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aufs Schärfſte beſtimmt. das Inſekt, was ihr hier zu mangeln beginnt, wo anders ſie erwartet, und, man möchte ſagen, nicht eine Stunde früher oder ſpäter geht die Reiſe ab. Das Volk hat daher von jeher nach der frühern oder ſpäteren Zeit des Abzugs der Vögel ſeine Schlüſſe für den frühern oder ſpäteren Eintritt des Winters gemacht. Ziehen, ſo heißt es, die Vögel(was denn aber für welche?) vor Michaelis nicht weg, ſo pflegt vor Weihnacht kein harter und überhaupt nur ein ſehr mäßiger Winter zu kommen. Hätte Napoleon demnach im September 1811 auf das vorzeitige Ziehen der Vögel des Nordens geachtet, die Störche und Kraniche hätten ihn war⸗ nen können; denn ihre frühzeitige Wanderung verkündete ohne Zweifel die Gefahr eines frühen und harten Winters. Sie eilten, daß ſie nach dem Süden kamen, und er blieb in Moskau.—
Der Trieb zum Wandern iſt den Vögeln übrigens an⸗ geboren und bei manchen Vögeln ſo ſtark, daß er ohne alle Erfahrung und ſchon lange vor dem Eintritte des Nahrungs⸗ mangels ſich regt. Jung aus dem Neſte genommene und aufgezogene, in einer geräumigen Kammer frei herumflie⸗ gende Vögel beweiſen dies. Sie ſchwärmen während ihrer Zugzeit ſo gut des Nachts in ihrem Gefängniſſe umher, als wenn man die Alten ihrer Art darinnen unterhält. Nachtigall und Sproſſer ſind dabei ſo unruhig, daß ſie ihre Federn ſtark
verſtoßen. Man kann an dieſer Unruhe im Herbſt(und
Frühjahr) beobachten, wie lange die betreffende Art zu ziehen pflegt. Pirole und Fliegenfänger z. B. ſind die ganze Nacht hindurch vom Auguſt bis in die Mitte des November un⸗ ruhig. Vom November bis März verhalten ſich die Pirolen ganz ruhig in der Gefangenſchaft. Dieſe Zeit mag die Auf⸗ enthaltszeit der gewanderten Vögel ſein. Während dieſer Zeit mauſern ſie ſich auch wie ihre Eltern und Geſchwiſter in der Fremde. Vögel, die nicht weit ziehen, laſſen dieſe Unruhe wenig oder gar nicht merken(Finken), und der ge⸗ zähmte Storch,„das Menſchenthier“, der doch weit zieht, und den man im Herbſte frei fliegen läßt, zieht nicht fort. Dieſe Thatſache iſt aber kein Beweis gegen den Wander⸗ trieb; er iſt hier künſtlich erſtickt: das Futter iſt geſichert, die Flugkraft gelähmt, die rechte Zugzeit verpaßt und das Thier iſolirt und aus dem Zuſammenhange mit dem Ganzen ge⸗ bracht. Sonſt bringt überhaupt Nichts, keine Kunſt, kein Experiment die Naturordnung des Vogellebens aus dem Gleiſe. Schritt vor Schritt gehen ſie nach der Ankunft zur Begattung, zum Neſterbau, zur Erziehung ihrer Jungen, zur Mauſer und endlich zur Reiſe. Man kann ſich hiervon durch folgendes Experiment überzeugen. Man bringe im Frühlinge die Männchen verſchiedener Singvögel(Finken, Goldammer, Ortolanen, Zippdroſſeln u. a. m.) und ge⸗
Die Schwalbe weiß genau, daß
wöhne ſie, auch im Finſtern ihr Freß⸗ und Trinkgeſchirr zu zu finden. Fangen ſie nun an, ihren Geſang anzuſtimmen, ſo thue man ſie mit ihrem Käfige in einen finſtern Kaſten, in dem ſie ohne Licht bis gegen den Herbſt(Bartho⸗ lomäus) hin unterhalten werden. Was geſchieht, ſobald ſie wieder an das Tageslicht kommen? Sie ſtimmen ihren hellen Geſang an, als wenn es Frühling wäre und ſie eine lange, lange Nacht überſtanden hätten. Der Geſang der Vögel aber iſt die Sprache ihrer Liebe, des Fortpflanzungs⸗ triebes. Auch dieſer