Die neue Champagnerfabrik in Freiburg a. d. Unſtrut. Von Guſtav Raſch.
„Kellner, eine Flaſche Champagner“—„Cliquot oder Jacquesson?“„Haben Sie Jacquesson? Haben Sie Cliquot?“—„Befehlen, meine Herren, Sie können beide Sorten haben. Sie können auch Geldermann-Deutz be⸗ kommen.“—„Wir wollen erſt bei Cliquot und Jacquesson bleiben. Bringen Sie alſo zwei Flaſchen Cliquot und zwei Flaſchen Jacquesson.“—„Zu Befehl, meine Herren.“ Und der Kellner bringt vier Flaſchen mit weißen Köpfen und weißen Hälſen, die Dräthe und die Bänder werden gelöſt, die Pfropfen fliegen mit einem Knall an die Decke, der Cham⸗ pagner ſchäumt in den Gläſern, welche ausgetrunken werden, bevor der Schaum verflogen iſt, und die man von Neuem aus den in Eiskübel geſetzten Flaſchen füllt.„Der Cham⸗ pagner iſt vortrefflich“, heißt es, und Einer oder der Andere betrachtet ſich die großen Etiquetten, auf denen mit Gold oder Silberdruck die Firmen auf blauem Grunde glänzen.
Und was haben ſie häufig getrunken? Die Beeren, aus denen der Champagner bereitet iſt, ſind niemals auf dem Kalkboden der Champagne gewachſen, die deutſche Sonne hat ſie gereift, die Keller von Hochheim, von Lößnitz oder von Eßlingen ſind ſeine Geburtsſtätten, die Firmen von Cliquot Veuve und von Jacquesson et fils waren nur erborgte. Und doch haben ſie ihn für echt getrunken, er hat vortrefflich geſchmeckt, und warum auch nicht? Er hatte daſ⸗ ſelbe Feuer, denſelben Schaum, er perlte ebenſo, wie ſein echter Bruder aus den Kellern von Rheims und Epernay, die Pfropfen flogen mit derſelben Gewalt an die Decke, als die feſſelnden Dräthe gelöſt waren. Die Champagnerfabri⸗ kation iſt in Deutſchland ſo weit vorgeſchritten, daß oft der feinſte Weinſchmecker die deutſchen und franzöſiſchen Stief⸗ geſchwiſter nicht von einander zu unterſcheiden vermag, oder oft auch den nachgemachten Jacquesson dem echten vorzieht. Der bekannte Profeſſor O. L. B. Wolff in Jena war ein leidenſchaftlicher Champagnertrinker und gar oft hat er mit ſeiner feinen Zunge den„Eßlinger“ dem„Geldermann⸗ Deutz“ vorgezogen.
Die erſte Anregung zur Bereitung der deutſchen Schaum weine ging in Deutſchland von dem Profeſſor Wolf⸗ gang Döbereiner in Jena bereits in den zwanziger Jahren aus, deſſen Talente und ſcharfem Verſtande bekanntlich die
Gährungs⸗Chemie ſo Bedeutendes zu verdanken hat. Er war ein naher Verwandter von Guſtav Rawald, dem Grün⸗
der der neuen Champagnerfabrik in Freiburg. Die älteſten Champagnerfabriken mögen in Deutſchland die in Eßlingen und Würzburg errichteten ſein, welche bald nacheinander ent⸗
ſtanden. Seitdem ſind in Deutſchland nach und nach ungefähr
dreißig größere und kleinere Champagnerfabriken gegründet,
unter denen die von Koblenz, Lößnitz bei Dresden, Hochheim, der Abiturientenexamen, und wird, wenn er gut beſtanden hat, ſodann wohl gekleidet, oft ſogar ſtattlich und prächtig ange⸗
Grüneberg und Eßlingen zu den bedeutendſten zu zählen ſind. Sie machen ſämmtlich, wie man zu ſagen pflegt, glänzende Geſchäfte, die Lößnitzer Fabrik hat im vorigen Jahre ihren Actionären ſogar 14 Procent Dividende und 10 Procent zum Reſervefonds bezahlt. Dennoch ſteht die Production aller dieſer Fabriken in ihrer Quantität zu der Production der Champagne ſelbſt in einem nur geringen Verhältniß. Von allem Champagner, der in Europa alljährlich getrunken wird, produziren jene nach genauen Berechnungen höchſtens Ein Viertel, während die Champagne ſelbſt Drei Viertel liefert. Man trinkt alſo noch immer in der Welt weit mehr echten als unechten Champagner.
