die Urſache geweſen ſein, daß Aerzte und Publikum bis vor kaum zweihundert Jahren alle drei Krankheiten faſt immer vermiſchten. Erſt Sydenham ſtellte während einer großen Blattern- und Maſernepidemie(1667— 1669) die Unter⸗ ſcheidung zwiſchen dieſen beiden Ausſchlagsformen feſt; und erſt gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts lernte man auch die ſpezifiſche Natur des Scharlachs genau kennen, nachdem man es noch bis dahin mit Maſern, andern Aus⸗ ſchlägen und bösartiger Bräune zuſammengeworfen hatte.
Aus frühern Zeiten exiſtirt gar keine genaue Beſchrei⸗ bung, welche bloß auf Scharlach, oder bloß auf Maſern paßt; es läßt ſich alſo heut gar nicht beſtimmen, ob beide Seuchen ſehr alt oder erſt in ſpäten Zeiten entſtanden ſind. Dagegen zeugt es für den Rückgang ſcharfer mediziniſcher Beobachtung im ſpäteren Mittelalter, daß Sydenham auch erſt die Pocken wieder von Maſern, Scharlach und andern Ausſchlägen abſcheiden lehrte. Denn ſchondie alten arabiſchen Aerzte hatten die Blattern ſehr genau beſchrieben. Man weiß auch ſicher, daß dieſelben ſchon in ſehr frühen Zeiten in Südeuropa gewöhnlich waren. Den Namen„Variola“ legte man jedoch allerdings erſt um 570 einer Seuche bei, welche in Italien und Frankreich furchtbare Verwüſtungen anrich⸗ tete. Dann dauerte es faſt vierhundert Jahre, ehe die Variola auch in Mitteleuropa häufiger wurde; und wieder fünfhundert Jahre ſpäter verſchleppten ſie die ſeefahrenden Nationen nach Aſien, Afrika und Amerika. Seit aber Sydenham den ſpecifiſchen Charakter der Pocken erkannt hat, mußten abermals anderthalb Jahrhunderte verſtreichen, ehe die Wiſſenſchaft— vor ungefähr fünfzehn Jahren— zu der Ueberzeugung gelangte, daß die verſchiedenen, in einan⸗ der übergehenden Formen derſelben einer und derſelben Urſache entſtammen. Ja kaum zehn Jahre iſt es her, daß man endlich dahin übereinkam, in dieſen verſchiedenen Formen blos graduelle Verſchiedenheiten einer und derſelben Seuche zu erkennen. Die„Muſterpocke“(Variola vera) iſt die typi⸗ ſche Form der Menſchenblatter, ihre nächſte Modification die „Spitzpocke“, das Varioloid. Die durch künſtliche Ueber⸗ tragung oder Impfung erzeugte„Spitzpocke“(Vaccina) hat ebenfalls ihre Modification, welche„Vaccinoid“ genannt wird; und eine ganz leichte Form bildet noch die ſogenannte „Windpocke“(Windblatter, Varicella). Den unwiderleg⸗ lichſten Beweis dafür, daß hier nur von graduellen Ver⸗ ſchiedenheiten eines und deſſelben Grundleidens die Rede ſein kann, empfängt man dadurch, daß jede Muſterpocke durch Anſteckung Varioloiden und umgekehrt erzeugen kann, eben ſo wie die Vaccinirung bald eine wirkliche Vaccine, bald nur ein Vaccinoid zur Folge hat. Die intenſivere oder leichtere Form des Ausſchlags hängt offenbar von der ſtärkeren oder geringeren Dispoſition des Körpers zur Aufnahme und Ent⸗ wicklung der Blatterſeuche ab; denn die Pocke ſelbſt iſt ja nicht die Krankheit, ſondern nur deren ſymptomatiſcher Reflex auf der Körperoberfläche. Die Entſtehung von Varicellen wird deshalb, wo ſie bei epidemiſcher Pockenſeuche erſcheinen, bei geimpften Menſchen als Zeichen einer unvollkommenen Durchſeuchung, bei nicht geimpften als Beweis einer ſehr ge⸗ ringen Dispoſition zur Pockenkrankheit angeſehen.
