Jahrgang 
1857
Seite
581
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noch unſere nächſten Voreltern rechneten ganz entſchieden den Keuchhuſten mit hierher, den man jetzt auch im großen Publikum überhaupt kaum mehr den Leiden zuzählt, welche der Menſch und namentlich das kindliche Altereinmal durchmachen muß. Nicht der Umſtand allein, daß er in ſeinen Erſcheinungen und ſeinem Verlaufe ſo gänzlich von den übrigenKinderkrankheiten abweicht, hat ihn im gewöhn⸗ lichen Sprachgebrauche außerhalb der collectiven Bezeichnung geſtellt. Es ſcheint in der That, als ſei der Keuchhuſten früher theils allgemeiner, theils bösartiger geweſen, als heut⸗ zutage; zugleich auch, als ſei er öfter in wahrhaft epidemi⸗ ſcher Verbreitung aufgetreten, was gegenwärtig nur noch bis⸗ weilen als lokale Ausnahmserſcheinung vorkommt. Inwie⸗ weit ſeine allgemein verminderte Bösartigkeit theils auf einer vernünftigeren körperlichen Kindespflege, theils auf rationel⸗ ler Behandlung des Uebels, theils darauf beruht, daß ſcheinbar ähnliche Huſtenkrankheiten nicht damit zuſammen⸗ geworfen und vermiſcht werden dies zu unterſuchen, kann ebenſowenig den nachfolgenden Zeilen zukommen, als über⸗ haupt ein Eindringen in das allerdings höchſt intereſſante, doch noch ſehr dunkle Gebiet der Frage, wie und warum beſtimmte Formen und Charaktere allgemeiner Krankheitszuſtände (Krankheitsconſtitution) im Laufe der Zeiten ſo auffallende Veränderungen erleiden.

Daran iſt dagegen ausdrücklich und ſehr weſentlich zu erinnern, daß die moderne Heilkunde, wenn ſie überhaupt noch vonKinderkrankheiten ſpricht, damit einen ganz an⸗ dern Sinn, als der gewöhnliche Sprachgebrauch verbindet. Ihr ſind ſie nicht ſolche Leiden, welche beſonders häufig bei Kindern vorkommen, ſondern ſolche, welche ſpeciell in der anatomiſchen und phyſiologiſchen Beſonderheit des kindlichen Organismus bedingt ſind, deren Möglichkeit alſo durch die erreichte Mannbarkeit oder noch in frühern Entwicklungsab⸗ ſchnitten aufgehoben erſcheint. Die Gelbſucht der Neuge⸗ bornen iſt z. B. eine ganz ſpezifiſche Krankheit der erſten Lebensweiſe, für welche ſpäter die nothwendigen Vorbedin⸗ gungen des Organismus entgehen. Aehnlich die Augenent⸗ zündung Neugeborner. Schon weiter herauf in das Kin desalter ſteigt der Croup, wozu die Neigung ausnahmsweiſe bis zur beginnenden Pubertät anhält. Skropheln dauern noch weiter in die Entwickelung der Mannbarkeit herein, kommen aber, wenn dieſe ſich regelmäßig vollzieht, niemals im reiferen Jugendalter zur Entſtehung. So ließen ſich noch eine Menge vonKinderkrankheiten bezeichnen, welche ih rem Weſen noch eben ſo lang möglich ſind, als der jugend liche Organismus jene Veränderungen und Bildungen noch nicht erreicht hat, von denen der Begriff der Reife abhängt. Aber weil eben der kindliche Organismus ſich ſehr weſentlich vom reifen unterſcheidet, zeigen auch manche, ja alle Krank⸗ heiten, welche in allen Lebensaltern möglich ſind, beim Kinde ganz weſentliche oder doch ſymptomatiſche Beſon⸗ derheiten.

In dieſem weitern Sinne gehüren ſie allerdings auch der ausübenden Viſſenſchaft zu den Kin rkrankheiten, weil ſich nach den gegebenen Verhältniſſen des kindlichen Organismus ihre Gelegenheitsurſachen und ihr Verlauf, ſomit auch die ärztliche Prognoſe und Therapie modifizirt. Aber die Wiſ⸗ ſenſchaftslehre kann ſie natürlich nicht als ſpezifiſche Kinder⸗ krankheiten, ſondern bloß als Krankheitsmodificationen im kindlichen Organismus anerkennen. Denn das weſentliche Moment der eigentlichen Kinderkrankheiten fehlt ihnen: die organiſche Unmöglichkeit, auch im ausgereiften Körper zu entſtehen. Freilichwird ſich ſelbſt auf den heutigen Stand⸗ punkten der Anatomie und Phyſiologie dieſe organiſche Un⸗

möglichkeit nicht immer und überall materiell beweiſen laſſen. In dieſem Falle bleibt eben die praktiſche Erfahrung, daß eine oder die andere Krankheit ausſchließlich bei Kindern beobachtet wurde, das vorläufig entſcheidende Kriterium.

