die ſich den Heiland zum Bräutigam erkoren, wies Alle zu⸗ rück. Endlich wollte Attich ſie zwingen, einen deutſchen Fürſtenſohn zu ehelichen; ſie fürchtete ſeine Gewaltthätigkeit und floh in ärmlichem Gewande über den Rhein, dem Schwarzwalde zu. Eben hatte ſie ſich im waldigen Thal⸗ grunde niedergeſetzt um auszuruhen, als Hufſchlag und Waffengeklirr ihr die Nähe der Peiniger verkündet. Raſch fährt ſie auf, den Berg hinan; als jedoch die Kräfte allmäh⸗ lig verſagen und die Verfolger immer näher kommen, bleibt ſie mit flehend emporgeſtreckten Armen vor einer Felswand ſtehen. Und, o Wunder! die Wand öffnet ſich, wie ein Thor, nimmt die Jungfrau auf und ſchließt ſich hinter ihr, daß keine Spur der Oeffnung übrig bleibt.
Das trifft den verſtockten Alten, wie Wetterſchlag. Ur⸗ V
plötzlich erweicht, jammert er, einem Kinde gleich, ruft die Tochter beim Namen und gelobt, ihr nie mehr Gewalt zu thun, dafern er ſie nur einmal wieder habe. Und abermals klafft die Wand, der Fels giebt ſeinen Schützling heraus und mit ihm eine Quelle, die heute noch unter der Odilienkapelle bei Freiburg im Breisgau ſprudelt und blinde Augen ſehend macht. Attich ſchenkte der Dulderin das Schloß Hohenburg und ließ ſie dort ein Kloſter bauen, wo ſie ihn ſelber, nach⸗ dem er geſtorben, ſo unermüdlich aus dem Fegefeuer heraus⸗ betete, daß die Spuren ihrer Kniee noch ohnlängſt in einem Steine vor dem Altar der„Zährenkapelle“ zu ſehen waren. Fortan lebte ſie, ein leuchtendes Vorbild aller Nonnen, nur dem Herrn. Endlich aber erfaßte ſie die Ahnung des Todes; ſie ermahnte alle ihre Frauen zur Gottſeligkeit und blieb dann ganz allein in der St. Johanniskapelle. Es dauerte nicht lange,„ſo fuhr ihre ſeelige Seele aus ihrem Leibe in
die ewige Freude. Da verbreitete ſich ein ſo ſchöner Geruch, daß ihn die Frauen in ihrer Kapelle empfanden. Und als ſie kamen, fanden ſie ihre ſeelige Mutter Odilie todt und auf den Knieen liegend. Darüber betrübten ſie ſich ſehr,
beſonders auch, daß Odilie ohne die ſeeligen Sterbeſacra⸗
mente geſtorben war; ſie riefen die Gnade des Herrn an, er möge doch ſeinen Engeln gebieten, daß ſie die entrückte Seele in den Leichnam zurückführten. Da ward Odilie wieder lebendig und ſprach: O ihr lieben Schweſtern, warum habt ihr mir ſolche Unruhe gemacht, daß ich aus der ſeeligen Ge⸗ meinſchaft St. Luciä wieder in dieſen armſeeligen Leib kommen?“ Alſo ließ ſie ſich einen Kelch reichen mit dem
heiligen Sakrament, nahm es ſelbſten, und ſodann fuhr ihre
Seele wieder in den Himmel.“**) Der Leib wurde, wie vor⸗ dem die ſterbliche Hülle ihrer Eltern, oben beigeſetzt; nur nahm Kaiſer Karl IV. bei einem Beſuche den rechten Arm(l) der Heiligen für ſein Prag mit, und in der Revolutionszeit verſchwand der Reſt.....
Wo denn das Hohenburg, das Kloſter ſammt Johannis⸗ und Zährenkapelle ſei, fragen Sie? Ei, ſehn Sie doch auf! Die Häuſer da, dicht vor uns, gehören zu dem durch ſeinen Rothwein bekannten Otrott; die beiden großen Ruinen, die es von halber Gebirgshöhe herab beherrſchen, ſind die Ueber⸗ bleibſel der Schlöſſer Lützelburg und Rathſamhauſen, und links auf dem mächtigen Felsrücken die düſtere Mauermaſſe mit der uralten Linde im Hofe iſt nichts Geringeres als— St. Odilien.(S. die Abbild. 2.)(Fortſetzung folgt.)
