Jahrgang 
1857
Seite
573
Einzelbild herunterladen

Licht, wie der Sage nach verſunkene Schätze aufſteigen aus den Fluthen um in den Sonnenſtrahlen eine Weile zu flimmern und zu blitzen. Jedes Stück Pergament wußte das Mägdlein auf ſeltſame Weiſe zu beleben. Sie ſtach mit ihrer Nadel Sterne darin aus, oder Blumen, dann auch Menſchen und Thiergeſtalten, endlich ſogar ganze Gruppen, und zuletzt fing ſie an in ſolcher Art Bilder zu copiren, mit einer ſo wunderbaren Treue und Geſchicklichkeit, daß ganz Augsburg herbeiſtrömte die Schöpfungen des ſchönen ſtummen Kindes zu ſehn. Georg hatte an dieſen Arbeiten ſeine helle Freude und ſah dem Kinde oft Stundenlang zu, wenn ſie ſo Pünktlein nach Pünktlein aufſetzte mit unermüdlicher Geduld. Zu Zeiten ſchauten ſie ſich dann freundlich in die unſchuldigen Augen, und wenn ſie dann ſich trennten, waren beider Herzen voll wunderſüßer Märchen und Bilder. Der Sohn des reichen Handelsherrn hatte keine Mutter mehr, ſein großes Haus, allwo er mit ſeinem allzeit rechnenden Vater und einem geſtrengen geiſtlichen Hofmeiſter lebte, erſchien ihm ſo öde, er ſchloß ſich auf wie eine Knospe im Sonnen⸗ ſchein in der Wärme von Eliſabeths Augen. An dem Maler und ſeiner Ehefrau hing er bald wie an leiblichen Eltern. So gingen die Tage hin, ungezählt, und wurden zu Monaten und Jahren. Eliſabeth trug jetzt ſchon eine

zierliche Sammethaube, unter welcher das junge Antlitz

gar holdſelig hervorſchaute, und wohl Mancher betete ſchon ihretwegen ſein Ave minder andächtig, wenn er ſie im Dome neben ihrer Mutter knien ſah, und neidete das Marienbildniß, woran ihre Augen ſo inbrünſtig hafteten.

Aber eine Wolke kam plötzlich und verdunkelte das Sonnenlicht ihres ſtillen frohen Lebens. Eines Tages gebot der reiche Handelsherr ſeinem nun ſechzehnjährigen Sohne ihn auf einer großen Reiſe nach den Niederlanden zu begleiten, allwo ihre Geſchäftsfreunde lebten. Das Gebot kam ſo plötzlich, daß Georg kaum noch Zeit behielt, in das kleine Haus gegenüber dem Dom zu ſchlüpfen und dort die wichtige Kunde mitzutheilen. Es war indeß kein Leid in ſeinem hübſchen Angeſicht, als er ihnen erzählte

was ihm bevorſtand. Strahlend vor Freude redete er zu ihnen von neuen wunderbaren Dingen, die er ſchaun werde, und von der großen Stadt Amſterdam, von der man ihm geſagt, daß ſie im Waſſer ſchwimme wie ein Fiſch. Auch nach Antwerpen wollten ſie ziehn und Georg verkündete, daß er allda große Kauffarhteiſchiffe ſehen werde, die faſt ſo groß wie der Augsburger Dom. Der alte Maler trug ihm auf ſich angelegentlich nach den berühmten Meiſtern zu erkundigen, und insbeſondere ſich die herr⸗ lichen Bilder der Gebrüder van Eyk wohl anzuſchauen, ſo wie den Urſula⸗Schrein des Hans Hemmling und die Werke des Quintin Meſſis und Anderer. Frau Gertraud ſtand verwundert dabei und hörte zu, von Zeit zu Zeit aber in echt mütterlicher Weiſe an Georgs verſchobener Halskrauſe zupfend, oder ein Stäubchen wegwiſchend von