Die neue Champagnerfabrik zu Freiburg a. d. U. datirt ihren Urſprung aus der Mitte des vorigen Jahres. Der Gründer derſelben iſt der aus dem Jahre 1848 vielfach be⸗ kannte Weinhändler Guſtav Rawald aus Halle, welcher ſeinen Wohnſitz jetzt in Freiburg in dem früher Jahnſchen Hauſe hat. Der in der Umgegend von Freiburg wachſende Wein eignet ſich beſonders zur Champagnerfabrikation, indem der kalk⸗ und cementhaltige Boden der Freiburger Weinberge den dort wachſenden Trauben die ſcharf hervortretenden Eigenthümlichkeiten benimmt. Herr Rawald kam deshalb auf den Gedanken, an dieſem Punkte eine Fabrik auf Actien zur Anfertigung mouſſirender Weine zu gründen. Er ſchrieb am 28. Januar 1856 in Freiburg eine Verſammlung von Actionären aus, und in kurzer Zeit war bereits ein Actien⸗ capital von 30,000 Thalern gezeichnet. Die einzelne Actie beträgt 30 Thaler, welche je mit 10 Procent eingezahlt wird. Das Capital ſoll nöthigenfalls auf 50,000 Thaler erhöht werden. Die Quantität des zu erzeugenden Champagners aber ſoll jährlich wenigſtens 50,000 Flaſchen betragen.
Das Etabliſſement ſelbſt liegt auf einem Vorſprung des Rückens der Schweizerberge, ſehr frei und ſchön, und gewährt einen weiten Umblick auf alle hier das Unſtrutthal begränzenden Höhen, auf welchen die Trauben gezogen und ge⸗ pflanzt werden. Ein geſchmackvolles Gebäude, welches die Säle der Reſtauration und die Keller enthält, in denen der für die Fabrikation geeignete Wein aufbewahrt wird, und die daneben ſtehenden Remiſen ſind bereits fertig. Dieſem Gebäude gegenüber erhebt ſich augenblicklich das eigentliche Fabrikgebäude aus der Erde. Es wird zwei Stock über der Erde und zwei Stock unter der Erde enthalten, in den letztern ſind die Doppelkeller, in denen der Champagner ſeinen letz⸗ ten Prozeß durchmacht und ſodann aufbewahrt wird, be⸗ findlich, in den erſtern fermentirt er und erhält die nöthigen Zuſätze. Vermittelſt Flaſchenzüge wird er aus einem Raum dieſer ſeiner Geburtsſtätte in den andern geleitet.
Verfolgen wir nun den Bildungsprozeß unſres Frei⸗ burger Champagners. Begleiten wir ihn auf ſeinem Gange durch das Leben, natürlich nur bis zu dem Moment, wo er, mit wunderſchönen Etiquetten in Gold, Silber und Buntdruck verſehen, in Kiſten gepackt wird, und ſeine große Tour durch Europa oder wahrſcheinlich durch die Welt antritt. Bis dahin iſt ihm der Gang durch das Leben ganz genau und ſtufenweiſe vorgeſchrieben. Er durchläuft alle Stadien der Knabenjahre, der Lehre und der Erziehung. Er wird ge⸗ zähmt, aus einer Klaſſe in die andere verſetzt, er hat ſeine Flegeljahre, wie jeder kräftige und naturwüchſige Burſche, er wird geprüft und in höhere Klaſſen oder eigentlich, nach der Oertlichkeit, in tiefere Klaſſen gebracht, er macht ein
zogen, in die Welt geſchickt. Dann ſind ſeine Wege nicht mehr zu berechnen. Er iſt ſeiner eigenen Qualification und Vortrefflichkeit überlaſſen. Er reiſt durch Europa, über den Ocean nach Indien und Amerika und oft in die Cham⸗ pagne ſelbſt und beſucht ſeine echten und ſtolzen Verwandten, welche erſtaunen, daß er gerade ſo iſt und oft noch glänzen⸗ der, klarer, als ſie ſelbſt. Herr George Walther aus Mainz, welcher Jahrelang viele unzählige echte Verwandte unſrer Freiburger Kinder in Epernay und Rheims erzogen und ge⸗ bildet hat, und jetzt die Erziehung der Stiefgeſchwiſter in der


