Jahrgang 
1857
Seite
580
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Freiburger Fabrik leitet, iſt ſo gefällig, uns den ganzen Bil⸗ dungsgang zu zeigen.

Ueber jene Zeit, wo in den Freiburger Weinbergen die beſten Trauben ausgeſchnitten, geſammelt und ſodann gepreßt werden, gehn wir ſchnell hinweg. Der waſſerklare Wein wird in kleine wohlgeſchwefelte Fäſſer gefüllt, während meh⸗ rerer Monate der Gährung überlaſſen und ſodann mittelſt Schönung von Hauſenblaſe geklärt. Binnen 24 Stunden iſt dann der junge Wein in der Regel ſchon ganz hell, und wird nun auf ſorgfältig geſpülte Flaſchen abgezogen. In jedem Flaſchenhals wird indeß ein 2 Zoll leerer Raum ge⸗ laſſen, wegen der nun vor ſich gehenden Kohlenſäurebildung. Alsdann wird die Flaſche verkorkt. Der Arbeiter ſitzt vor einer kleinen, eiſernen Maſchine, welche einer kleinen Preſſe ſehr ähnlich ſieht. Zu ſeiner Linken ſtehen die gefüllten Flaſchen, zu ſeiner Rechten liegen die Pfropfen. Mit der linken Hand faßt er die Flaſche und ſtellt ſie auf ein zwiſchen ſeinen Beinen befindliches Stativ, welches ſich durch einen Tritt mit dem Fuße gerade unter den Stöpſel hebt, welcher in dem eiſernen Rohr der Maſchine durch einen eiſernen Zapfen ſo eingeklemmt wird, daß er gerade die Hälfte ſeines frühern Raumes einnimmt. Ein Schlag mit einem hölzer⸗ nen Hammer auf den Stöpſel, und er ſchiebt ſich um ein Drittel ſeiner Länge in den Hals der Flaſche, in welcher er ſich ſofort wieder ausdehnt und die Flaſche hermetiſch verſchließt.

Jetzt ergreift ein zweiter Arbeiter die Flaſche, nimmt dieſelbe zwiſchen die Beine und bindet den Pfropfen ver⸗ mittelſt eines pfriemenähnlichen Inſtruments mit Bindfaden feſt. Kreuzweiſe erfolgt der Verband, der obere Theil des Pfropfens preßt ſich wie eine Kappe auf die Mündung der Flaſche, und doppelte Drathbänder machen den Verſchluß noch feſter und ſicherer, denn drinnen in der Flaſche beginnt bald ein rebelliſcher Geiſt zu toben und ſich gegen ſeine Ge⸗ fangenhaltung mächtig zu ſträuben. Vorher findet indeß die ruhigere, ſtillere Periode der Gährung ſtatt, die wich⸗ tigſte Periode für den Fabrikanten. Die Flaſchen werden auf hölzerne Regale gelegt, den Boden gegen die Mauer, die Köpfe gegen den freien Raum, in dem eine Temperatur von 22 bis 25 Grad Reaumur beſtändig unterhalten wer⸗ den muß. Bald iſt die Gährung ihrer Vollendung nahe, denn am Boden des Glaſes zeigt ſich allmälig ein brauner Satz, der ſich vielfach veräſtelt. Nun beginnt der kritiſche Moment, der Gefangene revoltirt, es kracht, wie von Piſto⸗ lenſchüſſen und oft gelingt es ihm, ſeine gläſernen Kerker zu zerſprengen und ſich zu befreien. Es werden dann vielfache Beruhigungsmittel angewandt, um die Revolution zu be ſänftigen und um ihre Ausbrüche zu mildern und zu mäßi⸗ gen. Die Revolutionäre werden einige Zeit aufrecht geſtellt, damit etwas Kohlenſäure durch den Pfropfen entweicht, die Temperatur wird etwas gemäßigt, oder ſie werden in tiefere Keller gebracht.