wurde durch das gewaltſame Experi⸗ ment nicht unterdrückt, ſondern, wie die darauf folgende Mauſer, bloß aufgeſchoben; haben ſie nämlich bis ſpät in den Herbſt geſungen, ſo folgt die Mauſer. Den zeitloſen oder vielmehr zeitwidrigen, künſtlich hervorgerufenen Geſang unſerer Gefangenen benutzt der Vogelſteller zur Lockſtimme für die ſtummen, gleichartigen Zugvögel. Sie wirkt auf die reiſenden Brüder, wie keine andere. Macht ihnen das An⸗ hören des Geſanges von ihresgleichen zu einer ſo unge⸗ wöhnlichen Jahreszeit Freude? Oder erinnern die Locktöne an die entzückende, wonnevolle Zeit der Begattung?— Ge⸗ nug, ſie werden zu ihrem Unglücke von der unſchuldigen Stimme des Lockvogels bezaubert, fallen in das Garn oder auf die Ruthe des Vogelſtellers und ſo in die Sclaverei. Aber ſonderbar iſt's, daß die Sirenenſtimme nur bis zu An— fang October ihren bethörenden Zauber übt. Iſt dann viel⸗ leicht ſchon das Andenken an Frühling und Liebesluſt er⸗ loſchen? Jene Eile auf dem Rückzuge im Frühlinge, die Eile, welche die vorgerückte Jahreszeit gebietet, laſſen uns dieſe Frage verneinen.—
Wir ſtehen mitten im Herbſt und der Zugzeit. Es ge⸗ währt großes Vergnügen, die Wanderer zu beobachten. Sammelt man dieſe Beobachtungen, ſo z. B. von der Zug⸗ zeit, Jahr für Jahr, ſo erhält man endlich ein ſchönes Ma⸗ terial zur Vergleichung. Man erhält zuletzt wohl das Mit⸗ teldatum für den Fortzug dieſes oder jenes Vogels, die extremen Grenzen, in welchen der Abzug ſchwankt, und da die Vögel in wunderbarem Verkehre mit den klimatiſchen Agen⸗ ten ſtehen, ſo iſt oft ſehr wohl nach der Abzugszeit ein Schluß auf die Natur des Herbſtes und das frühe oder ſpäte Eintreffen des Winters geſtattet. Laſſen wir alſo un⸗ ſere Auswanderer nicht unbeachtet an uns vorüberziehen und geben wir ihnen mit dem Dichter noch unſern Nachruf:
„Geht hin, ihr Motacillen(Bachſtelzen), wo bei Trauben „Und goldner Frucht euch winkt das reiche Mahl; „Beſuch', o Nachtigall, des Oſtens Lauben,
„Und komm dann wieder hier in's Hirtenthal!
„Sucht andre Wipfel nun, ihr frommen Tauben,
„Der Liebe Sitz, der ſtille Hain wird kahl.
„Geht, Vöglein, geht, mit liederreichen Kehlen,
„Im grünen Aſien Wohnung euch zu wählen.“
Aus dem Weltleben.
Kaum hat eine ergiebige Ernte und der mühſam geleimte Pariſer Friede die materielle Noth und Theurung des Alltags⸗ leben etwas gemildert, da ſchreitet neue Kümmerniß derſelben Gattung, nur in andern Bevölkerungsſchichten, wieder über das Weltmeer herüber. Indien heißt die Tagesloſung; und wenn
wir auch über die Wahrheit der dortigen Vorgänge, nachdem
das indiſch⸗engliſche Gouvernemene das ſtupide Syſtem der Zeitungscenſur angenommen, blutwenig wiſſen, ſo empfinden’s doch bereits die Fabriken am Niederrhein mit ſchweren Schmer⸗
zen, daß England wenigſtens momentan ein welttheilgroßes Reich
ſeiner Herrſchaft verlor. Allerdings wird man es wieder erobern; Großbritanien iſt kein ſchwaches Spanien, welches ſich ſeit dem Verluſte ſeiner Indien ſchwach geblutet hat zum ohnmächtigſten und haltloſeſten aller Staatskörper. Aber Blut, Ströme Blutes wird es noch koſten, ehe der britiſche Leopard mit ſeinen ſtarken Tatzen die heiligen Ströme wieder umklammert und auf die heiligen Städte ſeinen Fuß ſetzt. Jahre wird es ferner dauern, Hehe aus dem wiedereroberten Lande abermals eine nutzbringende


