550
ihre Nachbarſchaft zu erhalten, und bald plauderten wir ganz vertraut zuſammen. Beſonders freute ſich Louiſe, die Tochter vom Hauſe, daß nun für die langen Winterabende Ausſicht zu größern muſikaliſchen Unterhaltungen ſei, die der Papa ſo liebe, und ſchwärmte von den Sachen, die man da alle vornehmen könne, und wie ſie ſich Beide fleißig üben wollten.
Ach, wenn ich nur bei der armen Tante immer ſo ab kommen könnte entgegnete Emilie traurig Du weißt Lieschen, wie ſchwer dies jedesmal hält!
Ja wohl ſiel Frau Feldner ein, die bei der Runde um die Tafel hinter die Mädchen getreten war, und ſtrich Emilien den dunkeln Scheitel aus der Stirn. Ja wohl ſind unſerm armen Kinde die heitern Tage knapp zugemeſſen, ſo ſehr iſt ſie an das Krankenzimmer der alten eigenſinnigen Dame gefeſſelt.
Darüber wurde der alte Herr Müller aufmerkſam. Ueber den abſcheulichen Egoismus des Alters, eiferte er über die Tafel herüber. Anſtatt ſich an unſchuldiger Jugendluſt zu freuen, ſehen ſie ſcheel, wenn das friſche Blut nicht eben ſo träge durch die Adern ſchleicht, wie bei ihnen. Da wird von Undank und Pflicht geſchwatzt, und man bedenkt nicht, daß es eine der heiligſten Pflichten iſt, der Jugend ihr freies, freudiges Sein nicht zu verkümmern. Es iſt nicht zu viel geſagt, daß ſich die Menſchen an Nichts ſo arg verſündigen, wie an der Jugendl
Da iſt er im Zuge hob Feldner launig an bekommen wir eine ganze Predigt.
Nun gar das Krankenzimmer— fuhr der Andre fort iſt das ein Ort für junge Mädchen? Das ſiecht und ver dumpft, macht Sinne und Geiſt trübe. Da ſoll mir unſre Emilie nicht wieder hinein, das wollen wir der Frau Tante ſchon beibringen.
Recht fiel Feldner ein er ſoll Morgen gleich hin und der kranken Frau den K opf zurecht ſetzen. Wenn er dann ein Wort von ſeinem Sermon herausbringt, will ich ver dammt ſein
Die Geſellſchaft wurde immer munterer, beſonders die Herren, da Feldner die beſten Jahrgänge aus ſeinem Keller aufgeſetzt hatte. Der Kämmerer vor Allen blinzelte ſo ſelig mit den kleinen Aeugelein und ſchmatzte mit der Zunge, daß die rothe Naſe zu Zeiten in dem bauchigen Römerglaſe ganz verſchwand.
nun
Seht den alten Sünder— neckte ihn Müller— wie er mit dem Glaſe liebäugelt! Iſt das Einzige kicherte der Kämmerer was
einem alten Junggeſellen bleibt, Herr Bruder. Thätet ge ſcheidt, Euch auch zu ſolchem Schätzchen zu halten, und das Geflunker mit dem jungen Frauenzimmer zu laſſen, iſt ja doch Nichts dahinter.
Endlich füllte der Hausherr den alten Familienpokal und trank auf das Wohl ſeiner Gäſte, worauf derſelbe in her kömmlicher Weiſe die Runde machte. Jeder ſagte ſeinen Spruch und der Muſildireetor ſtieß mich an, mich zu ſammen zu nehmen.
Es gilt dem Keller unſeres Wirthes hub ich an, als die Reihe an mich kam der ehrwürdigen Verſammlung der dort gelagerten Notabeln, an welche ſich der Segen dieſes Jahres würdig anſchließen möge! Man heißt die Fäſſer im Bremer Rathskeller Apoſtel. Ich aber ſage, ein Faß ſo edlen Stoffes iſt mehr denn Apoſtel, iſt der heilige Geiſt der Natur ſelbſt, der in ſeiner ſchönſten Offenbarung, dem Weine, über uns ausgegoſſen wird. Wir aber, die wir trinken, wir ſind die Apoſtel. Werden da nicht Stumme beredt, nicht Blinde ſehend, wie wir heute erlebten? Fühlt
ſich nicht ein Jeder begeiſtert, auszugehn in alle Welt, zu lehren alle Heiden, das heißt: Leute, die von Wein und ächter Herzensfröhlichkeit Nichts wiſſen? Drum Heil dieſem Keller! Heil unſerm Wirth und ſeinem Hauſe, welches er im Bunde mit ſeiner Gattin zu einer Stätte deutſcher Gaſtlichkeit und Biederkeit gemacht hat, daß Allen gleich heimiſch wird, die es betreten!
