Jahrgang 
1857
Seite
577
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Waſſer, eine umfaſſende Darſtellung des Weſens und der Macht dieſes Elements, iſt ſeine Reiſe in die Schweiz im Auguſt und September v. J. zu betrachten.Hier und in Spanien, bemerkte er ſelbſt,wurde meine Liebe zur Natur, in Weida und Tharand geweckt und gepflegt, gewiſſer⸗ maßen vergeiſtigt und geläutert.

Schließlich erwähne ich aus ſeinem äußern Leben noch ſeine Theilnahme an der Verſammlung der deutſchen Natur⸗ forſcher und Aerzte zu Wiesbaden 1852. Am Schluſſe der dritten öffentlichen Verſammlung ſprach er offen aus, und dieſen oft einſeitigen und halsſtarrigen Fachmännern gegen⸗ über gehörte kein geringer Muth dazu,es iſt ein an der Menſchheit begangenes Unrecht der Naturforſcher, wenn ſie ſich als die Beſitzer der Wiſſenſchaft betrachten, während ſie nur deren Verwalter ſind und die Verpflichtung haben, der Eigenthümerin derſelben, der Menſchheit, die Früchte ihrer Verwaltung abzuliefern. Roßmäßler ſelbſt hat ge⸗ wiſſenhaft als Verwalter die wiſſenſchaftlichen Früchte dem Volke abgeliefert.Die vier Jahreszeiten ſind eines der Hauptwerke des trefflichen Volksſchriftſtellers. Gebun⸗ dener und geſchloſſener tritt uns hier zunächſt der ganz richtige volkspädagogiſche Grundſatz entgegen: man muß die naturwiſſenſchaftliche Volkskelter an das Nächſte, Gegen⸗ wärtige anknüpfen und den verklärenden Geiſt der Wiſſen⸗ ſchaft gleich über die nächſte Umgebung gießen. Ferner iſt in dem Werke die Pflanze nach den Jahreszeiten(Frühling, Sommer, Herbſt, Winter) in den Vordergrund geſtellt wor⸗ den. Die Pflanze ſteht vermittelnd zwiſchen dem unorgani⸗ ſchen Reiche und den höhern organiſchen Gebieten(Thieren und Menſchen) und die Jahreszeiten werden darum durch nichts in der Natur augenfälliger und ſchärfer charakteriſirt, als eben durch die Pflanzen. Die Wahl des Stoffes ent ſpricht alſo vollkommen den Grundſätzen einer vernünftigen Volkspädagogik, eines geſunden Volksbuches. Wie ſteht es nun mit Formung des Stoffes? Der Stoff iſt in die alte, geheiligte Form des Kreislaufs eines Jahres geſchloſſen, die dem Volksſinn ſo lieb iſt und ihm noch ſo nahe liegt. Will man aber eine ſaubere, durchſichtige und klare objective Behandlung der Pflanzen leſen, ſo muß man zu dieſem Werke greifen. Neben jeder Analyſe ſteht die ſchöne, getreue Abbildung des betreffenden Objects in ganz vorzüglichen Holz⸗ ſchnitten, aus dem Atelier Kretzſchmar's in Leipzig. Man weiß kaum, was man mehr rühmen ſoll, den hellen, gediegenen Text oder die ſauberen Abbildungen und die ſchöne Ausſtat⸗ tung überhaupt.(Wir geben eine der ſchöneren Abbildungen, die umſtehende Spätherbſtlandſchaft, aus dieſem treff⸗ lichen Werke). Gerade zur Zeit, als das Werk unter der Feder war, machte ich dem Autor einen flüchtigen Beſuch und ſah die

