Fleckchen mit allerlei theuren Elixieren und Pülverlein weg zu waſchen und zu reiben verſuchen, ſo verſuchten ſie's damals mit dem Thränenſalz. Beides hilft aber leider Nichts.— Selbſt als der liebe Gott der Frau Gertraud nach langem vergeblichen Harren und Wünſchen die Hoff nung gab, eines Kindleins zu geneſen, und die Freude darüber in beiden Eltern groß war, vermaß ſie ſich doch noch eines Tages zu ſagen:„ſie wolle ein ſchönes Kind haben, möge es dann auch lahm, taub oder ſtumm ſein!“ Johannes Fiſcher bekreuzte ſich bei dieſem frevelhaften Ruf und rief alle Heiligen an ihn zu verwehen. Als aber die kleine Eliſabeth wirklich geboren war, da ſagte die Mutter ſchluchzend:„Dank der heiligen Jungfrau, daß unſer Töchterlein da iſt! Mag es nun ausſchauen wie ein Bär, es gilt mir gleich, hab' ich doch nun ein Kind! Wie gern will ich jetzt häßlich ſein und bleiben mein Lebtage!“— Aber welche doppelte Seligkeit, als das Kind ſie mit den ſchönſten blauen Augen anſah, die man ſich nur denken konnte, und in den weißen Laken lag, als ſei es ein friſch gepflücktes Roſenknöspchen. Als es wenige Wochen alt war, da wunderten ſich ſchon alle Nachbarinnen über das kluge Geſichtchen, und die runden ſchönen Glieder. Und wie früh lächelte es! Niemalen hörte man es weinen! Wie zeitig griff es mit den Händen nach glänzenden Dingen, wie dreiſt trat es mit den Füß— chen auf. Wenige Monden ſpäter aber gab es viel Thrä⸗ nen und Herzeleid im Hauſe des Malers, wer durfte noch zu zweifeln wagen, ein großes Unglück hatte die beiden Eltern betroffen: Eliſabeth war ſtumm geboren. Die Strafe jenes Frevelwortes war alſo gekommen und das reuevolle Mutterherz wollte Anfangs ſchier darüber brechen. Wie ſich jedoch das Menſchenherz allmählig ſo⸗ gar an das Traurigſte gewöhnt und das Weinen gemein⸗ niglich bald genug zu verlernen pflegt, ſo auch diesmal. Vater und Mutter ließen endlich ab ſo gar tiefes Leid zu tragen um das Stummſein ihres einzigen Kindes, insbe⸗ ſondere als die Kleine ſonſt ſo fröhlich unde kräftig heran⸗ wuchs und ſo lieblich zu ſpielen und zu lächeln wußte. Schön wurde es, juſt wie es Frau Gertraud gewünſcht, gar wunderſchön, das ſagte ſich die Mutter wohl täglich tauſend Mal zum Troſte, und der Vater malte fortan alle Engelein genau wie ſeine Tochter Eliſabeth. Wenn das Kind ſo ſinnig mit Blumen oder bunten Steinen auf der Bank unter der Ulme ſpielte, ſo blieb gar Mancher ſtehen und ſchaute voll heimlicher Freude zu, und vergaß das holdſelige Antlitz nimmermehr. Auch an den Sonn⸗ tagmorgen, wenn es ſchön und mild war und Vater und Mutter in die Meſſe gegangen, pflegte Eliſabeth unter dem Baume zu ſitzen und andächtig hinzuſchaun nach dem hohen Dome, aus deſſen geöffnetem Portale Weihrauch⸗ duft und Orgelklänge drangen. Das Kind konnte die An⸗ dächtigen knien ſehen, und das hohe Bogenfenſter, hinter welchem das Licht der ewigen Ampel zitterte. Fromme Schauer machten dann ihre Wangen erblaſſen, und falte⸗ ten ihre Hände. Kein Kirchengänger zog an dem Mäd chenbilde vorüber ohne einen Gruß oder ein Lächeln, und gar Manchem erſchienen dann die gemalten Geſtalten der heiligen Frauen, wie ſie im Dom zu ſchaun, nicht halb ſo ſüß und holdſelig als das ſchlanke Kind unter der Ulme. Braune Haarflechten lagen ſanft an den feinen roſigen Wangen, ſchwere Locken hingen über den Nacken. Zier⸗ lich, in ihrer ſchlichten Einfachheit war ihre Kleidung, zierlich die Hände und Füße, unſagbar anmuthsvoll das Lächeln ihres kleinen Mundes, und hell und keuſch wie