Unter lautem Hoch drängten ſich Alle mit den Wirthen anzuklingen, und Feldner ſchüttelte mir ſchweigend die Hand. Seine Gattin aber erklärte, daß ſie mich von nun an als zum Hauſe gehörig betrachte. Auch Louiſe und Emilie tran ken mit mir auf gute Bekanntſchaft, und der alte Herr Müller wußte gar nicht, was er mir Liebes und Freundliches ſagen ſollte und ſtieß immer von Neuem mit mir an. Indeſſen waren die jungen Leute bei dem allgemeinen Aufſtand nicht länger zu halten und wendeten ſich an Müller, der, als ihr ſtets bereiter Fürſprecher, Feldner anging, die Tafeln räumen und den Tanz beginnen zu laſſen.
Schon gut— entgegnete dieſer— mach er, was er will! Er hat doch noch ſein Stückchen vor, er alter Schwindler, es wäre das erſte Mal, daß es ſo abginge. Aber das bitte ich mir aus, eine ſolide Polonaiſe zum Anfange, daß unſer Einer auch noch mit kann.
Sich vor innerem Vergnügen die Hände reibend, traf Müller ſeine Anſtalten und plötzlich erſcholl die Polonaiſe aus Spohrs Fauſt, Feldners beſonderes Lieblingsſtück, vom ſtädtiſchen Muſikchor, welches er heimlich herausbeſtellt hatte, trefflich ausgeführt. Jubelnd ſtellten ſich die Paare, und Müller führte mit Frau Feldner, voll der trippelnden Grazie der guten alten Zeit, den Reihen. Die Flügelthüren des Saales wurden geöffnet, und unter Vortritt der Muſik begab ſich der Zug in das Freie, nach dem geräumigen Vor platz des Hauſes, der durch friſch angezündete Strohfeuer erhellt war, durch welche die Paare nach Weinbergsbrauch hindurch ſpringen mußten. Der alten Sitte gemäß lagen dürre Reisbeſen bereit, mit denen ſich Alle verſahen, um ſie anzuzünden und gleich Fackeln zu ſchwingen, und ſo bewegte ſich die ſlammende Kolonne in maleriſchen Windungen die Stiegen auf und ab. Die Scene war im höchſten Grade anregend. Im ſchwachen Dämmer der abnehmenden Mond ſichel lag die Gegend, von den Bergen ringsum blinkten Feuer, ſcholl feſtlicher Jubel. Majeſtätiſch brauſte das herr liche Tonſtück in die Nacht und heftig taktirend und hier und da in die Textesworte der Oper einfallend, ſchritt der Muſik direktor mit Louiſe vor mir hin, dem ich mit Emilien folgte. Da überraſchte uns der Haupteffekt des Abends. An der Steinbank gerade über unſern Häuptern hatte der ehrliche Plunderer mit ſeinen dienſtbaren Geiſtern Poſto gefaßt. Die Böller donnerten, ganze Fächer von Raketen mit ihren glühen den Schweifen ſtiegen in den dunkeln. Nachthimmel und ſchütteten blendende Leuchtkugeln in allen Farben aus. Im Brillantfeuer brannte Feldners Namenzug an der Felswand, und inmitten mehrerer Feuerräder, das Antlitz im ſchärfſten Licht von der einen Seite grün, von der andern blau ange ſtrahlt, ſtand er ſelbſt, der große Feuerkünſtler, in wahrhaft infernaliſcher Majeſtät.
„O Kaliban, mein ſüßes Ungeheuer“ ſchrie ihm der höchſt aufgeregte Muſikdirektor zu und breitete die Arme gegen ihn aus. Allein da ergoß ſich auf ſeinen Wink über die unten⸗ Stehenden ein ſehr fühlbarer Feuerregen, der Alles ausein ander trieb, und er ſelbſt verſchwand, gleich dem Höllen fürſten, in Geſtank und Hohngelächter.
Den Ländler, welcher der Polonaiſe im Saale folgte, hielten die älteren Herren noch aus, dann räumten ſie der


