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des Ackerbaus, der Viehzucht, wie verſchiedener kleiner Ge⸗ werbe: Alles hatte er im Auge. Seinem gottmenſchlichen Ideale gleich bildete er ſich zunächſt eine auserleſene Schaar von Männern und Frauen zu Jüngern heran, die dann, wie unter den letzteren namentlich ſeine eigene Gattin und Luiſe Scheppler, das ſchlichte Bauermädchen, das von der franzöſiſchen Akademie den großen Monthyon⸗Preis bekam, durch Lehre und Beiſpiel weiter wirkten. Er ſelbſt erzog ſich die Schullehrer, kollektirte als nobler Bettler in den wohlhabenden Orten der Umgegend, um Schulhäuſer zu bauen, Bücher, Sämereien, Betriebsgeräthe zu kaufen und eine Apotheke anzulegen, zu der er ſelbſt und ſeine Lehrer die Aerzte machten. Er ließ und half mit eigener Hand Straßen, Brücken, Dämme bauen, Obſtbäume pflanzen und
kommt's uns an zu glauben, daß in dem buckligen Neſte einſt unſre Biſchöfe reſidirt haben, deren Einen hier Karl IV. ſterben ſah, und noch ſchwerer vielleicht, daß hier im 17. Jahrhundert die ſpäter nach Straßburg verlegte Univerſi— tät Platz fand. Doch iſt's ſo, und an Staunenerregendes müſſen Sie ſich hier ſchon gewöhnen. Denn es kann einem Norddeutſchen, einem Sohne des„bergiſchen Landes“ aus
der Gegend von Elberfeld paſſiren, daß er ſich auf den hie⸗
veredeln, Wieſen bewäſſern, die Steine von den Feldern leſen, lehrte die Geſunden, den Acker der Kranken zu bauen,
gründete Unterſtützungs⸗ und Aſſekuranzkaſſe, Ackerbauge⸗ ſellſchaft und was ſonſt nur irgend möglich und förderlich ſchien. An ſich dachte er ſo wenig, daß er, der ſich anfangs begnügt hatte, einen Theil ſeines kargen Einkommens
es waren nicht mehr als 1000 Franken jährlich— der Ge⸗ meinde wieder zuzuwenden, endlich auf das Gehalt als ſolches ganz verzichtete und nur noch von freiwilligen Gaben ſeiner Pfarrkinder lebte. Wie die Liebe ſelbſt, ſuchte auch
er nicht das Seine, darum aber fiel es ihm ungeſucht zu. ) 3
Alle Welt war zur Hülfe bereit, wenn ihm und der Gemeinde etwas fehlte, und der Ruf des einzigen Mannes durchſchritt Europa von der Seine bis zur Newa. Ja wohl, denn Ludwig XVIII. ſandte ihm das Kreuz der Ehrenlegion und Alexander von Rußland befahl ausdrücklich, beim Einzuge der Alliirten ſein Haus zu ſchonen. Ich kann mich nicht enthalten, den betreffenden Tagesbefehl des ruſſiſchen Generals herzuſetzen; er lautet:
„Im Namen ſeiner kaiſerlichen Majeſtät wird ſämmt⸗
lichen Armeekorps und Allen, deuen Gegenwärtiges zu
Geſichte kommt, hiermit angeſagt, daß das Haus des
Pfarrers Oberlin in Waldbach zu ſchützen und zu hüten
iſt, daß ſeine Bewohner in keiner Weiſe beläſtigt, noch
ihnen der geringſte Schaden zugefügt werden darf. Kraft welchen Schutzes Seiner Kaiſerlichen Majeſtät gegen— wärtiger Sicherheitsbrief ausgeſtellt, vom Obergeneral unterzeichnet und mit ſeinem Siegel verſehen worden iſt. Gegeben im Hauptquartier zu Altkirch, den 28. December 1813.
Der Generalmajor, Commandant der fünften Ju⸗ fanterie-⸗Diviſion, Chef des Infanterie⸗Regiments
Koliwansky, Ritter mehrerer Orden.
(gez.) Audenoul.“
Wahr iſt, daß ſich heutzutage nicht mehr ganz dasſelbe Gedeihen im Steinthal findet. Wohl thun die Familien Lagrand und Andere Alles, um den Bedürftigen Arbeit und das Exempel der Sittenreinheit und Frömmigkeit zu geben, aber die Verhältniſſe ſcheinen im Allgemeinen zu ungünſtig und der Menſchenſchlag zu träge, zu energielos. Viele wandern aus, wie ohnlängſt faſt die ſämmtlichen Einwohner des abgebrannten Belmont, und was im Lande bleibt, ſoll ſich weder an der Arbeit, noch im Kreiſe der Familie muſter⸗ haft benehmen.
