Jahrgang 
1857
Seite
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den Lüften ſegeln, wie die Kraniche und die gemeinen Weihen.

Geſellſchaft ihrer geſunden Kameraden ausgeſtoßen und man ſieht ſie häufig zurückbleiben und umkommen; ja, man er⸗ zählt ſich, namentlich von Störchen, daß ſie ſich vor der Abreiſe verſammelten, und einen Kranken, den ſie wahr⸗ ſcheinlich zur Reiſe untauglich hielten, ſogar tödteten. Viel⸗ leicht nach dem Grundſatze: beſſer, du ſtirbſt durch uns, als durch Fremde. Jetzt erhebt ſich die mächtige Schaar mit ihren viel Tauſend Schwingen in die Lüfte. Welch ein ſchö⸗ nes Schauſpiel ſtellt ſich jetzt unſern Augen dar! Ich meine nicht jene Schaaren, die unordentlich durcheinander fliegen und auch nicht hoch, oft, bei ungünſtigem Wetter, dicht an der Erde hin, wie die Schwalben und Lerchen, ich meine jene Völker, die in ſchönſter Ordnung und dabei hoch, hoch in

Die Meiſen, Bachſtelzen und Schwalben ziehen in unabſeh⸗ baren Reihen hinter einander. Viele Eulenarten, die grünen Regenpfeifer, grauen Kibitze, gem. Reiher, zuweilen auch die gem. Möven formiren eine ſchiefe Linie. Die Kraniche, wilden Gänſe und Enten geben ihrem Heereszuge die Form eines Keils oder einer umgekehrten lat. Fünfe(A). Der voranfliegende Vogel, welcher die Spitze des Keils bildet, wird immer nach einiger Zeit abgelöſt. Der Storch verläßt in ſchönem Kreiſe ſchwimmend die heimiſche Stätte. Wenn die kleine Schaar immer höher ſteigt und zuletzt nur noch in unendlicher Ferne lichte Punkte im blauen Aether ſichtbar ſind, hat der Anblick etwas Feierliches. Die Staare ziehen in einem Wirbel, und indem ſie gegen den Mittelpunkt

des Kreiſes, den ſie dabei beſchreiben, zu fliegen ſcheinen, treibt ſie ihr raſcher Flug dennoch vorwärts, ſo, daß es aus⸗ ſieht, als ob ſie ſich allmählig in der Luft fortwälzten. Wol⸗ len ſie ſich auf dieſe Art ſchützen? Denn kein Raubvogel kann in dieſen Wirbel dringen, ohne fortgeriſſen zu werden. Erleichtern ſie ſich auf dieſe Weiſe das Fliegen? Bei der Keilformation, die Epaminondas bei Leuctra, Friedrich der Große bei Leuthen als Schlachtordnung gebrauchte, iſt das ſicherlich der Fall. Wollen ſie ſich gegenſeitig die Ausſicht

nicht verdecken? Wer deutet uns als ächt naturwiſſenſchaft⸗

licher Augure den Zug der Vögel?! Das ſchönſte Schau⸗ ſpiel gewährt aber wohl eine Heerde rother Milanen oder Mäuſebußarde an einem heitern Herbſttage. Mit langſamen Schwingungen der Flügel ziehen ſie eine Strecke gerade aus, fliegen dabei ſehr hoch und nicht nahe aneinander. Jetzt machen ſie gewiſſermaßenHalt, um ſich, ohne irgend eine ſichtbare Bewegung der Flügel, eine zeitlang herum⸗ und ge⸗ mächlich fortzudrehen. Sind ſie das Drehen, wobei ſie doch weit fortgerückt ſind, überdrüſſig, ſo fliegen ſie wieder eine Strecke gerade aus, drehen ſich dann wieder, bis ſie ſich nach

und nach am fernen Horizonte aus unſern Augen verlieren.

In Mitteldeutſchland geht der Zug immer von Morgen gegen Abend, gegen Abend im Herbſte, gegen Morgen im Frühlinge! Das iſt ein ſchöner Zug zur Charakteriſi⸗ rung der Jahreszeit. Der Herbſt iſt der Abend, der Früh⸗ ling der große Morgen des Jahres.

(Schluß folgt.)

Aus dem Weltleben.

