Schwelle des deutſchen Theaters. Zur Charakteriſtik, welches Genre in„höheren Kreiſen“ als deſſen würdiger Repräſentant angeſehen wird, erinnere ſich der gefällige Leſer daran, daß Herr Haſſel aus Frankfurt abſonderlich nach Darmſtadt berufen ward, um als„Hampelmann auf Reiſen“ das höhere drama⸗ tiſche Intereſſe Deutſchlands vor den zariſchen Majeſtäten zu vertreten. Andere Leute haben allerdings andere Abſichten da⸗ hinter vermuthet; aber es iſt blanke Verleumdung, wer im Groß⸗
herzogthum Heſſen an feine oder grobe Ironie denkt. Ebenſo⸗ wenig denken auch Jene an Ironie, welche in dem„allgemeinen“ Blatt vom Lech den Wunſch ausſprechen, unter den Concurrenz⸗
ſtücken, denen das Publikum des Münchener Hoftheaters den
Preis ertheilen ſoll, möchten recht viele ihre Motive der„deut⸗ ſchen Nationalgeſchichte“ entlehnen. Nur der Wunſch iſt unbe⸗ greiflich. Denn jedes derartige Poem, welches vorausſetzt, es habe ſchon einmal ein Deutſchland exiſtirt, wäre flagrante Be⸗ leidigung gegen die Pfordtenſche Politik. Warum? Weil der berühmte Pandectiſt uns mehrmals verſicherte, er werde Deutſch⸗ lands Macht und Größe ſchaffen, wozu bekanntlich auch ſchon der Anfang gemacht iſt durch die baieriſchen Anträge beim Bunde. Nationale Gemeinſamkeit in der Auswanderungsgeſetzgebung ſtand obenan und eine höchſt geheime Commiſſion für ein natio⸗ nales Handelsgeſetz tagt ſchon faſt Jahr und Tag in Nürnberg. Daraus läßt ſich aber kein Drama machen, ſo wenig, wie darauf ein Vers. Dennoch liegt es gewiß bloß an der Münchener Poetenconcurrenz, daß unſere Bühnen ſeit Jahren ſo bettelarm an neuen brauchbaren Stücken ſind; und ſelbſt, daß alle Stücke
In den deutſchen Zeitungen, auch in unſrem Blatte war ſchon von dem amerikaniſchen Kunſtreiter⸗Leviathan die Rede, welcher von New⸗York abgegangen ſei um in Europa das Beſte, was hier von Kunſtreiterei zu finden iſt, Renz und Franconi, völlig todt zu machen. Da man eine Weile nichts mehr davon hörte, ſo glaubte man es ſei ein amerikaniſcher Puff geweſen. Allein das Ungethüm iſt wirklich in Europa, es zieht jetzt in den nördlichen und mittleren Städten von England herum und wird demnächſt auch in London erſcheinen. Die Herrn Howes und Cuſhing, welche die Leiter des Unternehmens ſind, landeten in Liverpool. Sie ziehen in die Städte ein mit einer Proceſſion von Pferden, Wagen u. ſ. w. wie man ſie noch nie geſchaut. Sie haben einen Muſikwagen oder Apollonicon, der von 40 rahmfar⸗ bigen Pferden gezogen wird, die ein Mr. Paul allein vom Bock aus am Zügel leitet. Der Wagen iſt bemalt mit einer Dar⸗ ſtellung der Landung des Columbus in Amerika und einer Büf⸗ feljagd. In demſelben befindet ſich unter Andern eine Truppe beduiniſcher Araber, die durch ihre fabelhafte Beweglichkeit Alles in Staunen ſetzen. Auch ein ganzer Stamm nordamerikaniſcher Wilden befindet ſich bei der Geſellſchaft. Zehn elegante ameri⸗ kaniſche Wagen, zierlich und leicht und doch von außerordentlicher Tragkraft, ein wahres Wunderwerk für Wagenbauer, bilden einen Theil des Zuges. Das Zelt, in welchem die geſammte Ge⸗ ſellſchaft ihre verſchiedenen Fähigkeiten zur Schau ſtellt, iſt von rieſenhafter Größe, dabei geſchmackvoll undmaleriſch aufgeſpannt.
