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Herrſchaft wird.— Unterdeſſen ſtehen die Wogen der europäiſchen Geſchichte nicht ſtill. Unmittelbarer, vielſeitiger als von Indien branden bereits die gewaltigen Rückſchläge der noch unbemeß⸗ baren Finanzkriſis Nordamerikas an unſeren Continent. Was der engliſchen Induſtrie und Gewerbthätigkeit Indien, das iſt der feſtländiſchen der ungeheure amerikaniſche Markt. Ja, man könnte die Analogie wohl noch weiter führen, man lönnte ſagen, durch die continentale Auswanderung nach Amerila reichen deſſen Bezüge ähnlich tief ſelbſt in unſer Familienleben herein, wie das indiſche Leben in das engliſche. Jener ungeheure amerikaniſche Markt entbehrt aber jetzt eben der Tauſchmittel, um die Produkter unſerer Arbeit einzuhandeln. Unermeßliche Waarenmaſſen lagern dort aufgeſtapelt, ohne gekauft zu werden, für die erhandelten bleibt die Zahlung aus, die theuer erworbenen werden theilweiſe um Schleuderpreiſe auf den europäiſchen Marlt zurückgeworfen. Das Korn wird und muß für den Augenblich eine Verwohlfeilung mancher Bedürfniſſe des Alltagslebens herbeiführen. Aber die
Waarenhändler des Continents müſſen eben ſo folgerecht ihre
Beſtellungen beim Fabrikanten vermindern, dieſer kann und wird nicht auf Vorrath, ſondern nur für den Bedarf arbeiten. Er ent läßt alſo einen Theil ſeiner Arbeiter oder muß den kaum etwas hinaufgegangenen Arbeitspreis wieder herabdrücken. Damit drängen unſere materiellen Zuſtände genau wieder auf jenen Standpunlt zurück, welchen ſie ſoeben zu verlaſſen begannen. Es ſind alſo keineswegs erfreuliche Verhältniſſe, unter denen wir einwintern, wenn auch die eigentliche Politik ſehr wahr ſcheinlich für die nächſte Zeit keine gewaltigen„Ereigniſſe“ brin gen wird. Namentlich, was uns zunächſt bewegt und recht eigentlich am Herzen nagt, die däniſch deutſche Angelegenheit, iſt denn wirklich glücklich dahin gebracht worden, daß die Diplo matie für ihren Widerwillen gegen einen Angrifſ der Dinge zu Deutſchlands Recht und Ehren den Vorwand fand. Weil Hol ſteins Stände die hinterhaltige Verfaſſung en bloc ablehnten, demonſtrirt man uns, ſie hätten den deutſchen Großmächten den
Weg zum Bundestag verlegt. Nun, und hätten ſie dieſe Pro⸗ vinzialverfaſſung im Einzelnen berathen, modifizirt angenom⸗ men, ſo hätte man ihnen bewieſen, dadurch ſei factiſch die Rechts⸗ beſtändigkeit der däniſchen Geſammtverfaſſung für die Herzog⸗ thümer anerkannt worden, alſo den deutſchen Großmächten leine fernere Veranlaſſung gegeben, die von den Vertretern der Herzog⸗ thümer fallen gelaſſenen Rechte weiterhin gegen Dänemark zu vertreten. Im profanen Leben nennt man das eine Zwickmühle; ob diplomatiſcher Brauch eine elegantere Bezeichnung dafür er⸗ findet, müſſen mir abwarten. Vor der Hand ſcheint man indeſſen ſogar in den offiziöſen Organen noch einige Scheu davor zu empfinden, die Thatſache in ihrer ganzen Nacktheit einzugeſtehen. Aber freilich iſt damit an den factiſchen Verhältniſſen nicht das Geringſte gebeſſert. Im Gegentheil, wir haben's noch immer erlebt, daß ſich am ſchlechtſten, am entwürdigendſten und bedroh⸗ lichſten für Deutſchland entwickelte, was man am eifrigſten und mit den patriotiſchſten Floskeln zu vertuſchen ſuchte. Wahrlich, die Conſequenzen von Stuttgart und Weimar ſcheinen bereits ihren gefürchteten Gang begonnen zu haben! Unterdeſſen droht aber im Herzen Deutſchlands eine Veränderung, deren T rag weite nicht zu berechnen iſt. Mit Betern ſind Preußens Kirchen erfüllt, um die Erhaltung des Lebens ihres Königs vom Himmel zu erflehen! Wird Preußens Politik, wenn die Zügel der Regie⸗ rung in eine andere Hand gelangen, dieſelbe Haltung, wie bis⸗ her bewahren? Die Frage iſt keine preußiſche allein, ſelbſt nicht bloß eine deutſche, ſie iſt von europäiſchem Umfange. Wird man es endlich erkennen, daß nicht in Widerſacherei gegen Oeſterreich, nicht in hingebender Freundſchaft an Rußland, nicht in ſchein⸗ barer Indifferenz bei allen weltbewegenden Fragen, nicht in Ne⸗ gationen der Keim, die Wurzel und Triebkraft der Machtſtellung liegt, ſondern ſo ziemlich im Gegentheil von dem Allen? Auch hier der Zweifel, auch hier ein umwölkter Horizont, an welchem ſchwere Nebel mit den Sonnenſtrablen der Hofſnung kämpfen!
