N
I
„Heirathen? Ich nicht mehr;— wenn's nicht kommt, daß mir— Einer wieder verzeiht und ſein Herz anbie— tet;— dieſen Einen und ſonſt Keinen würde ich nehmen!“
„Und wer iſt der Eine?“ fragte die Walpurg, wohl
ahnend, wer gemeint ſein mochte.
„Wer?“ rief die Vrone und fiel vor der Walpurg auf die Knie,„fragt Ihr noch wer, liebe Baſe? Soll ich's noch ausdrücklich ſagen? Wer anders als Ambros, Ambros, den ich ſo ſehr beleidigt habe!“
Walpurg ſchwieg eine Weile und ſagte dann betrübt und ernſt:„Ja, Vrone, das haſt Du, beleidigt haſt Du ihn groß! Aber Dir muß Gott verzeihen, Alles Andere kann Dir wenig helfen!“
„Gewiß, Baſe, gewiß! Aber wie ſoll Gott verzeihen, wenn mir immer noch das Herz meines Ambros abge⸗ wendet iſt?“
„Deines Ambros, Mädel?“ fragte die Walpurg raſch und ſtrenge.
„Ja, ja, ich ſag' es:— meines Ambros, Baſe; ich weiß jetzt, daß ich ohne ſein Erbarmen nicht mehr leben kann, ohne ihn nicht leben will!“ Sie ſtand ſebhaft auf und ſtellte ſich ein wenig theatraliſch vor die Walpurg hin, indem ſie ihre beiden Hände auf die Gegend des Herzens legte.
Die Walpurg ſah ſie eine Weile mit unheimlich glü⸗ henden Augen an und ſagte dann mit nachdrucksvollem Tone:
„Du haſt das geſagt, Vrone, und weil es Niemand
ſonſt gehört hat, ſo ſoll's auch Niemand weiter wiſſen!“
„Warum?“ rief Vrone lebhaft,„der Ambros ſoll es wiſſen und alle Leute ſollen's wiſſen, daß ich gut machen will, was ich verſehen habe!“
Die Walpurg erhob ſich jetzt und indem ſie mit feſter Hand nach Vrone's Arm griff und ihn zitternd umſpannte, ſagte ſie mit Nachdruck:
„Wenn Du den Ambros find'ſt, wie er ehedem ge— weſen, ſo mach' es gut an ihm;— aber derſelbe Ambros lebt nicht mehr, ein anderer Ambros iſt da, er ſieht dem andern gleich, iſt's aber nimmermehr!“
„Ihr glaubt, er wird ſich nicht bereden laſſen?“ ſagte die Vrone doch betroffen.
„Nicht bereden und erbitten, nicht beſtechen und er⸗ kaufen laſſen!“ erwiederte die Walpurg noch beſtimmter.
In dieſem Augenblicke ging die Thüre auf und Am⸗ bros, eine Holzaxt über der Schulter, trat herein.
Er ſah die Vrone nur von rückwärts und erkannte ſie nicht ſogleich, darum ſagte er milde:
„Guten Tag!“ 2
Entzückt von dieſem Tone drehte ſich die Vrone haſtig um und ſagte:
„Guten Tag, Ambros, da biſt Du ja— jetzt ſollſt Du ſelber ſagen—“
5⁵7
aber näher betrachtet, finden wir doch ſo Manches vom Grunde aus verändert. Denn abgeſehen von gar vielen ältern Leuten, welche inzwiſchen geſtorben und an deren Stelle jüngere gerückt ſind, finden wir auch Leute, die wir blühend und in guten Verhältniſſen verlaſſen haben, ſeltſam, ja beklagenswerth verändert.