Alles hat ſeine Zeit ſagt bekanntlich der königliche Literat Salomo. Zwar ſind ſeitdem einige Tauſend Jahre verfloſſen, aber ſein Spruch iſt wahr geblieben. Auch die Kaiſerconferenzen ſind vorüber, die vielgeliebten Manövers ſogar und für uns bürgerliche Leute ſelbſt die Leipziger Michaelismeſſe. Sogar paſſive Oppoſition hat's dabei gegeben, indem die Verkäufer ihre Waaren, die Käufer aber ihr Geld hoch gehalten haben, ſo daß wenig zu Stande gekommen iſt. Daß wenig zu Stande kommt, ſind wir in Deutſchland ſchon gewohnt, vielleicht hat es auch ſeine Zeit. Aber dafür iſt in Buchareſt und Jaſſy ein unioniſtiſcher Divan, oder vielmehr zwei zu Stande gekommen, und zwar ad hoc. Ad hoc heißtgerad dazu und wird in der diplomatiſchen Sprache conſequent gebraucht, wenn man nicht weiß: zu was? Dieſe Divans ad hoc ſollen z. B. die politiſchen Anliegen und Ueberzeugungen der Moldau⸗Wallachen kund⸗ geben nämlich ad hoc; und überall iſts ſchon zu leſen, daß es ganz einerlei iſt, was ſie beſchließen, da die pentarchiſche Politik es ſich vorbehalten hat, die Wünſche und Ueberzeugungen der Donauländer viel genauer zu kennen, als ihre Vertreter, wonach ſie dann organiſiren wird. Abermals ad hoc. Unterdeſſen haben aber bekanntlich die ſegensreichen Kaiſerconferenzen allgemeine Armeereductionen beſchloſſen, während natürlich ein ganz hüb⸗ ſcher Kern ſtehender Heere ad hoc übrig bleibt. Auch tagt ein däniſcher Reichstag, der ad hoc berufen ſchien, aber Anſtalten macht, die vortreffliche Geſammtverfaſſung, welche ad hoc octroyirt wurde, wieder abzuſchaffen. Da nun gleichzeitig graue Herbſtnebel ihre Schleier über die ſchweigſame Flur breiten und die deutſchen Großmächte wegen Holſtein keine neuen No⸗ ten nach Kopenhagen ſchicken, auch der wieder zuſammentre⸗ tende Bundestag keine Beſchlüſſe faßt, nämlich zu einem na⸗ tionalen Auftreten gegen Dänemark, ſo werden ſicherlich noch

etwelche Conferenzen ad hoc ſtattfinden. Wir ernten unterdeſſen unſern Wein, thun unſere Kartoffeln heraus, kaufen Holz, heizen ein und ruhen aus von den beſchwerlichen patriotiſchen, politi⸗

ſchen, nationalökonomiſchen und andernunzuſtändigen Ge⸗

danken. Wir dürfen uns dafür, o Seligkeit, wieder vollkommen denhöhern Intereſſen hingeben!

Was freilich die echte Loyalität unterhöhern Intereſſen verſteht? Ein Narr fragt mehr als hundert Weiſe beantworten können und Schreiber Dieſes erfreut ſich bloß eines beſchränkten Unterthanenverſtandes. Da die Preßgeſetze für politiſche Blätter beſonders hohe Cautionen haben, die Preßpolizeien ſie beſonders liebevoll berückſichtigen und ſelbſt die verkehrsfreundlichen Poſt⸗ anſtalten ſie mit einem ſtärkeren Aufſchlag belaſten, als anderes Papier, ſo ſcheint es doch als hätten dieſe drei verſchwiſterten Segensinſtitute ein hohes Intereſſe daran, dieſe Blüthen der Schriftwelt den höheren Intereſſen gewidmet zu erachten, und davon die höchſten Intereſſen zu ziehen. Doch grau iſt alle Theorie, grün nur des Lebens goldene Praxis! Da wächſt z. B. ſeit langer Zeit am Lech im Königreich Baiern, der ſeinen Namen vom Lechfelde hat, auf welchem in grauen Jahrhunderten die Deutſchen ihre Feinde vernichteten, was gewiß nicht wieder ge⸗ ſchieht, weshalb man dort auch ein Erinnerungsfeſt feierte alſo am Lech wächſt ein Blatt zurallgemeinen Vertretung der höhern Intereſſen. Selbiges Blatt ſpricht in entſcheidenden Momenten mit gewiſſenhafter Conſequenz, aber erſtaunlichem Freimuth immer genau von denjenigen Dingen, um die ſich ge⸗ rade gar Niemand kümmert. Dadurch erhält natürlich das Aus⸗ land ſtets ein wahrheitstreues Bild der deutſchen Zuſtände, Stimmungen undhöhern Intereſſen. Wir aber lernen daraus, was eigentlich unſere höheren Intereſſen ſind.

Mit dieſer Erkenntniß ſtehen wir ganz naturgemäß an der