Jahrgang 
1857
Seite
578
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Summe ihrer Arbeit= 4, wenn ſie aber ihre Thätigkeit ver⸗ V einigen= 16 u. ſ. w. Die erſte Stufe der Kombination der Arbeit iſt die einfache Vereinigung der Kräfte, das Zuſammen⸗ wirken Mehrerer bei einem und demſelben Arbeitsact. Man nehme nur die bloße Vereinigung von Muskelkräften zu einer mechaniſchen Verrichtung. Zu einem Reſultate, um welches hundert Menſchen einzeln, nach einander, ſich ver⸗ geblich abmühen, reichen oft ſchon die vereinten Kräfte von dreien oder vieren vollſtändig aus, wie beim Bewegen von Laſten, beim Jagen, Fiſchfang und dergl. Doch iſt dies noch das wenigſte, und erſt dann wird ſich ein ſolches Zuſammen⸗ wirken recht fruchtreich zeigen, wenn ſich die mannigfaltigſten geiſtigen, ſittlichen und körperlichen Kräfte, womit die Natur die Menſchen ſo verſchieden unter einander ausgeſtattet hat, zu größern Unternehmungen mit einander verbinden, was wir als die zweite Stufe einer ſolchen Kombination anſehn können. Es gilt z. B. eine Straße zu bauen, eine Eiſenbahn anzulegen, ein Land zu vertheidigen, einen Kanal zu graben. Die einen ſtellen ihre körperliche Kraft und Geſchicklichkeit, andere ihren Muth, jener ſeine Talente und Kenntniſſe, die⸗ ſer ſeine Energie und Umſicht zur Verfügung, und wir ſehen Werke entſtehen und Aufgaben gelöſt, an deren Verwirk⸗ lichung der Einzelne nicht im Traume hätte denken können. In den zuletzt gedachten, größern Unternehmungen tritt uns ein beſonders wichtiges Moment der fraglichen Kom⸗ bination entgegen: Die Theilung der Arbeit. Eine Anzahl Menſchen übernimmt mit vereinigten Kräften eine aus verſchiedenen Aufgaben zuſammengeſetzte Geſammt⸗ leiſtung, und vertheilt dieſe verſchiedenen Unteraufgaben in der Art unter ſich, daß Jeder eine andere davon entweder allein, oder mit mehreren Genoſſen zuſammen übernimmt. Und ſo fruchtbar iſt dieſes Princip, daß es nicht blos auf ver⸗ ſchiedene zu einer beſtimmten Unternehmung gehörige Ar⸗ beitsbranchen angewendet wird, vielmehr ſich in die letztern ſelbſt hinein immer mehr verzweigt, ſo daß man die früher in den Händen eines Einzigen geweſene Fertigung eines ge⸗ wiſſen Artikels ſoviel als möglich in eine Anzahl einfacher Verrichtungen zerlegt, von denen jede einzelne beſondern Ar⸗ beitern zufällt. Unſere Fabrikinduſtrie verdankt dieſer Einrichtung zum großen Theil ihre Erfolge und das bekannte Beiſpiel von der Stecknadelfabrikation, welches ſich ſchon bei Adam Smith ſindet, möge für alle anderen dienen. Das Geſchäft der Stecknadelfabrikation führt derſelbe antheilt ſich ohngefähr in 18 verſchiedene Verrichtungen. Einer zieht den Draht, ein Anderer richtet ihn, ein Dritter ſchrotet ihn, ein Vierter ſpitzt ihn zu, ein Fünfter ſchleift ihn am obern Ende, damit der Kopf aufgeſetzt werde. Die An⸗. fertigung des Kopfes erfordert zwei oder drei verſchiedene Verrichtungen, das Anſetzen deſſelben iſt ein eigenes Geſchäft, das Weißſieden der Nadeln ein anderes, ja ſogar das Ein⸗ ſtecken derſelben in Papier iſt eine Sache für ſich. Ich habe eine kleine Fabrik dieſer Art geſehn, wo nur zehn Leute be⸗ ſchäftigt waren, und deshalb einige derſelben zwei oder drei verſchiedene Verrichtungen über ſich nehmen mußten. Ob⸗ gleich dieſe Leute nur leidlich mit den nöthigen Maſchinen ausgerüſtet waren, konnten ſie doch, wenn ſie ſich anſtrengten, zuſammen etwa 12 Pfund Stecknadeln täglich liefern. Auf ein Pfund kommen über 4000 Nadeln mittlerer Größe, dieſe 10 Perſonen konnten daher täglich über 48,000 Na⸗ deln machen. Da auf Jeden hiernach der zehnte Theil kommt, ſo muß man es ſo anſehn, als verfertige er an einem Tage 4800 Nadeln. Wenn nun jene zehn Leute Jeder für ſich ge⸗ arbeitet hätten, ſo hätte keiner von ihnen 200 an einem Tage

