Jahrgang 
1857
Seite
551
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Jugend das Feld und zogen ſich zu den Flaſchen im Neben⸗ zimmer zurück, wohin Müller nach einigen Tänzen auch mich nachholte.

Da bring ich unſern Kellerprediger rief er Feldner und dem Muſikdirektor zu nun, Herr Patron, vom Beſten, der verſtehts!

So hol er in's Kukkuks Namen, und frag er nicht lange!

entgegnete Feldner, und blickte dem Forteilenden mit einem eigenthümlichen Blicke nach, indem er nach einigen Augen⸗ blicken hinzuſetzte:Dem haben Sie es förmlich angethan, Herr. Auch eine alte Muſe, müſſen Sie wiſſen, davon hat er alle die Schnurren, hat Viel durchgemacht, ehe er dahin gekommen iſt. Hätte ſich's vor vierzig Jahren als luftiges Studentchen nicht träumen laſſen, daß er bei mir Buchhalter werden würde, und meine Stütze in ſchweren Jahren; ja, und der uns unſer Kind erziehen half, und mit dem ich Haus zu halten denke, ſo lange wir alten Burſchen noch laufen.

Feldners Augen glänzten und ſeine Stimme war weich geworden, da kam Müller und ſchenkte von dem köſtlichen Ausbruch ein.

Trinken wir mit unſerm jungen Freunde den Willkom⸗ men rief er lebhaft das iſt der Mann, wie wir ihn brauchen. Werden nachgerade alt, Herr Patron, müſſen Leute haben, an denen wir uns erfriſchen können, die einem

Der Fartzug der

Das Herbſtdunkel, die nahende Kälte, die Ahnung des Mangels an Futter mahnt die Zugvögel an die Reiſe. Die Anſtalten dazu und die Vorbereitungen ſind bereits getroffen, oder werden noch getroffen. Die erſte Bedingung zur Reiſe iſt ein tüchtiges Reiſekleid, ſind ein tüchtiges Steuer (Schwanz), ſind tüchtige Ruder(Flügel). Für viele Vögel brachte dies bereits die Mauſer im Juli und Auguſt, für andere(z. B. die Meerſchwalbe) fiel die Mauſer erſt Ende Auguſt und in den September. Dies Reiſekleid iſt einfach, ſchmucklos, aber vollkommen und derb. Sieht man z. B. das alte Männchen des Gartenrothſchwänzchens gleich nach der Mauſer im Auguſt an, ſo wird man auf den erſten Blick

kaum einige Unterſchiede der Farben mit denen ſeines Weib⸗

chens finden, unterſucht man es aber genauer, ſo finden ſich alle ſeine ſchönen Farben, die es im Frühlinge ſchmücken, unter den oben braungrauen, unten weißlichen Federrän⸗ dern verſteckt. Die Ränder müſſen ſich erſt wieder abreiben, bevor die ſchönen Farben geſehen werden können. Wer ſich die Mühe nehmen will, wird das Geſagte wie beim Hänf⸗ linge und Finken, ſo auch am Sperlingsmännchen beſtätigt finden und das ſtufenweiſe Abnutzen der andersgefärbten Federränder genau beobachten können, wenn er vom Auguſt an alle Monate bis zum April des nächſten Jahres ein Hausſperlingsmännchen, um dies an ihm unterſuchen zu

können, tödtet. Eine andere Bedingung für die Reiſe iſt die Nahrung. Der Vogel hat aber weder Backentaſchen, noch kann er Vorrathskammern mit ſich durch die Lüfte

tragen. Es bleibt dem Vogel nichts weiter übrig, als daß er ſich vor dem Wegzuge mäſtet. Das thut er denn auch weidlich, und bekannt iſt es, daß die Vögel vor und im An⸗ fange der Zugzeit viel fetter als ſonſt ſind. Das Fett auf ihrem Leibe iſt Kraft und Zehrungsſtoff für die Reiſe, ſo

tanzen wollten.

um's Herz wieder ein Biſſel flott machen, daß die alte Ma⸗

ſchine nicht gar vor der Zeit in's Stocken geräth.