Fahren wir auf leichtem Char⸗A⸗banc das Breuſchthal wieder hinunter, um von Mutzig aus links über den reben⸗ bepflanzten Hügel nach Molsheim zu wandern. Das Alter ſieht man dem Städtchen leicht an; ein Blick auf das wacker reſtaurirte Rathhaus, auf Thore, Stadtmauern und die mit poetiſchen Gärten ausgefüllten Gräben genügt. Schwerer
ſigen Spaziergängen plötzlich mitten in ſeine Heimath ver⸗ ſetzt glaubt, ſintemalen er neben, vor und hinter ſich abſo— lut nichts vernimmt, als die lederweichen g und ei ſammt dem ſtahlharten„Donnerkiel“ und„Schockſchwernoth“ von Lüttringhauſen, Remſcheid und Solingen, höchſtens mit ein paar Gallicismen untermiſcht. Wie das möglich iſt? Ich wußte es auch nicht zu erklären, habe mir aber von den Leu⸗ ten ſelbſt berichten laſſen, daß ſie wirklich von Natur„ber⸗ jiſche Drickes,“ aber zum Theil ſchon vor dreißig Jahren,
zum Theil in ſpäterer Zeit hiehergegangen ſeien und als Schleifer, Polirer u. ſ. w. in den Coulaup'ſchen Etabliſſe⸗
ments ſehr gute Löhne verdienen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihrer Viele in der neuen Heimath geheirathet und Kin⸗ der gezeugt haben, deren von der Mutter ererbte alemanniſſche Natur nun einen entſchieden fränkiſchen Anſtrich beſitzt. Sollten die vielen hübſchen Geſichter, die man bei den Mols⸗ heimer Mädchen ſieht, ihren Grund in dieſem Verhältniſſe haben, ſo käme das alte Vorurtheil gegen die Miſchung ver⸗ ſchiedener Stämme auch hier wieder zu kurz.
Gedenken wir, ehe wir den Stab weiter ſetzen, eines Helden im Kittel, der unter den minaretartigen Thürmen von Molsheim heranwuchs. Wir meinen Erasmus Gerber, den Oberanführer der elſäſſiſchen Landleute in dem ſchreckli⸗ chen Bauernkriege, deſſen Geſchichte, von Wilhelm Zimmer⸗ mann geſchrieben, jeder Deutſche leſen ſollte. Hatte ſich der Bundſchuh in unſrer Ebene ſchon 1493 geregt, ſo nahm die Bewegung im Jahre 1525 eine ernſtere Geſtalt an. In den Wäldern des Ungersberges, dort jenſeit des Odilien⸗ kloſters, kamen die Vertreter der Bauerſchaften, wie weiland die Urſchweizer auf dem Grütli, zuſammen, entſchloſſen ſich, da alle Bitten und Vorſtellungen an der Herren tauben Ohren abgeprallt waren, zur Anwendung von Gewalt und ſtellten an ihre Spitze den Molsheimer Gerber und den Schultheißen Ittel Jörg von Rosheim. Da ging's denn ohne viel Federleſens an die Adelsſitze, die Klöſter, Abteien, Prälaturen und die unglücklichen Juden, welche letz⸗ teren man ausgeſprochener Maßen vertilgen, ihre Güter einziehen wollte. Gepfropft voll geiſtlicher und ritterlicher Flüchtlinge waren die größeren Städte, namentlich Straß⸗ burg, das genug zu thun hatte, den niederen Theil der Be⸗ völkerung von der erſehnten Verbindung mit den Landleu⸗ ten zurückzuhalten. Die kleineren Städte: Zabern, Kayſers⸗ berg u. ſ. w., nahmen ſie wirklich auf und machten gemein⸗ ſchaftliche Sache mit ihnen. Niemand ſah ein Durchkom⸗ men, bis endlich das aus allen Ländern der Welt zuſammen⸗ geworbene Heer des Herzogs Anton von Lothringen herein⸗ brach, in der mörderiſchen Schlacht von Luxſtein, unweit Steinburg, 6000 Bauern auf den Plan ſtreckte und den wackern Gerber zur Abſchließung eines Unterwerfungsver⸗ trages zwang, indem der Herzog vollſtändige Verzeihuug verſprach. Und doch wurden, angeblich weil man Gerber bei der Organiſation eines neuen Aufſtandes ertappte, am an⸗ dern Morgen beim Auszuge aus Zabern, wo ſie ihre Waf⸗ fen abgelegt, mehr als 20,000 wehrloſe Menſchen von den gehetzten Tigern umſtellt und niedergemetzelt— da, wo man's noch heute„am Marterberge“ nennt. Die Mordge⸗
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