Schon ſehr bald nachdem man die Menſchenpocken als beſondere Krankheit von andern acuten Ausſchlagsleiden abſcheiden gelernt hatte, machte man auch die Beobachtung, daß Menſchen, welche einmal davon befallen geweſen waren, gegen neue Anſteckungen wenigſtens lange Jahre hindurch vollkommen geſchützt blieben. Einige ſehr milde Pocken⸗ epidemien, bei welchen ſich die Leute abſichtlich der Anſteckung ausſetzten und die Krankheit glücklich überſtanden, regte ſchon
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zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hier und da die Idee an, ob man nicht durch abſichtliche Uebertragung des Pockengiftes milde Krankheiten erreichen könne, welche doch einen vollen Schutz gegen die epidemiſche Anſteckung gewähr⸗ ten. Man begann die Ueberimpfung der Menſchenpocken auf Geſunde. Aber die erzeugte Krankheit entſprach keineswegs conſtant dem Charakter desjenigen Falles, von welchem das Pockengift genommen war; oft rief vielmehr der Impfſtoff von einem ganz leichten Pockenkranken die ſchwerſte Form der Seuche hervor, freilich andere Male auch nicht. Im Ganzen beſtätigte ſich aber die Erfahrung, daß die verpflanzte Menſchenpocke die Intenſität der Seuche nicht milderte.— Um dieſelbe Zeit lernte man nun auch bei Kühen, Schafen, Pferden die Pocken als eine epidemiſche Krankheit kennen, von welcher der Menſch angeſteckt wird. Doch verlief ſie bei Menſchen ſtets und conſtant mit ſehr verſchwächter Wirkung auf den Geſammtorganismus, als ein faſt nur lokales, den⸗ noch gegen weitere Anſteckung von Menſchenpocken ſicher ſtellendes kleines Uebel. So entſtand zuerſt, angeregt durch den Schullehrer Plett in Holſtein, ein anfangs wiſſenſchaft⸗ licher, dann freilich auch religiös gefärbter Streit darüber, ob eine prophylaktiſche Inoculation der Thierpocken beim Menſchen anwendbar, und wenn, ob ſie vom Standpunkte der Religion zuläſſig ſei. Dieſe mit größter Heftigkeit ge⸗ führte Diskuſſion würde wohl auch noch lang auf ihrem theoretiſchen Standpunkt verblieben ſein, wenn nicht der engl. Arzt Dr. Edward Jenner(geb. 1749, geſt. 1823) bei einer abermals ausbrechenden Kuhpockenepidemie, nach lan⸗ gen Vorſtudien über das Verhältniß der Thierpocken zur Menſchenpocke, kühn und entſchieden die That gewagt hätte. Am 14. Mai 1796 impfte er zum erſtenmal von der Hand eines durch Kuhpocken angeſteckten Milchmädchens, Sarah Nelmes, einem Knaben, James Phipps, das Blattergift ein. Und als bei dieſem die Kuhpocken verlaufen waren, hatte er die Genugthuung, daß die demſelben ſpäter einge⸗ impften Menſchenpocken ohne alle Wirkung blieben. Allein ſo hart war der Widerſtand der Gelehrtenwelt, daß die Philosophical transactions ſeinem Aufſatze darüber die Aufnahme verweigerten. Er machte nun ſeine Entdeckung in einer beſondern Schrift bekannt(Inquiry into the causes and effects of the variolae vaccinae, London 1798; deutſch v. Ballhorn, Hannover 1799). Bald er⸗ hielt ſie die früher verſagte Anerkennung im reichſten Maße und verbreitete ſich ſchnell über ganz Europa und Amerika. Vor der Vaccination berechnete ſich die Menge Derer, welche jährlich in Europa den Pocken erlagen, auf 400,000. Jetzt ſteigt die Mortalität ſelbſt während der intenſivſten Pockenepidemien bei denen, welche von der wirklichen Variola befallen werden, nicht über ein Drittel der Erkrankungen; unendlich niedrig, faſt nicht durch Prozente ausdrückbar iſt ſie beim Varioloid, bei der Schutzpocke gleich Null. Ja, man will die Beobachtung gemacht haben, daß in den Impfwochen die gewöhnliche Stexblichkeit der Kinder geringer wird, als ſonſt, was wohl daher zu erklären iſt, daß die geimpften Kleinen während des Schutzpockenverlaufes mit größerer Aufmerkſamkeit und Sorgfalt gepflegt und gewartet werden. Zugleich haben die ſorgfältigſten Beobachtungen unwiderleg⸗ lich bewieſen, daß der Schutz wirklich überſtandener Men⸗ ſchenpocken gegen eine neue Anſteckung durchaus nicht größer iſt, als ihn die Impfpocken gewähren, ſei nun der Impfſtoff direkt von einer Thierpocke genommen geweſen, oder von einer regelmäßig gereiften Impfpocke. Und dennoch— faſt ſcheint es undenkbar— hat ſich gerad in unſerer Gegen⸗ wart wieder eine theologiſch gefärbte, nur ſogenannte medi⸗
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