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gemacht. Aber wie bedeutend auch die Leiſtungsfähigkeit der Arbeit durch die von uns ſo eben betrachtete Zerlegung in einzelne Verrichtungen, deren jede einem Andern zu⸗ fällt, gewinnt, ſo giebt es doch eine andere Form der Ar⸗ beitstheilung, die wir als den eigentlichen Höhepunkt bezeichnen möchten, da ſie den ganzen wirthſchaftlichen Pro⸗ ceß beherrſcht. Während in den früher bezeichneten Fällen ſtets eine bewußte Gemeinſchaft Mehrerer zur Realiſirung eines von ihnen Allen gewollten Zwecks Statt fand, ſehen wir hier ein Zuſammenwirken der verſchiedenſten Perſonen zu den verſchiedenſten Zeiten und an den verſchiedenſten Or⸗ ten mit dem großartigſten, und doch völlig außerhalb des eigentlichen Willenbereichs der Betheiligten liegenden Ge⸗ ſammtreſultat, welches ſich ganz von ſelbſt mit einer Nothwendigkeit ergiebt, ohne daß der Eine um die Thätigkeit, ja ſelbſt um das Daſein des Andern zu wiſſen braucht, wie wir ſogleich näher erörtern wollen.

Eine der Haupturſachen, weshalb die Menſchen einzeln für ſich und ohne fremde Beihilfe nicht im Stande ſind, ſich mit allen ihren Bedürfniſſen zu verſehen, liegt unſtreitig in ihrer verſchiedenen Begabung, welche ſie nur zu dieſer und jener, nicht aber zu allen den vielen und verſchiedenen dazu erforderlichen Verrichtungen befähigt, mit einem Worte alſo

in ihrer Individualität, der Grundform ihres Weſens.

So mußten dieſelben, durch die eigene Natur getrieben, als deren Ausfluß uns überhaupt der ganze wirthſchaftliche Proceß erſcheint, auf den einzig möglichen Ausweg verfallen. Anſtatt alle die ungeheuer vielfachen Arbeiten, von denen wirſprachen, vorzunehmen, widmet ſich Jeder nur einer einzel⸗ nen, beſtimmten Beſchäftigung, zu welcher er vorzugsweiſe Luſt, Geſchick oder Mittel beſitzt. Zwar gelangt er auf dieſe Weiſe unmittelbar nur zur Befriedigung eines und des an⸗ dern ſeiner Bedürfniſſe. Allein, indem er ſeine ganze Zeit und Kraft darauf verwendet, gewiſſe Artikel zu produciren oder gewiſſe Verrichtungen zu übernehmen, vermag er in einer ſolchen ſpeciellen Branche bei weitem Mehr zu leiſten, als er davon für ſich ſelbſt nöthig hat, und behielt einen be⸗ trächtlichen Ueberſchuß, welchen er dritten Perſonen zur Ver⸗ fügung ſtellen kann. Wenn nun dieſe ihrerſeits wiederum dieſelbe Methode beobachten und ſich beſondere Beſchäftigun⸗ gen ausſuchen, ſo iſt, bei der unendlichen Verſchiedenheit der Neigungen und Fähigkeiten unter den Menſchen, mit Sicher⸗ heit darauf zu zählen, daß alle nur denkbaren Richtungen von den Einzelnen eingeſchlagen werden, und kein Bedürfniß leer ausgeht. Demnach darf ſich Jeder verſichert halten, daß er für dasjenige, was er in ſeinem Zweige über den ei⸗ genen Bedarf ſchafft, Alles, was er zu ſeiner Exiſtenz außer⸗ dem nöthig hat, von Andern erhalten kann, voraus⸗ geſetzt, daß ſein eigenes Arbeitsproduct von der Art iſt, daß es jenen Andern ebenfalls zur Befriedigung irgend eines Bedürfniſſes dient. Der Eine z. B. fertigt Tuch, der An dere Kleider, Jener Schuhwerk, Dieſer Möbeln, noch Andere bauen Häuſer, treiben Ackerbau, Viehzucht, Jagd, Fiſche⸗ rei u. ſ. w., und Jeder von ihnen tauſcht diejenigen Leiſtungen und Producte, die er nicht ſelbſt gebraucht, gegen die Leiſtungen und Producte der Andern aus, ſoviel er davon wünſcht und ſoweit der Ueberſchuß ſeiner eigenen Production dazu hinreicht. Auf ſolche Weiſe nöthigt Jeden das eigene Intereſſe ſeinen Geſichtskreis zu erweitern, und, anſtatt des engen Gebiets der eigenen Bedürfniſſe, das Geſammtbedürf⸗ niß der Geſellſchaft in das Auge zu faſſen, weil er nur, in⸗

ſoweit er mit für das letztere ſorgt, auch zur eignen Befriedi⸗

gung gelangt.(Schluß folgt.)