leute bedeutende Subſidien geleiſtet, und zwar waren es nicht Innungen, ſondern Einzelne, welche die Vorſchüſſe machten, auf Verpfändung von Ausfuhrzöllen, königliche Domänen; auch die Ausbeutung der Zinnbergwerke mußte man ihnen überlaſſen, wie heute in Spanien das Haus Rothſchild die Queckſilberberg⸗ werke von Almaden unter ſich hat. Es gab ſogar einen Zeitraum, wo die wirkliche engliſche Krone den deutſchen Kaufherren ver⸗ pfändet war. Als ſolche weſtphäliſche Rothſchilds des Mittel⸗ alters werden genannt zwei Brüder Klipping, Johannes von der Beck, Tidemann Spiſenagel, Hildebrand Ludermann, na⸗ mentlich aber Tidemann Lymbergh, welcher der Geldkönig der damaligen Zeit geweſen zu ſein ſcheint. Dieſe deutſchen Bankiers benutzten die Verbindlichkeit ihrer Gläubiger, um ſich zu Gunſten des deutſchen Handels Zugeſtändniſſe machen und die hanſeatiſchen Privilegien beſtätigen zu laſſen. Gegen das Ende des 15. Jahr⸗ hunderts ſtrebten die Engländer zu commerzieller Selbſtthätig⸗ keit empor und ſie benutzten einen Vorwand um die Rechte der Hanſeaten zu caſſiren; aber dieſe erhoben ſich noch einmal zu ihrer vollen Größe und legten nach zweijährigem Kampfe im Jahr 1472 den Engländern einen ſchmählichen Frieden auf, deſſen Ur⸗ kunde auch von zwei weſtphäliſchen Städten, Dortmund und Münſter, unterzeichnet war. Es war freilich der letzte große Erfolg. Die weſtphäliſche Induſtrie des Mittelalters zerfiel ſo, daß wir uns mühſam nach einigen leiſen Spuren derſelben um⸗
gegenſeitig verfolgt haben und der ſeinen ganz natürlichen und zureichenden Grund in dem Intereſſen⸗Zwieſpalt beider Natio⸗ nalitäten hat. Ein ſtarkes, zumal ſlavophiles Rußland iſt der
nationale Ruin Deutſchlands, ein mächtiges Deutſchland bricht die
ſehen müſſen, der Handel der nordiſchen Städte ſank herab bis
zur Bedeutungsloſigkeit und die großen Capitalien jener Zeit zerfielen oder wurden in die Fremde hinausgetrieben. Durch das Emporkommen großer Reiche ringsum auf ſich ſelber zurück⸗ geworfen, unter ſich uneinig, auf ein weites, nicht genugſam zu⸗ ſammengefaßtes Erdreich zerſtreut, mit den Feudalherrn in Fehde, von Kaiſer und Reich getrennt,— ſo ſchwinden Macht und Reichthum der Hanſeaten dahin, ſo daß Juſtus Möſer ein⸗ mal ſagen konnte: wenn er den Kaufleuten der Hanſeſtädte von der Macht und Größe ihrer Vorfahren erzählte, ſo hätten ſie ihm keinen Glauben geſchenkt;— während England durch das Zu⸗ ſammenwirken ſeiner geſellſchaftlichen und politi⸗ ſchen Faktoren, des grundbeſitzenden Adels, des Volks mit ſeinem beweglichen Eigenthum und der Krone zu ſeiner gegen⸗ wärtigen Bedeutung emporſtieg.
Das„Weimarer Sonntagsblatt“ theilt, ohne Zweifel als „kulturgeſchichtliche“ Curioſität, den Brief eines ruſſiſchen Fürſten W. Odojeffsky über die Weimarer Septembertage mit, der uns allerdings gar merkwürdige Dinge berichtet.„Es war nicht nur ein Feſt Germaniens,“ ſagt der ruſſiſche Briefſteller.„Im entfernten Norden iſt ein Land, wo man ſowohl die Namen als die Thaten Carl Auguſts und ſeiner ruhmwürdigen Nachkommen kennt, wo die Namen Goethe, Schiller, Herder, Wieland Jedem ebenſowenig fremd ſind.“ Das haben wir freilich bisher nicht gewußt und es bedurfte des kulturgeſchichtlichen Cosmopolitis⸗ mus der Weimarer Hofräthe um uns zu belehren, daß die ruſſi⸗ ſchen Leibeigenen für Schiller und Goethe ſchwärmen und ſich vor den Büſten von Wieland und Herder auf die Knie werfen. Doch iſt dieß nur die Einleitung zu andern, nicht minder inte⸗ reſſanten Enthüllungen.„Nicht umſonſt,“ fährt der Ruſſe im „Weimarer Sonntagsblatt“ fort,„ haben ſeit lange Bruder Germane und Bruder Slave ſich die Hand gereicht. Ein tiefer Sinn liegt in dieſem brüderlichen Vereine.“ Der Weimarer kulturgeſchichtliche Verein, deſſen Vorſtand, Herr Biedermann, das Weimarer Sonntagsblatt redigirt, muß ganz neue hiſtoriſche