General Havelock, dem vielleicht eine große Rolle in dem blutigen Drama Hindoſtans vom Schickſal zugetheilt iſt, ſteht in ſeinem 63. Jahre und iſt ſeit 1823 in Indien, das er bloß zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit einmal auf kurze Zeit ver⸗ laſſen hat. Die Geſchichte dieſes Mannes zeigt, welch' erfahrne,
der in München ſeit Jahren verſammelten Dichterconferenz durch⸗ fielen— es war ein ganz boshafter Malerſtreich, als man ſie portraitirte und darunter ſchrieb„Kleindichterbewahranſtalt,“— kommt nur daher, weil ſie die eigentlich machtvollen Werke auf⸗ ſparten für den olympiſchen Wettſtreit vor den bojoariſchen
Hellenen Deutſchlands. Oder ſollten unſere dramatiſchen Künſt⸗
ler an der theatraliſchen Miſère ſchuld ſein? Lächerlicher Gedanke! Man leſe doch die deutſchen, nationalen und allgemeinen Thea⸗ terzeitungen, ſowie andere gleichermaßen unbefangene und un⸗ beſtechliche Kritiken, da thut ſich ein wahrer Sternenhimmel von Mimen, Künſtlern, nebſt Heroen— natürlich Alles auch in Feminino— vor unſeren blöden Augen auf. Nur der allge⸗
meine blendende Glanz verhindert uns die Schaaren im Ein⸗ zelnen zu erkennen.
Genau eben ſo iſts mit den Virtuoſen auf Blas⸗, Streich⸗, Taſt⸗ und andern Inſtrumenten. Aber ſie haben Stoff, denn
ſie machen ſich ihre Compoſitionen ſelber, und wir haben die be⸗
ſtimmteſte Sicherheit, daß dieſer Winter von muſikaliſchen Hoch⸗
genüſſen ſo zu ſagen ganz vollgepfropft ſein wird. Dieſer Reich⸗
thum kann uns für die theatraliſche Entbehrung entſchädigen, bis der Münchener Areopag das Füllhorn guter Stücke über uns ausgießt. Wenn der Feierabend uns eine Extranummer von 18— 20 Bogen bewilligt, werden wir verſuchen, den Leſern ein flüchtiges Titel- und Namenverzeichniß von den Concerten zu geben, die Deutſchlands„höheres Intereſſe“ herauszufordern vollkommen geeignet ſind.
thatenreiche Officiere in den Reihen der britiſchen Armee ſtehen. Als Lieutenant nach Hindoſtan gekommen nahm er 1824 an dem
erſten birmaniſchen Kriege und an den Schlachten von Napadee,
Patanagoh und Paghan als Adjutant des Generals Theil. Nach der Beendigung dieſes Kriegs erhielt er eine Miſſion an den Hof von Ava, hatte eine Audienz bei der goldfüßigen Majeſtät und half den Vertrag von Nandabu zu Stand bringen. 1827 ver⸗ öffentlichte er eine Schrift über dieſen Krieg, die ſich durch frei⸗ müthige Beurtheilung der ſtrategiſchen Führung auszeichnete. Nach verſchiedenen Garniſonsveränderungen und nachdem er in Calkutta ſich mit den einheimiſchen Sprachen bekannt gemacht, nahm Havelock, endlich nach 23jähriger Lieutenantſchaft Capi⸗ tain geworden, an dem erſten Feldzug gegen die Afghanen im Stab Sir Willonghby Cotton's Theil, war beim Sturm von Ghasna und der Beſetzung Cabuls gegenwärtig und kehrte dann nach Indien zurück. Auch über dieſen Feldzug veröffentlichte er eine Denkſchrift und wurde dann in den Pendſchab verſetzt, in den Stab des Generals Elphinſtone als perſiſcher Dolmetſcher. Als Sir Robert Sale gezwungen war, aus Cabul ſich nach Indien zurückzuziehen, wurde Havelock ihm zugeſandt; er war zugegen bei der Erſtürmung des Churd⸗Cabul⸗Paſſes, bei dem Treffen von Teſin und auf dem ganzen Marſch des Corps bis Dſchelalabad. In Gemeinſchaft mit ſeinen Freunden Major Macgregor und Capitain Broadfoot leitete er, unter Sale, die denkwürdige Vertheidigung dieſes Platzes und ſchrieb alle De⸗ peſchen, welche ſpäter von Sir George Murray ſo hochgeprieſen wurden. Bei dem letzten Angriff auf Mahommed Akbar im April 1842, der die Aufhebung der Belagerung zur Folge hatte, befehligte er die rechte Colonne und ſchlug den Feind bevor noch die übrigen Colonnen aufgerückt waren. Dafür erhielt er das Brevet als Major und wurde Ritter des Bath⸗Ordens. Als