Wenn der Wein nun wieder zur Ruhe gekommen und

der Gährungsprozeß beendigt iſt, wird er in die obern, ge⸗ räumigen und kühlen Räume gebracht, um den nöthigen Zuſatz von Liqueur zu erhalten, einem Gemiſch des feinſten Cognacs und des beſten, ausgeſuchteſten Zuckers. Vorher muß jedoch der braune Bodenſatz, der ſich bald bis zur Hälfte des innern Bauches der Flaſche angelegt hat, entfernt werden. Dies Geſchäft erfordert mehrere Tage und muß mit außer⸗ ſter Genauigkeit und Sorgfalt vorgenommen werden. Eine um die andere Flaſche nimmt der Arbeiter in die Hand, und zwar ſo, daß er nur mit den fünf Fingern den Boden der Flaſche anfaßt und eine ſchnelle zitternde Bewegung macht, wodurch aller Bodenſatz vom Glaſe losgelöſt wird, ohne daß

der ſich mit dem Weine vermiſcht. Zugleich werden die Fla⸗

ſchen immer mehr in eine geneigte Lage gebracht, bis ihre Stellung endlich eine ganz ſenkrechte iſt und ſich aller Boden⸗ ſatz in dem Hals der Flaſche angeſammelt hat. Sobald die⸗ ſer Moment da iſt, werden die Flaſchen degorgirt, d. h. von allen darin befindlichen Unreinigkeiten gereinigt.

Das Degorgiren der Flaſchen ſieht ſonderbar aus, und erfordert ebenſo viel richtigen Blick, als Gewandtheit; von dem richtigen Verfahren hängt die Klarheit des Weins ab. Der Arbeiter nimmt eine Flaſche nach der andern, ſtellt ſich vor einen Behälter, welcher ausſieht, wie ein kleiner Wand⸗ ſchrank und öffnet den Stöpſel, der mit einem Knall in den Schrank ſpringt. Derſelbe nimmt den Bodenſatz, der an ihm hing, mit ſich fort, und was von Unreinigkeit noch in der Flaſche iſt, nimmt der aus dem Hals der Flaſche aus tretende Schaum mit ſich weg. Die Flaſche wird wieder zugepreßt und nun erhält der Wein jenen Zuſatz von Cognac und Zucker. Jede Portion iſt ſchon für den Bedarf einer Flaſche berechnet; vermittelſt eines Bechers mit einem Trich⸗ ter wird der Liqueur hineingefüllt, der Wein ſchluckt die ſtarke und ſüße Mixtur hinunter und wird nun wieder neu gekorkt, zugebunden und der Pfropf feſt mit Draht umwickelt. Die Qualität des hinzugeſchütteten Liqueurs richtet ſich nach der Quantität des Weins und nach dem Ort der Verſendung. In geringen Jahren bedarf man mehr Zucker und Weingeiſt, als in beſſeren und der Wein, welcher nach England und Ruß⸗ land geſandt werden ſoll, bedarf mehr Zuſatz, als jener, wel⸗ cher nach Holland und Deutſchland geht.

Nach einigen Wochen werden die Flaſchen nochmals degorgirt und auf dieſe Weiſe der neuentſtandene Bodenſatz wiederum entfernt. Das Verfahren iſt, wie das erſte Mal, nur werden zum Verkorken neue Stöpſel genommen und nachdem ſie eingeweicht und in feinſtem Weingeiſt getauft ſind, wiederum mit der Maſchine eingetreten. Die neuen Korke werden, wie das erſte Mal, mit Bindfaden und Drath umbunden und umſchnürt, die Flaſchen werden mit Staniol umwickelt und mit Etiquetten geſchmückt. Zu 12, 25, 50 und 100 Bouteillen werden ſie in Körbe und Kiſten gepackt, und treten nun die große Tour durch die Welt an, bis zu welchem Moment wir den Bildungs- und Entwickelungspro⸗ zeß des neuen Weltbürgers begleiten wollten.

Aus der Krankenſtuhe.

IV. Rinderkrankheiten.

Jedermann weiß, daß der alltägliche Sprachgebrauch mit dem Sammelnamen der, Kinderkrankheiten faſt ausſchließend die drei acuten, fieberhaften Ausſchlagsleiden, Pocken, Scharlach und Maſern zuſammenfaßt, obgleich ſie, wie

ebenfalls Jedermann bekannt, ihrem Grundweſen, wie ihrer äußern Erſcheinung nach ſo ſehr verſchieden ſind. Auch hat ſich wirklich der Begriff derKinderkrankheiten in unſerer Gegenwart ſchon etwas excluſiver geſtaltet als früher; denn