Mondenlicht die Blicke ihrer blauen Augen. Unter den Frommen, die allſonntäglich zum Dome wallten, war auch ein größerer Knabe, der einzige Sohn und Erbe des reichen Kauf⸗ und Handelsherrn Chriſtian Mayr, der konnte niemalen an dem Malertöchterlein vorüber wan⸗ deln ohne ihr eine ganz ſonderliche Aufmerkſamkeit zu be⸗ weiſen. Bald warf er ihr, mit Vorſicht ein gewaltiges Stück hinter dem ſteif aber ſtattlich daherwandelnden Vater zurückbleibend, eine ſchöne Blume zu, bald legte er eine ſeltene Frucht auf die Bank, bald ſchüttete er eine Hand voll bunter Steine vor ihr auf den Boden. Er that das Alles Anfangs recht ungeſchickt und ſo ſcheu als ſei ſolches Thun eine große Sünde; erſt nach und nach legte er ihr ſeine Gaben auf die Knie, zuletzt gar in die kleine Hand, wenn auch heißerröthend, und ſo kam es denn endlich, daß er ſtehen blieb und ein ſchüchternes Wort laut werden ließ, dem zur Antwort ein wunderſam kluger Blick oder Lächeln wurde. Aus einem mitleidigen Wört⸗ chen zu der Stummen wurden bald mehrere, und am Ende aller Enden gar eine Plauderſtunde. Freilich mußte Georg allein plaudern, Eliſabeth redete ja in ganz anderer Weiſe zu ihm, allein wie ſchnell lernte er ihre ſeltſame Sprache verſtehen und wie lieblich dünkte ſie ihm. Alle ſeine Freiſtunden brachte bald der Sohn des reichen Handelsherrn im Hauſe des armen Malers zu. Johannes Fiſcher verſuchte dann die Kinder zeichnen zu lehren. Wunderbar verſtand und erkannte das Mägdlein die An⸗ fänge dieſer Kunſt, und ihre Fortſchritte verwunderten und erfreuten das Vaterherz nicht wenig. Georg erwies ſich dagegen ungeſchickt, ſeine ſchiefen und abſonderlichen Striche und Schnörkel ließen Eliſabeth eines Tages heiter lachen. In gar neckiſchem Uebermuth ſchüttelte ſie ihr lieblich Haupt, und ſchlug in die Hände vor kindiſcher Luſt, mit dem Zeichenſtift immer und immer wieder auf des Knaben mißgeſtaltetes Werk weiſend. Da überkam der Zorn den Geſpielen, hochroth und bebend riß er ihr den Stift aus den Händen und rief:„Du ſollſt aber auch nicht mehr zeichnen, wenn ich nichts lernen kann. Ich will nicht, daß Du mehr wiſſeſt als ich! Zeichnen iſt auch nimmermehr eines wackern Mägdleins Arbeit, das kommt ihr zu thun nicht zu, Nadel und Scheere gehören in ihre Hände. Ein Mägdlein, ſo den Zeichenſtift führt, könnte ich nimmer lieb haben! Niemand könnte es, weil es eben Ungehöriges thut.“—
O wie ſchaute ihn Eliſabeth an, auf ſolche Worte!— Wie war ſie ſo blaß geworden, wie ſtiegen ganz allmählig helle Thränen in die großen Augen, wie faßte ſie leiſe und ſcheu endlich ſeine Hand. Dann nahm ſie den Zeichenſtift ſanft aus ſeiner Hand, er ließ es willig ge⸗ ſchehen, warf ihn auf den Boden und trat feſt mit dem kleinen Fuße darauf. Wie ſie dabei die Hände gegen ihn bewegte in allerlei ſeltſamen Stellungen, wie ſie ihn an— ſchaute und endlich ſo demüthig mit gekreuzten Armen und geſenktem Haupte vor ihm ſtand, da wußte er, was ſie ihm hatte ſagen wollen. Wie im Traume ſchaute er zu, wie ſie eine Nadel und Scheere aus ihrem Käſtlein nahm und feſt an ihre Bruſt drückte. Ihre Augen ſagten deutlicher als alle Worte der Welt:„ich will getreulich thun, was Du mir geboten, damit Du mir gut bleibeſt immerdar!“
Seit jener Stunde berührte Eliſabeth keinen Zeichen⸗ ſtift mehr, ſo ſehr auch der Vater deshalb ſchalt.— Allein ruhen konnten ihre kleinen Hände doch nimmer, es war ja die wunderbare Gabe der Geſtaltung in ihr, und wo die in eines Menſchen Seele gelegt wurde, da ſteigt ſie au's