Was heliebt.
Die merkantile Bedeutung Deutſchlands im Mit telalter iſt noch lange nicht vollſtändig gewürdigt und immer werden aus den Schachten der Archive neue Thatſachen zu Tage gefördert, welche uns mit Staunen erfüllen über unſre einſtige handelspolitiſche Stellung, die wir nicht nur verloren, ſondern geradezu vergeſſen haben. Manche Thatſache dieſer Art findet man in Herrn Geisbergs Aufſatz:„über den Handel Weſt phalens mit England im Mittelalter“ in der Zeitſchrift für„va terländiſche Geſchichte und Alterthumskunde,“ Münſter 1856. Daß die Hanſa ſich nicht auf die deutſchen Seeſtädte beſchränkte, ſondern tief ins Binnenland hineinreichte, iſt allerdings bekannt; weniger bekümmert man ſich aber um die aus dieſer Thatſache zu ziehenden Schlüſſe. Die binnenländiſchen Mitglieder der Hanſa konnten ihre Bedeutung nicht dem Zwiſchenhandel, ſon dern ihrer Induſtrie verdanken, deren Producte ſie auf ihren eigenen Schiffen ins Ausland, und ganz beſonders nach England verſchifften, wir müſſen alſo nicht bloß eine große Handels⸗ ſon dern auch eine ungeheure Gewerbs⸗ und Fabrikthätigkeit im mittelalterlichen Deutſchland annehmen. Wenn man in einem Altenſtück im Archiv von Soeſt lieſt, daß im Jahr 1320 engliſche Seefahrer, die aus dem Hafen von Southhampton ausgelaufen waren, ein Schiff mit Waaren, die Soeſter Burgern gehörten, gekapert und im Hafen von Newcaſtle aufgebracht und daß ſich der Magiſtrat von Soeſt darüber bei dem von Southhampton
beſchwert und ſeiner Bürger Eigenthum zurückgeſodert hat, ſo gibt dieſe Thatſache Manches zu denken, zumal wenn man er fährt, daß die geraubten Waaren in Eiſen⸗ und Stahlwaaren be⸗ ſtanden. Denn wir müſſen daraus ſchließen, daß deutſche Städte damals ſolche Fabrikate in England einführten und daß ihre An⸗ fertigung damals verhältnißmäßig ebenſo im Schwunge war wie jetzt etwa in Iſerlohn oder Solingen. So findet man ferner, daß die kleine Stadt Attendorn im Suderlande Weſtphalens für den Handel mit England eine beſondre Societät beſaß, was nebenbei auch eine Entwicklung deutſchen Innungsgeiſtes vor⸗ ausſetzt, der wir bis heute kein Gleichbild zur Seite ſtellen können. Wir finden ferner, daß es vorzugsweiſe weſtphäliſche Bankiers waren, welche den engliſchen Königen zu wiederholten Malen Darlehen machten. Dieß ſetzt eine Capitalanſammlung voraus, die im weſtphäliſchen Binnenlande kaum anders als aus einem ſchwunghaften Gewerbebetrieb erklärt werden kann. Wie die Fugger ſpäter der Weberei, ſo verdankten die großen Capitaliſten Weſtphalens im 14. Jahrhundert ihren Beſitz aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach der Tuchmacherei, der uralten Linnenweberei und der Herſtellung von Eiſen⸗ und Stahlwaaren. Namentlich in den langwierigen Kriegen mit Frankreich waren es die deutſchen Geldmänner, welche den engliſchen Königen mit Geld beiſtanden. Eduard III. der Sieger von Crecy und Poitiers, verkündet es ſelber in einer Urkunde von 1362, daß ihm die deutſchen Kauf⸗


