Jahrgang 
1857
Seite
561
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ſellen zogen nach Süden, knüpften links und rechts an die Bäume, thaten bei Scherweiler noch einmal 12,000 Bauern ab, die mit ihren hundert Donnerbüchſen nichts anzufangen wußten, und kehrten nach vollbrachtemPacificationswerke auf lothringiſches Gebiet zurück. Gerber aber war ſchmäh⸗ lich gehängt worden.

Doch fort mit dem düſteren Bilde! Reben und Hopfen an der Nußbaum⸗Allee nach Sulz rufen uns denKampf der Majeſtäten Rheinwein und Felſenbier in's Gedächtniß, wie ihn der luſtige Rodenberg beſungen. Rechts laſſen wir die Avolsheimer Allmend mit der Kapelle St. Armuth, der frommen Stiftung eines Dachſteiners, der unſchuldig gehängt werden ſollte und auf dem Richtplatz noch gerettet wurde, denn, wie unſer Drechsler ſingt:

..Plötzlich aus der Menge Schallt's flehend: Haltet an!

Ein Mann ſtürmt durch's Gedränge: Die That hab' ich gethan!

Wo heute die Kapelle St. Armuth einſam ſteht, War an des Altars Stelle Der Rabenſtein erhöht. Rechts bleibe auch Wolxheim, das Rüdesheim des Nieder⸗ elſaſſes; nur da, am Fuße des Scharrachberges, den man mit gewaltigem Kaiſerſchnitte von der Straßburger Citadelle entbunden, das heimliche Sulz⸗Bad*) liegt uns zu nahe, als daß wir nicht eben durch die Anlagen ſtreichen ſollten. Sehn Sie, wie hübſch der große, von Gebäuden eingeſchloſſene Hof, ringsum der halbengliſche Garten und dort am Bache hin der mit Gebüſch umſäumte Wieſenplan! Wo aber ſind denn die Badegäſte? Ja, das fragen Sie die Sterne! Kaum noch die Bauern der Umgegend beleben Sonntags dieſe Räume, denn man hat den Tanzſaal abgebrochen und die Burſchen und Mädel wollen halt tanzen. Noch vor zwei Jahren war am Pfingſtmontag z. B., wo auch der Odi⸗ lienberg von Menſchen wimmelt ein bewegtes Leben hier. Nun ſcheint Alles todt und leer. Sic transit gloria mundi! Wer Kirſchen und Steingruben liebt, eile nun, daß wir nach Weſthofen wer dagegen gern an die traurigſten Zei⸗ ten deutſcher Geſchichte erinnert iſt, daß wir mehr rechts nach Kirchheim kommen. Dort hielt Lothar, der ſchnöde Enkel Karls des Großen, ſeinen leiblichen Vater Ludwig den

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ſteckte nur daß die Steine nicht ganz, wie jetzt auf ein ander lagen! Von dem merkwürdigen, feſtungartigen Schloſſe, deſſen Zerſtörung ſchon im 15. Jahrhundert die Straßburger begannen, weil der Beſitzer die biſchöflichen Lande nicht in Ruhe ließ, ſteht heutzutage nur noch ein ein⸗ ſamer Thurm; im großen Schloßhofe tummelt ſich die liebe Jugend, denn die Kaſerne, die man in den letzten Kriegszei⸗ ten hineingebaut, dient der friedlichen Gegenwart als Schul⸗ haus. L'Empire, c'est la paix!

Aber ich meine, wir ſind etwas müde. Benutzen wir den Kurier bis Zabern, denn mit Ausnahme der Berge links und der reichbevölkerten Ebene rechts iſt doch nichts zu ſehen, als die dreigethürmte, neunhundertjährige Kirche von Mauersmünſter(Marmoutier), die älteſte im Elſaß, wie man ſagt. Die Hauptfacade in ſchwerfällig würdevollem Rundbauſtyl zu betrachten, läßt uns der Poſtillon ſchon Zeit und das genügt, da die andern Theile ohnehin erneuert ſind. Er fährt dann um ſo ſchneller, und eh' wir's erwar ten, liegt vor uns Kaiſer Julian's Feſtung Tabernae mit ihrem aus ſchönem röthlichem Sandſtein gebauten, in der That

kaiſerlichen Rieſenſchloſſe, von deſſen dunkelblauem Dache

herunterwerfen möchte.(S. die Abbild.)