Da kam Louiſe mit einigen Freundinnen und verlangte Blumen von ihm und andre Dinge zum Cotillon, der eben getanzt werden ſollte. Sogleich folgte er ſeinem lieben Töchterchen, wie er ſie nannte, und kehrte nach einer Weile mit verklärter Miene zurück, mitten in einem Schwarme von Mädchen, die ſich ihm angehängt hatten, und alle mit ihm Der Kranz blühender Geſichter um das freundliche Greiſenantlitz hatte für mich etwas ſo Ergreifen⸗ des, daß ich aufſprang und ihm entgegenrief:Herr, ich kann nicht anders, nehmen Sie es, wie Sie wollen, aber Sie kommen mir, je länger ich Sie kennen lerne, immer mehr wie ein ganz junger Menſch vor! Lachend ſtimmten die Andern bei, Müller aber ſagte zu den Mädchen, auf mich deutend: Glaubts nicht, Kinderchen, und holt den da, der hat flinkere Beine, und ſoll ſich nicht mit der Zunge los⸗ kaufen.

Es war der letzte Tanz, den ich mit Louiſe unter aller⸗ lei luſtigen Wendungen aufführte, worauf man ſich abkühlte, und den Heimweg in der milden Nacht zu Fuß antrat.

Mancher ſchöne Tag hat ſich für mich an jene erſte Begeg⸗

nung angeknüpft, und ſind auch jene lieblichen Geſtalten, die

Sterne meines Jugendhimmels, längſt verſunken, die Er⸗ innerung daran erfriſcht mir noch jetzt das Herz.

Vügel im Herbſte.

ähnlich, als bei den Winterſchläfern für den Schlaf. Eine dritte Bedingung für die Reiſe endlich iſt: das Fliegen⸗ können, eine ſchwere Kunſt, welche die Jungen durchaus noch nicht verſtehen. Was iſt da zu thun? Die Alten geben vor der Abreiſe ihren Kindern Unterricht im Fliegen, halten, wie die Schwalben und Störche, Flieg-Uebungen mit ihren Jun⸗ gen, einzeln, familienweiſe oder auch vor der Formirung des großen Zugs in größeren Schaaren.

Sind alle Vorbereitungen von den einzelnen Arten ge troffen, ſo wird das Signal zur Sammlung, zur Zuſam⸗ menrottung gegeben, eigne Locktöne, an denen man die Art der Vögel erkennen kann, welche über eine Gegend hinziehen. Die Schwalben, Störche, Krähen, Lerchen u. ſ. w. ſammeln ſich in ungeheuren Schaaren und bilden nun ein ungeheures Volk, ein mächtiges Heer, das aber nicht aus Aegypten zieht, ſondern nach Aegypten. Ganz ordentlich, wie ein eigentlicher menſchlicher Heereszug, wird der Zug der Vögel in den Vortrab, die Hauptarmee und den Nachtrab getheilt. Den Vortrab bilden gewöhnlich ſolche alte Vö⸗ gel, die im Brüten unglücklich waren. Sie haben Zeit genug zur Reiſe, gehen früher fort und eilen daher auch nicht. Sie wollen ſich auf der Reiſezerſtreuen und über ihr Un⸗ glück tröſten.

Das Hauptcorps, das iſt der große Haufen, nach wel⸗ chem man die eigentliche Zugzeit beſtimmt, beſteht aus glück⸗ lichen Eltern und ihren zahlreichen Kindern und den erſten zur rechten Zeit ausgebrachten Bruten deſſelben Jahres. Der Nachtrab oder Nachzug aber beſteht aus den Jungen ſpäterer Bruten, welche ſich nicht eher auf die Reiſe wagen, bis ſie ſich ſtark und flüchtig genug dazu fühlen und aus einzelnen, durch irgend ein Mißgeſchick zurückgehaltenen Alten, Kranken und Krüppeln. Die letzeren werden aus der