Der Begriff der Kinderkrankheiten, iſt alſo im ſtreng wiſſen⸗

ſchaftlichen Sinn überhaupt ſehr unbeſtimmt und man darf es beinah nur einen Nothbehelf des Hangens am Gewohnten und Hergebrachten nennen, wenn er in der Wiſſenſchafts⸗ ſprache doch nicht gänzlich obſolet oder noch nicht allgemein durchKrankheitsformen des kindlichen Alters erſetzt iſt.

Ganz namentlich gehören aber jene Krankheiten Blat⸗ tern, Maſern, Scharlach, die wir ſelber dem allgemeinen Sprachgebrauch zu Liebe alsKinderkrankheiten zuſammen⸗ faſſen, weder zu den ſpezifiſchen Leiden, noch ſelbſt zu den beſonderen Krankheitsformen des kindlichen Alters. Viel⸗ mehr iſt keine Periode des menſchlichen Lebens vollkommen vor ihnen geſchützt, ebenſo wie ſie auch keineswegs eine ab⸗ ſolute Nothwendigkeit des körperlichen Entwickelungsganges ſind. Am meiſten könnte man dies etwa noch von den Ma⸗ ſern glauben, denn ſie befallen faſt alle Menſchen mindeſtens einmal. Ihrer Allgemeinheit zunächſd ſteht die Dispoſition zu den Pocken, obgleich gegenwärtig, wo die Schutzpocken impfung ſo allgemein, die diesfallſigen Beobachtungen kein beſtimmtes Reſultat geben können. Vom Scharlach werden dagegen viele Menſchen niemals befallen, wogegen wiederum dieſer noch am meiſten den Namen einer Kinder⸗ oder doch Ju⸗ gendkrankheit verdient, da er Aeltere nur ſehr ausnahms⸗ weiſe ergreift. Gemeinſam iſt allen drei Krankheiten zwei⸗ erlei: erſtens, daß ſie ganz außerordentlich ſelten bei ein und demſelben Menſchen zweimal vorkommen; ſodann, daß ſie ſämmtlich contagiös ſind, meiſtens epidemiſch auftreten und durch keine ſchon vorhandene Krankheit ausgeſchloſſen werden.

Doch zeigt ſich auch in dieſen gemeinſamen Eigen⸗ ſchaften noch einige Verſchiedenheit. So entwickeln ſich Pocken niemals ſelbſtändig, ſondern pflanzen ſich einzig durch Anſteckung fort. Der Anſteckungsſtoff, das Contagium, wird jedoch von jedem einzelnen Krankheitsfalle mehr oder minder vielfach reproducirt. Denn jede einzelne Pocke kann

wieder durch unmittelbare Berührung eine Pockenkrankheit

erzeugen worauf die Impfung beruht und ebenſo je⸗ der Krankheitsfall neue Anſteckungen durch miasmatiſche Ver⸗ breitung vermitteln. Doch gilt dieſe letztere Anſteckungs⸗ fähigkeit durch ein flüchtiges Contagium faſt nur bei ſehr in⸗ tenſiven Erkrankungen epidemiſchen Charakters. Bei den Maſern beruht das Contagium allerdings auch weſentlich im Inhalte der Ausſchlagsknötchen. Doch kann der An⸗ ſteckungsſtoff, welcher mäßig flüchtig iſt, auch durch die Aus⸗ dünſtung, Thränen des Kranken, ja ſogar durch dritte Per⸗ ſonen übertragen werden. Daß aber die Abſchuppungsperiode der Maſern die anſteckendſte ſei, iſt als irrig erwieſen. Ue⸗ brigens tritt die Maſernkrankheit ganz vorzugsweiſe epide⸗ miſch auf und zwar nicht blos in dichter, ſondern auch in ausgedehnter Seuche. Obgleich nun das Scharlach, es erſcheine ſporadiſch oder epidemiſch, gleichfalls ſtets An⸗ ſteckungsfähigkeit beſitzt, ſo wirkt doch ſein Contagium keines⸗ wegs ſo ſicher als dasjenige von Pocken und Maſern. Da⸗ gegen entwickelt ſich die Krankheit erwieſenermaßen auch ſelbſtändig, was bei den Pocken nie vorkommt und bei den Maſern wenigſtens ſehr zweifelhaft iſt. Sehr gern treten aber Pocken⸗, Maſern⸗ und Scharlachepidemien gleichzeitig auf, ohne dabei ſonſt eine Wechſelbeziehung hinſichtlich ihres gut- und bösartigen Verlaufes zu zeigen.

Dieſe häufige Gleichzeitigkeit ihrer Epidemien mag auch