gelegentlich zu, daß er ihr berichten möge, wie ſich die Frauen in Antwerpen kleideten, und ob die Schneppen ihrer Sammethauben länger als die ihre, und ob die Täſchlein an der rechten Seiten niederhingen oder an der linken. In all dieſes Hin- und Wiederreden ſchien die Sonne gar luſtig hinein, und durch die runden Scheiben ſah man die alte Ulme im Winde ſchwanken. Als endlich der Knabe aufſtand zu ſcheiden und ſeiner Geſpielin die Hand hinreichte zum Abſchied, da ſenkte ſie den Kopf um ihn nicht anzuſehn, aber helle Thränentropfen fielen auf ſeine Hand, die ſie feſter und feſter hielt. Da überkam ihn auch plötzlich ein bitteres Weh und er fiel ihr ſtürmiſch um den Hals, küßte ſie zu tauſend Malen und ſagte immer wieder:bleibe mir gut Eliſabeth! In zwei Jahren bin ich wiederum bei Dir!

Sie ſchenkte ihm noch eines ihrer kunſtreichen Nadel bilder, das ſie juſt vollendet, es zeigte den heiligen Georg wie er den böſen Lindwurm erſticht, und er ſchnitt ſich dagegen mit ihrer Scheere eine Locke vom Haupte und gab ſie ihr. Am nächſten Morgen lagen die Thürme von Augsburg im Nebel hinter ihm.

(Schluß folgt.)

E. A. Rossmässler,

der naturwiſſenſchaftliche Volksſchriftſteller.

Von H. P.

Am 15. Mai 1848 wurde im 22.(pirnaiſchen) Wahl⸗

bezirk des Königr. Sachſen für das Frankfurter Parlament ein Mann gewählt, der nur zweimal die Rednerbühne betrat (für die Volksſchule und gegen die Todesſtrafe). Er war

Profeſſor. Da er aber wenig redete, ſo wurde auch wenig

Redens von ihm gemacht, d. h. er unterſchied ſich weſentlich von ſeinendoctrinären redſeligen Collegen, die über vielen Worten die That vergeſſen und dann ſpäter mit Recht ſo ſehr in Verruf kamen. Roßmäßler hatte ſeinen Platz auf der linken Seite des Hauſes genommen; denn ſein Herz ſchlug warm nur für das Volk. Er hielt feſt zur kleinen Partei, welche die große Maſſe vertrat, und ununterbrochen nahm er an den Sitzungen und Beſchlüſſen der National⸗ verſammlung bis zur gewaltſamen Auflöſung in Stuttgart, am 18. Juni 1849, Theil. Die Mitglieder des Rumpf⸗ parlaments zerſtoben. Einige wanderten in's Exil, andere

in das Gefängniß, wenige nur ſahen ihre Heimath wieder;

denn hier erwartete ſie der Prozeß, und wer ein Amt hatte, mindeſtens Amtsentſetzung. Die Reaction ergoß ſich gleich einer reißenden Fluth über das deutſche Land. An die Stelle der jugendlichen und begeiſterten Lebendigkeit und Strebſamkeit des Volkes und ſeiner Führer trat eine bäng⸗ liche, unheimliche Grabesruhe und Niedergeſchlagenheit. Den Sprechern ward die Zunge, den Denkern das Hirn und den Handelnden wurden die Muskeln gelähmt. Auf him⸗ melhohes Jauchzen folgte Betrübniß bis zum Tode. Die vorher Lauteſten wurden nun die Schweigſamſten, die ſchein⸗ bar Kühnſten zeigten ſich als die Feigſten, die angeblich Thatenkräftigſten als ein ſchwaches Rohr, das vor dem erſten Luftzuge zuſammenbrach, ja ſelbſt den großen Denkern blieb der Verſtand ſtill ſtehen. Dieſe Zeit der ſtärkſten Re⸗ action und der tiefſten Lethargie auf der Seite des Volkes wurde zu einer wahrhaften Prüfungszeit, zu einem Läu⸗ terungsfeuer, das das edle Metall von der Schlacke, zur

ſeinem ſammetnen Puffenwamms. Sie flüſterte ihm auch