man nur die zwei Dutzend impertinent nützlicher Schornſteine Begennen hat den Bau einſt der Biſchof Franz Egon von Fürſtenberg; nach einem Brande im Jahre 1709 aber legten die Rohan ihre verſchwenderiſche Hand daran, konnten ihn indeß nicht voll enden, weil die famoſe Pariſer Halsbandgeſchichte, dann gar die Revolution dazwiſchen kam, und ſo blieb er denn liegen, bis ihn Louis Napoleon herrlich ausbauen ließ. Drum ſchwebt auf dem Giebelfelde über zwei geflügelten,

palmzweigtragenden Frauengeſtalten ein mächtiger Adler

mit der Unterſchrift: Fulmen et tuicio(Wetterſtrahl und Schirm zumal) und etwas tiefer iſt in großen goldenen Buchſtaben zu leſen: Chateau Impérial de Saverne. Perron, Treppen, Hof, Garten und Schutzgraben: Alles iſt

köſtlich und die ſieben Dutzend Wittwen von Offizieren der

Ehrenlegion, die jetzt ſtatt der alten Fürſtbiſchöfe dort woh⸗ nen, würden in alle Wege zu beneiden ſein, wenn nicht ge rade gegenüber ein Gefängniß läge, deſſen beſtändiger Anblick Einem, wie mir däucht, alle Freude vergällen muß. O, ſo ein Kerker iſt ein gräßliches Inſtitut, zehnfach gräß⸗

lich im Angeſichte dieſes luftig freien, lichten Prachtgebäudes!

Frömmler gefangen, ehe er ihn zur tiefſten Erniedrigung

nach Soiſſons ſchleppte. Dort ſchändete der elende Karl, deſſen hervorſtechendſte Qualität ſeine Dicke war, ſein reines Ehgemahl durch die verleumderiſche Anklage, es lebe in unkeuſchem Umgange mit dem Reichskanzler, dem Erz⸗ biſchof von Vercelli. Nun, den Einen hat in düſterem Klo⸗ ſter der Geiſt ſeines Vaters erſt zur Verzweiflung, dann in's Grab gebracht; der Andre, nach ſeiner eigenen Meinung vom Teufel beſeſſen, iſt als verachteter Kaiſer wohl eines noch gewaltſameren Todes geſtorben. So rächt ſich jede Schuld auf Erden, und mit ſittlicher Befriedigung dürfen wir unſern Weg über Marlenheim, am einſtigen Königshofe der auſtraſiſchen Fürſten vorbei, fortſetzen nach Waßlenheim (Waſſelonne). Den Schneeberg mit ſeiner beweglichen Fels⸗ platte, demLoddelfelſen, und der weiten Ausſicht auf dem Gipfel im Weſten laſſend, gelangen wir zu der unebenen, ge⸗ werbthätigen Stadt, in deren Nähe, in den Wänden des Kronthals vor Zeiten ein gutes Stück unſeres Münſters

*) Das in manchen hieſigen Ortsnamen vorkommende Sulz, Sultz, Soultz heißt Salz.

Auf dem Marktplatze, von dem man in den Schloßhof hexunterſieht, ſteht, von eiſernem Gitter umgeben, ein kurio⸗ ſer Obelisk, der, als wäre Zabern ausſchließlich das Cen⸗ trum des Planeten, die Entfernung von etwa hundert Städten, Inſeln und Reichen aller Erdtheile angibt. Da lieſt man neben Mentz, Leytzich, Brauswich, Luyck(Lüttich), Brüxell, Cales(Calais) und Londen: Mlant und Alexan⸗

dria, Madagascar und Noua Zemla, Hauana, Tripoly und

China! Auf einer Seite des Poſtaments läuft ein Kreis um die Zahl 5400 mit der Umſchrift Circumferentia

mundi(Umfang derWelt) und auf der andern figurirt

die ſchlagende Wahrheit: Qui stat, videat ne cadat(Wer da ſteht, ſehe zu, daß er nicht falle). Posuit P. L. Dolfus. Anno 1666.

Betrachten wir das von dem großartig eingefaßten

Rhein⸗Marne⸗Kanal durchfloſſene, großentheils auf einem Bergſattel reitende Zabern. Von Schiller's fabelhafter Kuni⸗

gonde und ihrem blonden Pagen iſt keine Spur zu entdecken, aber die niedlichen alten Häuſer auf allen Ecken verrathen, daß es ſchon viel erlebte, und wirklich ſah es nicht nur die Metzeleien der Bauernkriege und die empörenden Greuel

ſkandalöſer Hexenprozeſſe, ſondern auch den ignobeln Ge⸗