Wie freundlich weißgetüncht z. B. haben wir einſt das Häuschen links vom Gemeindebrunnen verlaſſen, wo die würdigen Geſtalten der alten Walpurg und des Ambros aus und einzugehen pflegten— und wie von Wind und Wetter zerriſſen ſieht es gegenwärtig aus! Freilich, frei⸗ lich;— ſind doch auch die früheren Bewohner nicht mehr da, die ſtets drauf ſahen, daß dem Häuschen ſeine Ehre wurde. Die gute Walpurg iſt todt und Ambros, der ſich
längſt nicht wohl mehr fühlte in dem Orte, iſt nach ſeiner
Baſe Tode in die weite Welt gewandert. Gott wird ihm Glück und Segen geben, er verdient's und wird's auch nicht an Eifer fehlen laſſen;— aber die
Bewohnerin des kleinen Hauſes? Wer iſt ſie? Und wie
„Was?“ erwiderte Ambros und in ſeiner Stellung 0 ſtädtiſch und verſchwenderiſch einrichten, gab ihrer Lieb⸗
erſtarrend ſah er ſie mit einem Blicke an, der mehr als Alles ſagte, was ſie wiſſen wollte;— nach einer Weile
aber ging er ſtraff und ruhig nach der Kammer, wo er
blieb, bis daß er hörte, wie ſich der Beſuch entferne.
VIII.
Seit jenem Vorfall ſind nun Jahre um Jahre ver⸗ gangen. Das Ausſehen unſers Dorfes und das Leben
deſſelben ſcheinen zwar ganz dieſelben wie früher geblieben,
geht's ihr, da ſie auf das Anſehn ihrer Wohnung nichts zu halten ſcheint?
Es würde vergeblich ſein, ein Geheimniß zu bewahren, das Jedermann im Dorfe kennt und ſo wollen wir auch
friſchweg ſagen: daß in jenem Häuschen Niemand anders
wohnt— als Vrone Gruber!
Dieſer Umſtand iſt es aber nicht, der uns am meiſten überraſchen darf; Vrone's Ausſeh'n und Leben ſind es, die uns näher gehen.
Die Vrone mag etwa vierzig Jahre zählen; an ſich für eine Frau kein Alter, viele Frauen dürfen dieſes Alter noch zu ihren Blüthentagen rechnen; aber die Vrone, wie anders ſieht ſie aus! Würde man ihr zu viel thun, wenn man ihr jetzt ſechzig volle Jahre gäbe? Hager und gelb, an einem Krückenſtabe gehend ſchleicht ſie in dem ärmlichen Hauſe herum, iſt ſelbſt das ärmlichſte Möbel in demſelben und ſucht— wer weiß das ſo genau?— vermuthlich ihre Ruhe, ihre Unſchuld, ihre Jugend, ihr Vermögen, Vater und Mutter— und wohl auch Troſt und Vergebung,— vielleicht auch die Nähe desjenigen Mannes, deſſen Liebe ihr doch noch als der ſchönſte Stern vergangener Tage erſcheinen mag!
Aber wie kommt die Vrone in dieſes Haus? Welche ſeltſame Erlebniſſe haben vorhergehen müſſen, um ſie ge⸗ rade in dieſes Häuschen zu führen? Die Sache iſt wun⸗ derlich, und doch wieder natürlich genug.
Nachdem die Vrone die Ueberzeugung gewonnen, daß Ambros auf keine Weiſe ſich herbeilaſſen würde, ihr Herr Gemahl zu werden, beſchloß ſie nach kurzem Kummer das Heirathen überhaupt vor der Hand ganz aus dem Auge zu laſſen und ein Leben ohne Sorgen und Plan, vollauf in Saus und Braus zu führen. Sie ſuchte ihren ſtädtiſchen Putz wieder hervor, ließ das Haus der Eltern im Innern
lingsgeſellſchaft, aus der ſich aber die beſſern Beſtand⸗ theile immer mehr verloren, einen Schmaus um den andern und fuhr, indem ſie einen Schaffner für ihre Wirthſchaft beſtellte, mit einem Lieblingsknecht fleißig in den benachbarten Städtchen herum. Bei einer ſolchen Luſtfahrt war es eines Tages, daß Vrone einen Aben⸗ teurer kennen lernte, der in der ſchmucken Uniform eines Bergofficiers ſich in der Gegend herumtrieb, um nach Kohlen oder Erz zu ſuchen; dem Abenteurer ſchien die hübſche Jugendſchlacke, Vrone genannt, an der noch


