Zwölfhundert Jahre ſind's, ſo ſpricht die Sage, daß dem harten Gemahl der weichen Bereswinde ein Mägdlein geboren wurde; das Mägdlein war blind. Der Vater ge⸗ dachte es tödten zu laſſen, aber die Mutter ließ es durch eine treue Dienerin nach Scherweiler bei Schlettſtadt, und als ſie es auch dort gefährdet glaubte, in's Kloſter Palma (Baume-les-Dames) nach Hochburgund bringen, wo ihre Schweſter Aebtiſſin war.
worden— erfuhr ſie, daß ihr daheim ein jüngerer Bruder, mit Namen Hugo, lebe. Sie ſchrieb ihm, er möge den Vater zur Milde ſtimmen; der aber war taub, und Hugo nahm es endlich auf ſich, die liebe Schweſter insgeheim in einem Wäglein abholen zu laſſen. Der Wagen kam, als
Attich mit ſeinen Leuten gerade auf dem Schloſſe Hohen⸗
Da ſagte dem Biſchof Erhard zu
Regensburg eine Stimme vom Himmel, er ſolle hinpilgern
burg ſaß. Wer naht da? fragte der Vater.„Deine Toch⸗ ter“ erwiederte der Sohn. Wer rief ſie? donnerte Attich ihn an, und als Hugo’s zitternde Stimme antwortete„Ich,
St. Odilien.
und das blinde Kindlein auf den Namen Odilie taufen, ſo werde ihm der Augen Licht aufgehn. Er that, wie ihm ge⸗ heißen war, und ſiehe da, während der Taufe blickte ihn die Kleine ſonnenhell an. Vergebens aber bat er Attich in einem Briefe, die Unſchuldige liebreich wieder aufzunehmen; der trotzige Mann antwortete nicht, und Odilie wuchs als Waiſe im Kloſter heran.
Einſt— ſie war unterdeß eine liebliche Jungfrau ge⸗
dein Sohn und Diener“ erhob der Wütherich einen ſchweren Stab und ſchmetterte den Jüngling nieder. Der Schlag war gut, der Knabe ſtarb. Odilie aber wurde wie eine Magd gehalten, unter der Zucht einer Kloſterfrau.
Mit jedem Tage ward ſie lieblicher und frommer, bis in die Ferne drang ihrer Schönheit und Güte Ruf. Da ſtrömten, wie einſt um Hagens Tochter Hilde, die Freier herbei: Grafen und Herren gar ſtolzer Art; Odilie aber,