politiſche Machtſtellung Rußlands. Das iſt ſoeinfach, daß ſelbſt die unmündigen Kinder es begreifen können; nur den Hofräthen von Weimar ſcheint ihr Cosmopolitismus das Verſtändniß umnebelt und die Affektation einer Verehrung des deutſchen Geiſtes den Patriotismus beſtochen zu haben. Daß deutſche 5 ürſten ruſſiſchen Zaren die Hand reichen und ſie Brüder nennen, wiſſen wir; im übrigen aber hat dieſes hohe Beiſpiel Gott ſei Dank! noch wenig Nachahmung in Deutſchland gefunden, und wenn die Weimarer Hofräthe dieſe deutſch-ruſſiſche Brüderlichkeit verallgemeinern wollen, ſo ſind wir da um dagegen zu proteſtiren. Wir ſind nicht Brüder der Slaven und wollen es auch nicht ſein. Wir zweifeln nicht daran, daß man in Rußland in der Brüderlichkeit der Ruſſenfürſten mit den deutſchen Höfen einen„tiefen Sinn“ findet, aber eben um dieſem„tiefen Sinn“ zu begegnen, halten wir es für angemeſſen herauszuheben, daß die deutſch⸗ſlaviſche„Brüder⸗ lichkeit“ ſich ganz ausſchließlich auf die Fürſten beſchränkt, die Nation aber keinen Theil, nicht den allerkleinſten, daran hat. Wir haben durchaus nichts dagegen, wenn die Ruſſen ſich an unſrer Literatur bilden, und Goethe und Schiller, die ganze deutſche Bildung als Lehrmeiſter betrachten wollen. Wir unſerer Seits haben von Rußland ganz andre Dinge erfahren, als daß es der Schüler Deutſchlands ſei und wir ſind nicht einfältig genug um uns durchlein Paar Complimente an den„deutſchen
Genius“ ködern zu laſſen und die Schlange zu überſehen, die
Quellen aufgefunden haben. Die gewöhnliche Geſchichte weiß
von deutſcher und ſlaviſcher Brüderlichkeit nichts, ſie hat nur den allerausgeſprochenſten Haß verzeichnet, mit welchem ſich dieſe
Völker von den erſten Anfängen ihrer geſchichtlichen Berührung
unter dieſen Roſen verſteckt iſt.
Ein unglücklicher Mann, dieſer Verfaſſer der„Literatur⸗ Briefe“ aus England im„Magazin für die Literatur des Aus⸗ landes!“ Ebenſo wie dem bekannten Correſpondenten der Nat. Ztg. aus London, dem unſer Literaturbriefſteller in Allem nachmacht, iſt auch ihm der Sinn für Wahrheit und Geſchichte im blinden Haß und im lächerlichen Haſchen nach geiſtreichen Pointen völlig abhanden gekommen. Ebenſo wie die Nat. Ztg. ſich genöthigt ſah Herrn Bucher faſt vollſtändig abzuſchaffen, wird auch der Briefſteller ſchwerlich mehr lange in einem deutſchen Blatte möglich ſein. Was ſoll man z. B. zu der folgenden Expektoration ſagen:„In England ging der Geiſt des Mittel⸗ alters verloren und nur deſſen grober Feudalismus blieb in Form von Burgen und Privilegien der„regierenden Klaſſen“ ſtehen; Burgen und Privilegien, in denen das Rieſenkind des Mittelalters, die Ehre, und ihre Schweſter, die Treue, keine Tempel und Altäre haben. Es iſt das kahle und gewiſſenloſe, nur für den Tag berechnete Klaſſen-und Perſonal⸗Intereſſe, welches in dieſen Burgen und von da aus gegen alle Welt als perfidious Albion politiſirt. Wenn dabei von Ehre die Rede iſt, denkt man an die nationalengliſche Erklärung Fallſtaffs und handelt darnach.—— Darin liegt weſentlich die Begründung der ſich immer mehr beſtätigenden Hypotheſe, daß weder Eng⸗ land noch Amerika in ihrer bisherigen Conſtruction eine ge⸗ deihliche Zukunft haben können?“— Eine Widerlegung bedarf ſolcher Unſinn nicht, wohl aber mag die Frage am Platze ſein, wie ein ſonſt ſo verſtändiges Blatt durch einen unwiſſenden Schwätzer ſich um ſeinen guten Ruf mag bringen laſſen.
In G. H. von Schuberts Selbſtbiographie findet ſich ein fabelhaft klingendes Beiſpiel von Verbreitung einer Schrift. Der Mittheilung Schuberts zufolge iſt nämlich des bekannten Dr. Chr. Barths in Calw bibliſche Geſchichte bis 1856 110 Mal neugedruckt und in 550,000 Exemplaren unter dem deutſchen Volk verbreitet worden. Außerdem ſind davon in Ungarn zehn


