer jedoch nach Scharlachimpfungen, was in

deſſen wohl daher kommen kann, daß überhaupt die Dispo ſition zu Scharlach nicht ſo allgemein iſt, als zu Pocken und Maſern. Eine Verſchwächung der eingeimpften Krankhei⸗ ten erlangte man indeſſen noch nicht und ebenſowenig die Sicherheit, daß der von einem milden Fall entnommene Impfſtoff auch einen milden Verlauf der übertragenen Seuche bedingt. (Fortſetzung folgt.)

Zur Zlluſtration deutſcher Reſidenz-Philiſterei.

Wiesbaden, Mitte October. Unſere Badeſaiſon iſt lange zu Ende, doch die Spielſaiſon noch nicht; ſie dauert vom 1. April bis letzten December. Früher nur 5 Monate; aber wir haben auch unſern Fortſchritt. Dieſer iſt überhaupt im heurigen Jahr, ſeit der Uebernahme der Spielpacht durch eine aus Kaufleuten, Advokaten und anderen Biedermännern gebildete Aectiengeſellſchaft in vollſtem Zuge; mit Glück und Geſchick jagen wir dem hohen Ziele zu, ein Homburg in vergrößertem Maßſtabe zu werden. Auf Schritt und Tritt begegnet man den konfiscirten Geſichtern der franzöſiſchen Spieler von Profeſſion, und ſchon von Weitem kann man aus ihren Geſprächen Wörter, wie rouge, noire, manque, passe u. ſ. w., herausſchallen hören. Auch kommen mehr Gaunereien vor, als ſonſt; ſogar, wie in vergangener Woche, hie und da ein kleines Straßenräubchen vis-A-vis dem Kur ſaal, doch war es kein Fremder, ſondern bloß ein freund nachbarlicher Heſſen⸗Darmſtädter, der in dieſem etwas rohen Tone ſein Jeu machte. Es wurde aber auch in der neulichen Sommerabrechnung eine Dividende von 23 Procent an die Actionaire vertheilt! Endlich haben wir, ebenfalls im Ge folge der erwähntenReform, anſtatt der bisherigen Direktion und bürgerlich⸗bureaukratiſchen Kommiſſion, eine Theaterintendanz erhalten, in der Perſon des bisherigen herzogl. Adjutanten Herrn von Booſe. Derſelbe hat auch wirl lich ſchon ſehr viel Geld gegen früher ausgegeben, dafür haben wir aber auch ein Sommerballet gehabt, und ſehen jetzt klaſ ſiſche neue Stücke, wie z. B. die Fremde, von Johanna von Weißenthurn, über die Bühne gehen, die wir früher nie ge noſſen. Doch genug davon für diesmal, ich wollte Ihnen nur einen Scherz erzählen. Es bildete ſich nämlich vor Kurzem unter einer Anzahl hieſiger Bürgersleute eine Lieb habertheatergeſellſchaft da wir Deutſche ja nicht genug für unſere äſthetiſche Erziehung thun können und namentlich Kotzebue auf den größeren Bühnen viel zu ſehr vernachläſſigt wird. Da unter dieſen Liebhabern der Poeſie gerade kein Glücklicher vorhanden war, den ſie ihrerſeits wenigſtens mit der Gabe, Kunſt auf Gunſt zu reimen, begnadet hätte, ſo bat

man einen begabten hieſigen jungen Dichter, Herrn S., einen Eröffnungsprolog zu machen. Dieſer, als Wiesbadener Kind, konnte es nicht abſchlagen. Der Prolog erſchien aber ach! als er zur Probe vorgeleſen wurde, ſiel der geſammte Liebhaberausſchuß vor Schrecken in Ohnmacht. Ihre Leſer werden das gerechte Entſetzen der ehrſamen Meiſter Schnock, Zettel u. ſ. w. begreifen, wenn ſie ein Paar Verſe daraus hören. Hier ſind ſie:

Wir haben nicht den Glanz von tauſend Kerzen,

Die gerne Licht verlieh'n, wo Wärme fehlt,

Doch ſind wir da mit einem vollen Herzen,

Das Freude ſucht und ſie im Schönen wählt.

Wir haben nicht Ballet mit flinken Fuͤßen,

Kein Intendant bringt uns den Adel mit

Doch wollen wir, wenn wir die Rechnung ſchließen,

In Kopf und Kaſſe auch kein Defizit.

Wohl mögen lächeln manche ſchöne Geiſter,

Wenn Bürger werben um der Muſen Gunſt,

Doch weiß man wohl: der deutſchen Arbeit Meiſter,

Sie waren auch ſchon Meiſter in der Kunſt.

Wer kennt Hans Sachs nicht, den der Lorbeer ſchmücket!

Und kühn ſei es geſagt, ſowie gedacht:

Den Schuh, der heut ſo Volk als Kunſt noch druücket, Den hat Hans Sachs, der Meiſter, nicht gemacht!

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So laßt uns denn, uns ſelbſt zu Nutz und Zierde, Das Schöne pflegen in der Zeit der Ruh; Der Hände Arbeit und des Geiſtes Würde, Sie ſichern Völkern Macht und Freiheit zu! O, wollte Gott doch, daß ſie bald erſchiene,

Die Zeit, wo unſer hoͤchſtes Gut erzielt,

Wo unſer Volk auf einer würdgern Bühne,

Und wo der Bürger größ're Rollen ſpielt! Mit höchſter Entrüſtung wurde von der Geſellſchaft das ungebührliche Anſinnen zurückgewieſen, ihre harmloſen Zeit mordtendenzen nicht nur überhaupt mit Gedanken, ſondern noch obendrein mit Gedanken von Freiheit, Würde u. dergl. in ſo gefährliche Berührung bringen zu laſſen, mit dem Bemerken, man wolle nicht auf ſo frevelhafte Weiſe ſich in's Unglück ſtürzen. Das iſt unſer deutſches Reſidenzbür gerthum!

Aus dem Weltleben.

Im Rheinland, welches bekanntlich an Frankreich grenzt, tönt jetzt ein ununterbrochenes Schießen und Knattern, als wäre Deutſchland aufgeſtanden, um einem Einmarſch der laiſerlichen Nachbarn zu begegnen. Aber Stuttgart wirkt weder ſo raſch, noch ſo laut; es ſind nur Freudenſalven der Winzer über einen fetten Herbſt nach zehn magern. Und wer die deutſche Allge⸗

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meine Zeitung lieſt, findet einen feſtgläubigen Artikel aus Mün chen. Mit Ueberzeugungstreue ſpricht er von den Prophezei hungen eines baieriſchen Aſtrologen, welche im indiſchen Auf ſtande den Anfang grauenhafter Welterſchütterungen verkünden, die binnen Jahresfriſt über Aſien nach Europa ziehen werden. Gleichzeitig verſichert der PariſerConſtitutionel, wahrſchein