*) Ferdinand Bäßler, Sagen aus der Geſchichte des deutſchen Volkes.
Aus der Krankenſtube. III. Die Schwindſuchi.
(Fortſetzung.)
Es iſt bekannt genug, daß man im gewöhnlichen Leben eine gewiſſe Beſchaffenheit des Körpers als Anzeichen der tuberkulöſen Dispoſition betrachtet. Wer kennt nicht den „Schwindſuchtshabitus“? Abgeplatteter Bruſtkaſten, flügel⸗ förmiges Abſtehen der Schulterblätter, ſchmächtiger Körper⸗ bau bei auffallender Länge, ſteil abſinkende Schultern, auf⸗ fallend langer Hals, feine Haut mit ſcharf prononcirter Wangenröthe, blendend weiße Zähne, leichte Erregbarkeit des Nerven⸗ und Blutſyſtems— das iſt ſo ungefähr der Complex jener Erſcheinungen, hinter denen das große Publi⸗ kum ſelbſt bei anſcheinender Geſundheit den lauernden Tod⸗ feind zu argwöhnen gewohnt iſt. Allein gerad in dieſem Schluſſe täuſcht man ſich recht oft. Uebergroßer Zärtlich⸗ keit und Beſorgniß erſcheinen oft alle dieſe Anzeichen in höherem Grade entwickelt, als ſie es wirklich ſind, oder ſie nimmt eines und das andere ſchon für genügend, um die Anweſenheit einer tuberkulöſen Neigung zu beſorgen. Aber auch die Geſammtheit des ſogenannten phthiſiſchen Habitus iſt nicht etwa ein unterſchriebenes Todesurtheil, deſſen Voll⸗ ſtreckung nur eine Frage der Zeit. Tauſend und abertauſend Beiſpiele beweiſen vielmehr, daß ſelbſt Menſchen, deren Körpergeſtaltung und Conſtitution die Geſammtheit dieſer Erſcheinungen in ſehr hohem Grade zeigen, niemals von Tuberkuloſe ergriffen werden, ja während einer langen Lebensdauer ſich ſogar einer ſehr feſten Geſundheit erfreuen. Für den Nichtarzt giebt es kaum etwas Trügeriſcheres und
wirken, ihrem erſten Auftreten zu begegnen.
Täuſchenderes, als den ſogenannten Schwindſuchtshabitus. Ja, öfter ſelbſt, als die urſprüngliche Körperbeſchaffenheit werden ſolche Menſchen, namentlich in den höhern Ständen, erſt durch übergroße Verzärtelung, ungenügende Muskel⸗ übung, allzuängſtliche Speiſewahl, allzuſtrenge Lebensord⸗ nung mehr und mehr zu allgemeiner Empfindlichkeit und
ſpeciell zu derſelben Krankheit disponirt, vor welcher man ſie behüten will.
Wenn dies nun auch im Allgemeinen gilt, ſo iſt damit doch keineswegs geſagt, daß Perſonen von ſolcher äußern Erſcheinung und Conſtitution unſere Aufmerkſamkeit und Vorſicht nicht in höherem Grad als andere in Anſpruch nehmen ſollen. Im Gegentheil. Je feſter leider die Wahr⸗
heit ſteht, daß eine einmal zur vollen Entwickelung gelangte
Tuberkuloſe nur ſelten heilbar iſt, je ſicherer ſie mindeſtens in dem ergriffenen Organ immer eine dauernde Beeinträch⸗ tigung der Geſundheit hinterläßt, deſto ſorgſamer und eifriger muß dahin geſtrebt werden, ihrer Entſtehung entgegenzu⸗ So ſind denn ſolche überraſch aufgeſchoſſene, zarte, delicate Menſchen, bei denen man die Gefahr einer tuberkulöſen Dispoſition ver⸗ muthet, ganz vorzugsweiſe vom Ende der Entwickelungsperiode bis zur vollkommenen Mannesreife(alſo etwa vom 15. bis 30. Jahre) ſorgſam im Auge zu halten. Gewöhnlich fällt nun auch in dieſe Zeit die Wahl des Lebensberufes, ſie wird alſo entſcheidend ſein für das ganze Leben. Bekannt iſt nun,
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