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Rerſten gedruckten Bogen, die erſt noch von einer Mappe zuſam

mengehalten wurden.Sehen Sie da mein Lieblingskind! Und dabei fiel mein Blick auf die zumSprechen ähnliche gelbe Dotterblume(Caltha palustris). Man muß die Freude von Kindern über die trefflichen Abbildungen mit empfunden haben, wenn ſie das Original mit der Abbildung verglichen, um den wohlthuenden Eindruck, den das Buch macht, zu empfinden. Man ſei ſicher, das Volk wird von ſolcher Form und Art der Behandlung der Natur nicht laſſen wollen. Immer mehr und mehr wird das Bedürfniß erwachen, zu⸗ nächſt und vor allen Dingen die nächſte Umgebung verſtehen zu lernen, und hier wieder, die ſtille vom Unorganiſchen lebende und das Organiſche nährende Pflanze. Reine, ob jective, unverfälſchte Auffaſſung der Natur, das iſt die ſeltene Eigenſchaft, die uns in Roßmäßler und in den Jahreszeiten ganz beſonders und cha racteriſtiſch entgegentritt. Wir können uns in der That kaum ein ſchöneres Feſtgeſchenk denken, als dieVier Jahreszeiten, und wollen es zu dieſem Behufe allen Leſern desFeierabend, ſoweit ſie das Buch noch nicht kennen ſollten, recht nachdrücklich empfehlen.

Nach unſerer Auffaſſung gehört Roßmäßler, neben Bern⸗ ſtein in Berlin, zu den erſten naturwiſſenſchaftlichen Volks⸗ ſchriftſtellern. Zu dieſem Urtheile berechtigt uns ſeine reine, objective Naturauffaſſung, ſeine klare, plaſtiſche Darſtellungs⸗ weiſe, ſeine reinmenſchliche, humane Weltanſchauung, die nichts Fremdes und Störendes in die Thatſachen trägt, vor allem aber ſeine tiefe warme Empfindung, wie für die Natur, ſo

für die wahre Volksbildung, für wahres Volkswohl. Soll ich dieſe Sätze noch mit Stellen belegen? Wer nur einige Seiten ſeiner Schriften las, wird an dem Urtheil nicht mäkeln und mir gern dieſe Mühe erlaſſen. Doch ſei es mir wenigſtens vergönnt, mit ſeinen eigenen Worten zu ſchließen.Es wird, ſo ſagt er in d. M. im Sp. d. Nat.in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft nicht eher beſſer werden, die Gleichgül⸗ tigkeit oder gar Anfeindung zwiſchen Reich und Arm, Hoch und Niedrig wird nicht eher aufhören, als bis alle Schichten der Bevölkerung gleichmäßig von einem vernünftigen Men⸗ ſchenbewußtſein durchdrungen ſein werden, und dieſes kann nur geſchehen, wenn der geſammte Volksunterricht auf der Grundlage der eben angegebenen Naturanſchauung umgeſtal tet ſein wird. Dies, mein Freund iſt meine Anſicht, welche ſo klar und feſt vor meiner Seele ſteht, daß ich im Angeſicht der großen Noth des Volkes den Beſchluß gefaßt habe, den Reſt meines Lebens an die Löſung dieſer Aufgabe zu ſetzen. Dem Beſchluſſe folgten Thaten, folgten ſchöne Werke. Wer

möchte nicht wünſchen, daß die Löſung gelingen möge?

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Voöolkswirthſchaftliche Skizzen.

Von H. Schulze⸗Delitzſch.

VII. Rombination und Cheiſung der Arbeit.

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Die Möglichkeit, ſich einander Dienſte zu leiſten, welche in der Uebertragbarkeit der Arbeit und ihrer Früchte begrün det iſt, führt uns zu einem der wirkſamſten Hebel im Haus⸗ halt der Geſellſchaft, welcher die Ergiebigkeit der Arbeit, die Productionsfähigkeit des Menſchen in das Unendliche ſteigert, zur Kombination der Arbeit. Dieſelbe ſtellt ſich uns in mehrfachen Formen dar und beruht auf dem einfachen Grundſatze: daß mehrere, vereinte Kräfte durch ihr

Zuſammenwirken ein größeres Reſultat gewäh⸗ ren, als die Summe desjenigen beträgt, was ſie vereinzelt leiſten können. Hiernach ſteigert jede ein zelne Kraft durch ihre Vereinigung, ihre Leiſtungsfähigkeit, und zwar ſo, daß man den Unterſchied mathematiſch etwa durch das arithmetiſche und geometriſche Verhältniß aus⸗ drücken könnte: z. B. wenn 4 Individuen einzeln arbeiten, ſo iſt das Arbeitsreſultat eines Jeden zu 1. angenommen, die